Komponieren in den neuen Golden 20s

Ein Blick zurück: Vor mehr als 100 Jahren gewann als erste Frau, die französische Komponistin Lili Boulanger den Grand Prix de Rome. Von Satie über Stravinsky und Gershwin zu Duke Ellingtons Big Band. Ob man den Zeitraum länger oder die Entwicklungen größer findet, die sich in ihm zugetragen haben, bleibt jedem selbst überlassen. All diese herausragenden Menschen, die etwas zu sagen hatten. Über ihre Zeit, über ihr Leben und die Gesellschaft, die sie hervorbrachte. Sogar jetzt lernen wir von ihnen oder lassen uns durch sie in eine neue, andere Gedankensphäre treiben. Aber was können uns die KomponistInnen von heute sagen? Haben sich die Dinge geändert? Was muss uns wieder ins Gedächtnis gerufen werden? Und worüber wurde bisher geschwiegen? Wir haben mit Komponistin, Sängerin und Performance Künstlerin Elaine Mitchener gesprochen.

©Elaine Mitchener

terzwerk: Elaine, wenn du dich auf eine Sache beschränken müsstest, was hat sich in den letzten 100 Jahren Komposition verändert?

Elaine Mitchener: Ich denke, Tonalität, Atonalität und Bitonalität, und Rhythmus. Dieses Erkunden und Ausreizen von Musik wurde in Wirklichkeit von afroamerikanischen Jazz-KomponistInnen in den 40er, 50er und 60er Jahren erprobt. Dann auch in der Klassik von Komponisten wie Cage, Feldman und schließlich von allen anderen. Ich habe eine Sendung über Stravinsky gesehen, wo gesagt wurde, er wäre stark von osteuropäischer Musik beeinflusst worden und sogar von Jazz. Diese Idee von ‚und sogar Jazz‘ muss weg. Ich bin Jazz Sängerin, aber weil ich mit Improvisation arbeite, scheint es beinahe so, als sollte ich nicht dazu im Stande sein, Noten zu lesen oder klassisch zu singen. Tatsache ist, ich habe eine Stimme, die beides kann. Und allein dadurch, dass ich tue was ich tue, kann ich helfen diese Vorurteile zu widerlegen. Und verhindern in eine Box gesteckt zu werden.

terzwerk: Wenn man sich mit Musikgeschichte beschäftigt, erfährt man nicht viel über Komponistinnen. Würdest du sagen, es ist einfacher eine Komponistin im 21. Jahrhundert zu sein?

Elaine Mitchener: Ich interessiere mich für gute Musik und gute Musik steht unabhängig vom Geschlecht. Meine Identifikation als Frau sollte nicht das Aussagekräftigste über mich als Musikerin oder Komponistin sein. Es ist wichtiger, was ich zu sagen habe. Auch wenn mein Blick auf die Welt, als Frau, natürlich in meiner Musik eine Rolle spielt. Ich kann die Welt nur durch meine Augen sehen. Das leugne ich auch nicht. Dennoch ist es sehr wichtig für mich, nicht nur auf dieser Grundlage verhandelt zu werden. Wir reden über Geschlecht, wir reden über Hautfarbe, aber wir reden nicht über Klasse. Klassische Musik kann sehr elitär sein und andere ausgrenzen. Das ist etwas, was mich wütend macht und mich antreibt, mit meiner Arbeit weiterzumachen. Ich denke, wir sollten Aktivisten sein. Wir sollten daran arbeiten die Gesellschaft zu ändern.

terzwerk: Wann hast du angefangen deine ersten eigenen Kompositionen zu schreiben?

Elaine Mitchener: Oh, sehr spät. Komposition war nie auf die konventionelle Art ein Teil meines Lebens. Schließlich habe ich nicht Komposition studiert, sondern Gesang. Natürlich habe ich Musik komponiert oder vielmehr Musik anderer Komponisten aufgeführt. Aber ich selbst habe nie in Betracht gezogen auf die andere Seite zu wechseln. Meine erste richtige Komposition kam also erst sehr spät, vor ein paar Jahren zustande. Ein Stück namens Sweet Tooth.

terzwerk: Worum ging es dabei?

