Arvo Pärt im Garten der Zeitgenössischen Musik

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Szene auf dem Grundstück der Klassik: Stellen wir uns die Zeitgenössische Musik als kleines Beet vor einem schmucken Gartenhäuschen vor. Dieses beherbergt Pflegeutensilien, Komposterde und Gießkannen, damit die jungen Pflänzchen des bunten Gartens überleben, nicht nur das alte Gestrüpp. Arvo Pärt wäre dann das winzige Streichholz, das ein scheinbar unkontrollierbares Feuer entfacht. Vergessen wir das Zischen beim Entzünden des Holzstöckchens, besprenkeln nicht kläglich die lodernden Flammen mit altem Regenwasser, sondern wagen wir doch lieber einen Blick in den Brandherd selbst.

Der estnische Komponist Pärt heizt fast immer Diskussionen an. Die Einen finden ihn als Komponisten genial, weil seine Musik beweist, dass schräge Klänge per se Unsinn sind. Dem anderen Teil ist er zu rückwärtsgewandt, zu lange hat man für die Atonalität kämpfen müssen. Was für leidige Reflexe! Man könnte denken, wir wären weiter. Das symptomatische Gebrabbel um Für und Wider versperrt den Blick aufs große Ganze.

«Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn eine einzige Note wundervoll gespielt wird. Diese eine Note, oder ein leiser Schlag, oder ein Moment der Stille, beruhigen mich.»

Arvo Pärt

Arvo Pärt wird am elften September 1935 in Weißenstein [estnisch «paide»] geboren, sein achtzigster Geburtstag rückt näher. Pärt selbst proklamiert, dass Estland sein kompositorisches Schaffen prägt, die ideelle Grundlage seiner Werke jedoch eher durch spirituelle Erfahrungen im Osten beeinflusst wird. Estland ist eingekesselt zwischen der orthodoxen Religionskultur Russlands und der geschichtlichen Nähe zum Westen durch Skandinavien. In Pärts frühen Werken herrscht zeitliche Gewohnheit – Reminiszenzen von Schostakowitsch, Bartók und Prokofjew hallen der Zwölftönigkeit nach. Aus heutiger Sicht: Neutönermainstream. Berühmt wird Pärt erst 1984 mit dem Werk «Tabula rasa».

Meisterwerk von Ricarda Baldauf.

Krasser Bruch. Jetzt wird’s interessant: Warum er das serielle Korsett ablegt, zeigt sein sogenannter Tintinnabuli-Stil [dt.; «Glöckchenstil»]. All das entwickelt sich in der schöpferischen Pause von 1968 bis 1976. In dieser Zeit tritt Pärt der russisch-orthodoxen Kirche bei und studiert Alte Musik, speziell die Zeit der Gregorianik. Greift man folglich in das Taufbecken des Stils, verstocken die Hände in einem Schlick aus gregorianischen Chorälen und Renaissancemusik – kalt, zäh und unglaublich hartnäckig. Es geht um ein simples Prinzip: Die Verbindung der horizontalen und vertikalen Dimension der Musik, der Melodie und Harmonie – eine Wiederentdeckung der Bedeutung von Tonalität?

Ein Beispiel: «Für Alina» ist ein Klavierstück von 1976. Es gibt keine Angabe eines Taktmaßes [einziger Hinweis «Ruhig, erhaben, in sich hineinhorchend»] und unbestimmte Tonlängen, die lediglich in kürzeren und längeren Notenwerten unterteilt sind. Es ist eine Mischung aus den Tönen einer h-Moll-Tonleiter, der Melodiestimme in der rechten Hand und den Tönen des h-Moll-Dreiklangs in der linken Hand.

Das Werkverzeichnis von Pärt ist für zeitgenössische Komponisten ungewöhnlich groß. Und seit der Erfindung des Tintinnabuli-Stils gibt es keine großen Neuerungen mehr. «Adam’s lament» schrieb Pärt 2010, es ist ein Werk der Nabelschau. Getarnt ist es als Mahnung, die zur Besinnung der Menschheit aufruft. Adam hat die Urschuld der Menschen auf sich geladen und klagt unsäglich, nachdem er aus dem Paradies gekickt wurde. Alles schön und gut, leider wirkt die Musik seicht, das Kernproblem wird umnebelt von Wohlklang. Man versinkt in Esoterik.

Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn war im März diesen Jahres gemeinsam mit dem Estnischen Philharmonischen Kammerchor im Konzerthaus Dortmund. Gottfried von der Goltz dirigierte dort das Stück Adam’s Lament von Pärt.

Wie also umgehen mit dem Pärt-Phänomen? Zurücklehnen und entspannt bleiben. Hören wir doch auf zu zündeln und nehmen lieber Platz im Schaukelstuhl vor dem Gartenhaus und sind höchst erfreut, dass sogar Leute ohne grünen Daumen unsere Pflänzchen bestaunen. Arvo Pärt bleibt eine Facette, die notwendig ist, damit der Klassikverein nach außen ein wenig Sinnstiftung suggerieren kann. Dem Himmel sei Dank ist es ja meist sehr leise Musik.

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