Mit Liebe zum Detail

Popmusik ist einfach und inhaltslos? Eine Analyse lohnt sich nicht?
terzwerk-Autorin Marie Stapel hat mit dem Popmusiker und Bonner Musikwissenschaftler Dr. Volkmar Kramarz über die Popmusikanalyse, Lady Gagas und Bradley Coopers „Shallow“ und kompositorische Tendenzen in der heutigen Popmusik gesprochen.

Foto: Popmusiker und Musikwissenschaftler Dr. Volkmar Kramarz, © Volkmar Kramarz

terzwerk: Herr Kramarz, der Popmusik wird ja häufig vorgeworfen einfach und banal zu sein. Was meinen Sie dazu?

Volkmar Kramarz: Erstmal: was soll die Popularmusik machen? Wenn sie populär sein will, kann sie nicht überkompliziert sein. Das schließt sich einfach gegenseitig aus. Insofern ist der Vorwurf, dass sie etwas einfach ist, natürlich immer schnell gemacht. Auf der anderen Seite gibt es viele kleine und große Finessen, die Popmusik in einem gewissen Sinne auch kompliziert machen. Vor allem – um bitte gleich in diese Kontrahenten-Haltung zur Klassik zu kommen – ist bei der Popularmusik doch noch ein ganz anderes Gebiet zu berücksichtigen, als nur – was auch wichtig ist – Struktur, Melodik, Rhythmik und so weiter, weil der Klang als Medium für 1000 andere Sachen dort unglaublich wichtig ist.

terzwerk: Was sind denn Analysekriterien, die Sie bei einer Popmusikanalyse empfehlen?

Volkmar Kramarz: Das kann man am besten an einem Beispiel erklären. Ganz aktuell: Lady Gaga und Mr. Bradley Cooper, die gerade ihren mit dem Grammy ausgezeichneten Song „Shallow“ überall präsentieren. Alle sagen ja immer: „Popmusik wird natürlich über Strophe, Zwischenteil, A-B-A und Chorus, Refrain und im besten Fall kommt hinten nochmal ein großer Zwischenteil, strukturiert.“ Und siehe da, die machen das ganz anders. Die haben einen langen ersten Teil, eine viertaktige Einheit, die immer so patternmäßig wiederholt wird. Dann kommt irgendwie ein fast modulierender Zwischenteil. Aber vor diesem Zwischenteil kommt noch ein kompletter zweiter Teil, der eigentlich wie ein eigener Songteil beginnt. Wenn der eröffnet wird, nachdem er 8 Takte gespielt wurde, kommt plötzlich dieser modulierende Zwischenteil. Der führt aber nicht ins Nichts, sondern führt wieder in diesen zweiten Teil. Keinem Menschen fällt das weiter auf (lacht), keinen stört es. Aber für uns Analytiker finde ich das ein wichtiges Phänomen, dass man Popmusik auch so strukturieren kann.

terzwerk: Das heißt die Form ist ein grundlegendes Analysekriterium. Was noch?

Volkmar Kramarz:  Dann ist für mich natürlich auch immer die Harmonik ganz wichtig. Auch da wieder Muster, Formel, Pattern, wie immer man das nennen will. Es gibt viele, viele Bausteine, die von vielen nahezu identisch aufgegriffen werden, aber in dieser Übereinstimmung sind die kleinsten Änderungen zu beobachten. Das finde ich sehr spannend, weil gerade dann die kleinen Änderungen eine enorme Auswirkung haben und auch enorme Rezipientenkonsequenzen haben. Die Hörer hören das ganz deutlich, ob da jemand an einer Stelle statt einem A-moll ein A-Dur macht. Sie werden es sicher nicht als Analyse bezeichnen können, aber sie spüren, da ist irgendwas Innovatives passiert.

terzwerk: In jedem von uns steckt also auch ein Analytiker?

Volkmar Kramarz: Ja, absolut. Da widerspreche ich immer ganz klar Mr. Adorno in dem Sinne, dass man eben nicht unbedingt gebildeter Analytiker sein muss, sondern jeder von uns ist, wenn man so will, ein Bildungshörer. Jeder von uns schafft das. Und gerade die berühmten Teenies, die 13-jährigen Mädels oder die 12-jährigen Jungs mit der Baseballkappe können für meine Begriffe unfassbar exakt beschreiben: „Das Stück ist aber anders als das vorher. Und das gefällt mir gut. Das gefällt mir gar nicht.“ Die haben ein sehr genaues Gespür für das, was sich da jeweils tut.

terzwerk: Spielt dann bei der Popmusikanalyse das Gefühl eine größere Rolle als bei der Analyse von klassischen Stücken?