Elaine Mitchener: Sweet Tooth handelt von der Beziehung zwischen Großbritannien und der Karibik, wo meine Eltern herkommen. Von dem Handel mit Rohrzucker über die Atlantikpassage und dessen Auswirkungen. Ich habe erst später, während meiner Recherche bemerkt, dass es nicht nur um die britische Geschichte ging, sondern unserer aller Geschichte, als Kontinent. Die Konsequenzen davon kann man heute noch spüren. Ich habe mit einem Historiker zusammengearbeitet, der sich sehr viel mit einem bestimmten Sklavenhalter in Jamaica beschäftigt hat. Von dem, was er herausgefunden hatte, konnte ich vieles nutzen und mich für Klangideen inspirieren lassen.

terzwerk: Also würdest du sagen, dass bei deinen Kompositionen die Idee vor dem Klang kommt?

Elaine Mitchener: Nun, es kommt auf das Stück an. Bei Sweet Tooth habe ich über die Idee nachgedacht und sehr viel recherchiert. Dann habe ich mich mit meinem Team von Musikern getroffen, die alle selbst als KomponistInnen tätig sind, aber auch alle diese Flexibilität hatten, die es zum Improvisieren braucht. Das war sehr wichtig für mich. Sweet Tooth ist kein angenehmes Stück für uns als Musiker und es sollte kein angenehmes Stück für das Publikum sein. Ich wollte diese geschlossene, angespannte Atmosphäre erschaffen, weil das damals so für die Menschen gewesen ist. Vielleicht noch 10-mal, 100-mal schlimmer in der Realität. Die Menschen auf der Plantage wurden gefoltert, brutalisiert und vergewaltigt. Solche Klänge sind verstörend, lähmen dich oder können dich davon abhalten zu handeln, zu rebellieren. Also habe ich die Musiker gebeten, Klänge zu erzeugen, die eine emotionale, eine gedankliche Reaktion des Publikums provozieren. Ich bin daran interessiert, Räume zu schaffen, die das Publikum herausfordern.

terzwerk: Also hast du vor allem auf provozierende Klänge gesetzt?

Elaine Mitchener: Nicht ganz. In Sweet Tooth gibt es ein Kapitel namens Die Mühle. Das ist ein Moment im Stück, wo die Musik dem Publikum bekannter vorkommt. Ein wenig carnivalesque, wie ein Tanz oder etwas Karibisches. Aber während die Musik erklingt, sind meine Bewegungen dazu nicht besonders angenehm anzusehen. Ich wollte diesen Momenten der Freude und Freiheit einen bitteren Beigeschmack geben, weil diese Momente jederzeit von den Sklavenhaltern zerstört und durch etwas Grauenvolles, Hässliches unterbrochen werden konnten. Es sind immer beide Seiten. Das ist ein Bereich, vor dessen Betreten wir keine Angst haben sollten.

terzwerk: Wie wichtig ist für dich die Ästhetik deiner Musik?

Elaine Mitchener: Im 21. Jahrhundert sehen wir Ästhetik in einem völlig anderen Licht. Man sagt: Schönheit liegt im Auge des Betrachters und es kommt auch auf das persönliche Empfinden des Zuhörers an. Was vielleicht ästhetisch für den einen scheint, ist grauenhaft für den anderen, und das macht es in keiner Weiser weniger wertvoll, auf beiden Seiten. Aus diesem Grund komponiere ich nicht um etwas abzuhaken oder um einen Auftrag zu erledigen oder etwas in der Richtung. Ich komponiere, weil mir manche Dinge sehr am Herzen liegen und ich diese Gefühle irgendwo rauslassen muss.

terzwerk: Denkst du viel über das Publikum nach, wenn du komponierst?

