Kommentar zu „Psssst“

Wieder einer dieser furchterregenden Artikel über Musik im Wirtschaftsteil. Die Autorin Caterina Lobenstein veröffentlichte am 7. Mai 2015 unter dem Titel „Psssst!“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Hauptproblem des Artikels ist der populistische Unterton, der die Argumentation ersetzen soll.

„Die Gagen vieler Stardirigenten werden gehütet wie ein Staatsgeheimnis – obwohl die Bürger mit ihren Steuern dafür aufkommen“. C. Lobenstein

Christopher Warmuth hat Zahlen, Antworten und schafft Klarheit, wo Lobenstein den Leser in gefährlicher Schwebe zurücklässt.

Das Artikelbild zeigt Claudio Abbado. Er trägt Manschetten, Frack und er dirigiert anscheinend eine sehr, sehr leise Stelle, denn er hält seinen Zeigefinger senkrecht vor die Lippen: Pssst! Bildunterschrift: “Claudio Abbado verlangte eine horrende Gage.”

Als Nächstes begreift der Leser, dass der Artikel im Wirtschaftsteil der Zeit erschienen ist. Spätestens hier brennen die Alarmglöckchen von Kulturliebhaber durch. Ist von Musik im Wirtschaftsmantel die Rede, hat man Angst, dass der Autor das Thema auf folgende Worte reduziert: zu teuer, Subventionen und Steuerzahler! Die Autorin Caterina Lobenstein kennt mehr Worte, verfasst dennoch eine Katastrophe. Populistische Perlen des Journalismus:

“Als Chailly vor rund zehn Jahren in Leipzig seinen Vertrag unterschrieb, galt die Stadt als Armutshauptstadt Deutschlands. Die Arbeitslosigkeit lag dort bei mehr als 20 Prozent.”

oder:

“Auch Chaillys Leipziger Unterkunft wird aus Steuern finanziert. Der Dirigent, recherchierte die Lokalpresse, lebe in Leizpis im Hotel, in einer 181 Quadratmeter großen Executive-Suite. Regulärer Preis: 810 Euro pro Nacht.”

Der Leser haut nach jedem Satz auf den Tisch und fragt sich, wo Frau Lobenstein bisher gewesen ist. Das kann’s ja wohl nicht sein! Endlich sagt mal einer die Wahrheit! Zahlenfutter gibt die Autorin wenig – eine einzige Summe ist geschickt im Artikel platziert: 120.000 Euro habe Lorin Maazel für einen Konzertabend bekommen.

Nichts Neues Frau Lobenstein! An sich also einer dieser langweiligen Artikel, aber: Er bleibt verdammt gefährlich. Die Autorin versucht die Debatte Kunst und Wirtschaft zu umschiffen, bleibt wage, bezieht nicht direkt Stellung. Der Rest passiert im Kopf des Lesers. Lobenstein nennt kaum Zahlen – aus angeblicher Unkenntnis.

“Die Gagen vieler Stardirigenten werden gehütet wie ein Staatsgeheimnis – obwohl Bürger mit ihren Steuern dafür aufkommen.”

Dank terzwerk-Telefon gibt es ein paar Staatsgeheimnisse weniger:

Das Freiburger Barockorchester beispielsweise kostet inklusive Dirigent René Jacobs, sechs namhaften Solisten und Chor an die 80.000 Euro pro konzertanter Opernproduktion – Anfahrt und Hotelkosten inklusive. Selbst wenn man polemisch rechnen will, bleibt Jacobs deutlich unter 10.000 Euro pro Abend. Christian Thielemann mit Orchester kostete 100.000 Euro pro Abend. Mehr Geld, aber weit entfernt von den zitierten 120.000 Euro nur für den Dirigent Maazel. Das Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam lag an einem Abend mit Pierre Boulez bei 95.000 Euro. Die teuerste Pauschale, die terzwerk zu Ohren kam, liegt bei 200.000 Euro: So teuer sind die Berliner Philharmoniker für einen Abend. Mutmaßlich werden die ihrem Dirigenten auch nicht 120.000 Euro auszahlen.

Klar ist das viel Geld, aber jetzt schlusszufolgern, dass alle Steuerzahler diese Gehälter bezahlen, ist falsch. Die Steuern bieten lediglich die Bühne. 2.000 Plätze mit einem durchschnittlichen Kartenpreis von 100 Euro machen 200.000 Euro. Solche Konzerte finanzieren sich im Grunde ohne Unterstützung. Lediglich Steuern und Personal stemmt der Steuerzahler.

Das Bild, das Lobenstein beim Leser erzeugt – Frau Merkel mit einem Überweisungsträger in der Hand, sechsstellige Beträge an Dirigenten auszahlend – ist krude und grotesk. Die Gelder der öffentlichen Hand gehen für sperrige Programme, menschliche Fehlgriffe, Bürokratie und Arbeitsplätze drauf und zahlen beim besten Willen nicht Stardirigent xy den Privatjet, ihre Suite oder dergleichen. Das tut das Publikum.

Der Durchschnittsdirigent in Deutschland kann von solchen Gagen nur träumen. An mittelgroßen Häusern ist die Verdienstspanne breit: Die Spitzenjobs haben da Generalmusikdirektoren inne – mit bis zu 15.000 Euro monatlich brutto. Ein Kapellmeister erhält 2.500.

Klar: Es gibt eine Riege, die sehr viel verdient: Gustavo Dudamel, Daniel Harding, Andris Nelsons, Bernhard Haitink, Nikolaus Harnoncourt und Riccardo Muti. Auch das Alter spielt eine Rolle – die Wahrscheinlichkeit, dass ein greiser Dirigent die nächste Tournee überlebt, ist unwahrscheinlicher als bei einem jungen Kollegen. Das ist böse, aber plausibel.

Aus dem Blickwinkel der großen Masse: Verrückt, auch Kunst funktioniert nach ähnlichen Regeln wie privatwirtschaftliche Prozesse. Der untere Teil der Pyramide verdient mäßig bis solide, die kleine Spitze scheinbar unverhältnismäßig viel. Dieser Konflikt bleibt im System Kapitalismus charakterisierend.

Bevor man diese Prozesse durchbrechen will – falls man das überhaupt kann – sollte man wissen, für was man da denn eigentlich zahlt. Das ist der Knoten der Diskussion. Was haben wir davon, einen Abend Mahler im Konzert zu hören? Oder Mozarts Opernspinnerei nachzuvollziehen? Oder Zimmermanns strukturierte Überforderung mit mehreren Orchestern, Chören und Lautsprechern, die ja noch teurer sind als die klassische Besetzung?

Allein unser Sprachgebrauch zeigt uns, dass ein Missverhältnis zwischen Kunst und Arbeit in unseren Köpfen existiert. Wir sagen: Das Hagen Quartett spielt heute Mozart. Das Concertgebouw spielt heute Tschaikowsky. Die Berliner Philharmoniker spielen heute Bruckner. Spielen. Versetze ich mich in ein Wirtschaftshirn, denke ich natürlich auch: Wieso ist etwas Spielerisches so teuer? Wenn Künstler Spaß dabei haben, können sie auch weniger verdienen!

Ich glaube, es geht nicht um die Musiker oder um den Dirigenten. Es geht um mehr. Um was es da geht, das ist kein Spiel! Es ist die Realität, unsere Realität, es ist wir. Setzen wir das um: Heute Abend im Konzerthaus Dortmund arbeitet Khatia Buniatishvili mit ihrem Klavier an Liszt, Ravel und Strawinsky. Vor allem aber arbeitet sie an uns allen. Und das kostet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.