Samstagabend Konzert – Sonntagmorgen Kirchenchor

Yvonne

„Ich wär´ so gern so wie ich bin, doch wie komm´ ich da nur hin?“, singt Yvonne Ringsdorf im Refrain ihres Songs Sowas von authentisch. Sie lebt und arbeitet seit sechs Jahren als freiberufliche Musikerin in Witten. Ich sitze mit Yvonne in ihrem Studio zwischen einem alten Klavier aus Massivholz und diversen technischen Geräten und folge gespannt ihren Ausführungen: „Der Song beschreibt sehr gut den Beginn meiner Selbstständigkeit.“ Die gebürtige Paderbornerin hat in Münster Keyboards and Musicproduction studiert und sich dann selbstständig gemacht. In Sowas von authentisch beschreibt sie das Ringen um die eigene Persönlichkeit – die Ambivalenz zwischen einem sich wandelnden Selbstbild und der gleichzeitigen Behauptung seiner Selbst. Yvonne charakterisiert das Phänomen unserer Zeit mit knappen und treffenden Worten.

Dass sie Musikerin geworden ist, ist keine Selbstverständlichkeit – diesen Weg hat sie sich erkämpft: Die Musiklehrerin der damals sechzehnjährigen Yvonne hielt es sogar für unvorstellbar, dass aus ihr eine professionelle Musikerin werden könnte. Diese Zurückweisung stachelte sie nur noch mehr an, zu zeigen, was in ihr steckt. Durch das Erfinden eigener Lieder und dem Entwickeln ihrer ersten Loops mit einer DJ-Software schälte sich für die jugendliche Yvonne immer mehr heraus, dass sie genau das beruflich machen wollte: eigene Musik erfinden und produzieren. Sie konnte allerdings noch keine Noten lesen und so begann sie mit sechzehn erstmals Klavier- und E-Gitarrenunterricht zu nehmen. „Ich bin absolute Autodidaktin.“ Das meiste hat sie sich übers Gehör selbst beigebracht. Direkt nach dem Schulabschluss begann sie dann Keyboards and Musicproduction in Münster zu studieren.

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Ihr Hauptinstrument ist die Stimme: „Die ist einfach am nächsten dran, über die Stimme bekomme ich die meisten Inspirationen.“ Der Weg dahin war aber auch nicht immer einfach, denn Yvonne hatte vor ihrem Studium nie Gesangsunterricht und war als Schülerin relativ schüchtern. Im Studium begann sie, an ihrer Stimme zu arbeiten, aus der Notwendigkeit heraus, ihre eigenen Songs selbst singen zu wollen. Im Studiotechnikunterricht brachte sie nur sich selbst und ihre Stimme mit, als sie aufgefordert wurde, ein Instrument für die Aufnahme mitzubringen. Ihr Dozent vermittelte ihr Gesangsunterricht. Erst sang sie ihre eigenen Songs, später auch für ihre Kommilitonen. Der Umgang mit der Stimme war am Anfang noch etwas ungewohnt, doch sie lernte, die Stimme als ihr stärkstes Ausdruckmittel zu gebrauchen. Auch wenn Yvonne von vielen anderen Stimmen beeindruckt ist, wie zum Beispiel von Nina Hagens Rotzigkeit, so war es ihr schon immer wichtig, ihr eigenes Ding zu machen.

Yvonne holt ihre Inspirationen aus der ganzen weiten Welt der unterschiedlichsten Musikgenres – und macht auch keinen Halt vor Gattungsgrenzen. Sie zeigt mir ihre Spotify-Playlist mit dem Namen Liebe auf den ersten Klick, in der Marilyn Manson auf die Prinzen und Béla Bartók folgt. Der Musik, die sie ab dem ersten Moment begeistert, geht sie nach und versucht herauszufinden, was ihr Geheimnis ist. „Dadurch, dass ich produziere, höre ich Musik anders.“ Manchmal ist es eine besondere Klangeigenschaft, die Yvonne interessiert, dann wiederum die „Kompressor-Einstellung“ oder eine Akkordfolge. Wir hören in ein Streichquartett von Béla Bartók hinein, bei dessen Dissonanzen viele Menschen aufjaulen würden – aber Yvonne hat es auf den ersten Klick gefallen. Hat es ihr ein Musikstück angetan, singt und spielt sie es immer wieder und macht es zu ihrem eigenen – zu ihrer Version. Sie begibt sich oft auf umfassende Recherche-Reisen ins world wide web, um spezifische Musiksprachen zu ergründen und für sich produktiv zu machen. Zu welchem Stil sie zum Beispiel einen schweren Zugang hat, ist der Funk – in solchen Fällen lässt sie dann eine entsprechende Playlist im Hintergrund laufen, auf dass ihr die Musik auf unbewusstem Wege vertraut werde.

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Auf meine Frage, wie ihr Berufsleben als selbstständige Musikerin aussieht, antwortet Yvonne: „Vielfältig“. Sie gibt Klavier- und Gesangsunterricht, erwachsene Schüler suchen oft ihre Unterstützung beim Produzieren eigener Songs, sie gibt Konzerte zu den unterschiedlichsten Anlässen und leitet den Kirchenchor in Heven. Diese Vielfalt möchte sie nicht missen und das macht ihren Beruf auch so besonders reizvoll: „Ich habe zum Beispiel Samstagabend ein Konzert und stehe Sonntagmorgen schon wieder in Heven mit dem Kirchenchor auf der Matte.“ Yvonne geht auch gerne mal mit Gitarre und Looper in die Innenstadt und macht Straßenmusik. Jahrelang habe sie über Netzwerktreffen Kontakte geknüpft, aber viel einfacher und effektiver sei es, auf der Straße Musik zu machen, dann kämen immer Menschen mit Anliegen auf sie zu.

Der Liebe wegen ist sie vor sechs Jahren nach Witten gekommen, schätzt den Standort aber mittlerweile sehr, als mitten in Deutschland gelegen, gut an die großen Städte des Ruhrgebiets angebunden und trotzdem grün und ländlich. Außerdem tummeln sich hier viele kreative Leute der unterschiedlichsten Sparten, was man merkt, „wenn man einmal auf dem Wiesenviertelfest war“.

Fotocredits: © Yvonne Ringsdorf