Elaine Mitchener: Nein. Ich denke nie über das Publikum nach. Ich habe ein Interesse daran, dass das Publikum die Welt betritt, die wir erschaffen haben. Das Publikum liegt in der Verantwortung des Künstlers. Wir nehmen eure Zeit in Anspruch und ihr stellt sie uns großzügig zur Verfügung. Es geht nicht um Unterhaltung, aber es gibt einen Anspruch und auch Vertrauen. Ich möchte das nicht ausnutzen. Ich hoffe, dass was auch immer ich fühle, beim Publikum ankommt. Wenn ich meine Stücke komponiere, weiß ich nicht, ob meine Gefühle vermittelt werden. Woher soll ich das wissen, ich bin kein Gedankenleser. Und letzten Endes fühlt jeder unterschiedlich.

terzwerk: Was sind dann die Beweggründe hinter deinen Kompositionen?

Elaine Mitchener: Ich mag den Gedanken, dass meine Worte bei den Zuhörern Gespräche ins Rollen bringen. Das können Unterhaltungen mit ihren Mitmenschen sein oder mit sich selbst. Vielleicht sind sie mit bestimmten Erwartungen gekommen und denken sich beim Verlassen des Konzerts: Was war das denn? Aber wenigstens bringt es sie zum Reflektieren und das ist es, was zählt.

terzwerk: Diesen Effekt kann man nicht ewig reproduzieren. Denkst du, dass deine Stücke ein Ablaufdatum haben?

Elaine Mitchener: Nein. Anfang März haben wir Sweet Tooth in Bergen aufgeführt. Es war eine sehr intensive Aufführung. Wir konnten fühlen, dass die ganze Konzentration des Publikums auf der Bühne lag. Und am Ende, das Stück endet auf eine sehr leise Weise, stand das Publikum einfach auf und klatschte, was merkwürdig ist. Sweet Tooth ist ein sehr interessantes Stück. Du weißt am Ende nicht, ob du applaudieren sollst, wegen dem ernsten Thema. Aber es fühlte sich so an, als müsste das Publikum irgendetwas rauslassen. Und nach 50 Minuten Anspannung war Applaus alles, was sie tun konnten. Für mich zeigt das die Stärke des Stücks. Das hat nichts mit mir zu tun. Nachdem man etwas komponiert hat, liegt es in den Händen der Musiker. Und ja, ich performe das Stück, aber wir als Gruppe hatten das Stück seit 2 Jahren nicht aufgeführt. Ich habe den anderen vorher gesagt, dass sie darüber nachdenken sollen, was jetzt, in diesem Moment, in der Welt passiert. Weil es sich bei jeder Aufführung neu anfühlen muss.

terzwerk: Was würdest du sagen, ist ein wichtiger Einfluss auf deine Arbeit als Komponistin?

Elaine Mitchener: Hm, Choreografie. Bewegung ist sehr wichtig für mich. Ich hätte den einfachen Weg gehen können, also einfach singen. Singen an sich ist sehr, sehr schwer und ich selbst lerne immer noch. Es gibt so viele SängerInnen, die ich aus den verschiedensten Gründen liebe. Aber Bewegung erlaubt mir, auszuprobieren wie meine Stimme funktioniert, wenn ich andere Dinge mit meinem Körper tue, als einfach zu stehen und zu singen. Der Körper ist eine Maschine und seine Bewegungen sind etwas Musikalisches für mich. Das ist nicht nur etwas Körperliches.

terzwerk: Wie würdest du den Klang deiner Kompositionen beschreiben?

Elaine Mitchener: Oh, geerdet. Meine Musik ist sehr erdig und gefühlsgeladen, da ich meine Stücke auch selbst aufführe. Sie transportiert Menschen an andere Orte. Auch der Atem ist sehr wichtig. Nicht nur für SängerInnen, aber auch für Instrumentalisten geht es immer um den Atem. Für mich ist ein Orchester eine Erweiterung der Stimme, weswegen ich sehr stimmlich arbeite. Nicht auf eine konventionelle Art und Weise. Ich habe bis jetzt noch nie so darüber nachgedacht, aber ich beschäftige mich viel damit, was es heißt eine Stimme zu haben. Was es bedeutet keine zu haben. Ist sie etwas, was wir in uns tragen oder kann es auch etwas wie meine Brille sein? Warum nicht? Wenn das meine Art von Ausdruck ist.