Volkmar Kramarz: Das finde ich immer schade, wenn Leute so etwas sagen. Also wenn man die Sache wirklich analytisch angeht, dann kann man es genauso nüchtern machen. Und das sollte man auch. Man sollte erstmal die Takte zählen. Man sollte wirklich genau sehen, wo ist ein 4/4 Takt und wo ist vielleicht eine Abweichung davon? Und solche Sachen sollte man erstmal ganz nüchtern erfassen. Ich finde es selber oft wahrlich ernüchternd (lacht), wenn man es dann analysiert hat, weil man so gnadenlos dekodiert hat, wo die jeweiligen Struktursprünge oder harmonischen Sprünge sind. Aber es hilft natürlich enorm zu verstehen, wie dieser Song jeweils aufgebaut ist.

terzwerk: Was hat sich denn über die Jahre in der Popmusik verändert?

Volkmar Kramarz:  Es gibt Tendenzen, die so im großen Maßstab zu erkennen sind, aber verrückterweise – das ist auch ganz spannend, das immer wieder nachzuweisen – in den ganz großen Bereichen tut sich eigentlich nicht viel. Aber das würde ich nicht als negativen Vorwurf sehen, sondern als eine Tatsache, die zeigt, dass es auf festen Säulen steht. Diese Popularmusik hat ihre festen Säulen und warum sollte sie die verlassen?  Das ist einfach so. Bestimmte Harmoniemuster, bestimmte Melodiesequenzfolgen, bestimmte Rhythmiken, die Dominanz des 4/4 und des Off-Beats, usw. Das Interessante ist zu sehen, wie wird das in dem jeweiligen Zeitgeschmack, ich sag ja immer, „kaschiert“ oder wie wird es „dekoriert“.

terzwerk: Und was ist die auffälligste Tendenz?

Volkmar Kramarz: Wenn es eine ganz große Tendenz gibt, auch über Jahrzehnte hinweg gesehen, dann ist es – drücke ich es negativ aus – Simplifizierung. Drücke ich es positiver aus, sage ich: Es ist eine Reduzierung auf das Wesentliche. Und das schafft Popularmusik immer deutlicher. Die Künstler gehen immer mehr auf die eigentlichen Kerninhalte hin: A-Moll – F-Dur / Tonikaparallele – Subdominante. Das ist so ein absolutes Kernstück aus einer Durkadenz mit einer Tonikaparallele drin. Im Prinzip streift das ja ein ganzes Universum an Klängen. Ganz viele der gerade aktuellen, modernen Songs konzentrieren sich immer mehr auf diese herausgeschälten Filetstücke. Und machen das in einer wirklich bewunderungswürdigen Konzentration und Liebe zum Detail. Also da kann man schon wirklich ins Staunen kommen.

terzwerk:  In ihrem 2014 erschienenen  Buch „Warum Hits, Hits werden“ geht es ja auch um die Erfolgsfaktoren der Popmusik. Was macht denn einen erfolgreichen Hit aus?

Volkmar Kramarz: Möglichst wenig stören. Wir alle haben einen Netzfilter vor den Ohren, vor den Augen, vor unseren Sinnen und wenn da bestimmte querliegende Objekte auf uns zukommen, dann stört uns das. Es gibt eben bestimmte Intervalle, die Oktave z. B., die ist kulturübergreifend als absolut konsonant anerkannt. Aber genauso gibt es dann bestimmte Akkordkombinationen: diese reine Quinte mit der großen oder kleinen Terz. Die Konstruktion von Dur und Moll. Und dann im dritten Schritt gibt es eben diese bestimmten Harmonieabfolgen, Pattern, Formeln, wie ich sie dann immer genannt habe. Dann bei den Melodien niemals Dissonanzen machen, die unangenehm stören. Die medialen Aufnahmefähigkeiten der einzelnen Klänge richtig einzuschätzen und das ganze perfekt aufzunehmen. Mit einem unglaublichen Aufwand den richtigen Interpreten dafür finden. Dann rücken Sie dem Hit näher.

terzwerk: Und was ist dann die Kunst an der Popmusik?

Volkmar Kramarz: Das alles zu verbinden, das alles zu koordinieren, das alles richtig zu machen. Sich nie abzulenken und zu sagen: „Moment rein intellektuell: A-moll, F-Dur, C-Dur haben ja schon ganz viele gemacht. Also mache ich jetzt mal A-moll, F-Dur, As-Dur.“ Sondern den Kopf zu senken und zu sagen: „Die Hörer haben Recht. Ich werde ihnen das anbieten, was sie immer wollten.“ Und dann eine Lücke suchen: Wo kann ich meine innovatorischen Aspekte noch unterbringen?

terzwerk: Musik zu machen, nur damit sie der Masse gefällt. Da von Kunst zu sprechen fällt vielen schwer.

Volkmar Kramarz: Okay, genauso verächtlich können Sie sagen: „Wenn ich nur Musik mache, um irgendeinem Tattergreis, der da ausgerechnet sich als Fürst aufführen darf, zu gefallen? Ist das mein Anliegen? Ist es nicht viel besser, wenn die ganze Küche ausflippt und alle Mägde da unten tanzen und schreien und kreischen?” Wer hat Recht? (lacht) Der Perückenträger oder die Küchenmannschaft?

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