Eine kleine Videospielmusik

Wenn ich den Begriff „spielen“ höre, dann denke ich zuallererst an Musiker und ihre Instrumente – Spielen für sich selbst und für andere im Konzertsaal. Danach fällt mir meine eigene Kindheit ein. Als Kind habe ich noch Verstecken gespielt und im Sandkasten gebuddelt.
An Videospiele denke ich merkwürdigerweise gar nicht. Obwohl ich das eigentlich sollte, denn auch ich habe schon Videospiele gespielt. Fast jeder ist schon einmal als Super Mario von links nach rechts durch den Bildschirm geflitzt oder hat zumindest nach dem Spielen die Tetris-Melodie noch tagelang im Kopf gehabt.

Videospielmusik wird oft gar nicht beachtet oder als gesondertes Kunstwerk wahrgenommen. Das liegt auch an der Stigmatisierung von Videospielen selbst – stumpfer Zeitvertreib für pubertierende Jugendliche.
Ein korpulentes Kind sitzt mit zugezogener Jalousie im unaufgeräumten Zimmer. Der Bildschirm, auf den es starrt, leuchtet grell. In Griffweite stehen halbleere Pizzakartons und Limonadenflaschen, aus denen längst die Kohlensäure verschwunden ist. Dieses Bild kommt einem bekannt vor, ist aber feinstes Klischee und eigentlich vollkommen blödsinnig.
Videospiele besitzen heutzutage komplexe Handlungen, vermitteln Emotionen und beinhalten nicht selten auch Filmsequenzen. Viele Spiele werden direkt für einen erwachsenen Markt entwickelt und behandeln  mitunter Themen wie Kriege oder Politik, die Kinder gar nicht verstehen würden. Eine der vielen Teildisziplinen, eines der tausend Einzelteile, die ein gutes Spiel zu einem guten Spiel machen, ist die Musik.

Wir können es immer noch ein Spiel nennen. Das Wort hat einen leichten Charakter von anspruchsloser Qualität, dieses Wort. Es ist ein triviales Wort. Aber als Musiker erinnere ich mich, wir spielen unser ganzes Leben, so ist die Idee, etwas zu spielen und in etwas involviert zu sein genauso mächtig für einen Musiker. (Hans Zimmer)

Deshalb war auch mein erster Gedanke an die Musikinstrumente gar nicht so falsch. Denn ohne Musik würden Videospiele schlichtweg nicht funktionieren. Selbst ein Klassiker wie Tetris wäre ohne die repetitive 8-Bit-Musik nicht das Gleiche.
Tetris ist allerdings schon lange kein Maßstab mehr. Videospielmusik ist ihren Kinderschuhen entschlüpft und steht schon lange neben ihrem großen Bruder, der Filmmusik. Bei beiden wäre es unvorstellbar auf die Musik zu verzichten. Was wäre ein Horrorfilm ohne gruselige Musik? Was wäre ein Trickfilm ohne Soundeffekte, die die Handlung unterstützen? Begriffe wie Mickey-Mousing oder Underscoring, die normalerweise nur aus der Filmmusik bekannt sind, haben schon längst auch in der Videospielindustrie einen Platz gefunden. Es gibt musikalische Themen, die sich mit zunehmendem Spielfortschritt verändern, oder Figuren, denen ein eigenes musikalisches Motiv auf den digitalen Leib geschrieben wurde.
Das Komponieren eines Gamescores gerät oft allerdings weitaus komplizierter, da Kriterien bedacht werden müssen, mit denen sich ein Filmmusikkomponist nicht auseinandersetzen muss. Soll sich die Musik bei einer bestimmten Handlung des Spielers verändern? Wie schreibe ich ein zehnminütiges Stück so, dass es bei ständiger Wiederholung nicht aufdringlich oder nervtötend wirkt? Ein Film ist nach zwei Stunden vorbei. Ein Videospiel hingegen hat keine festgeschriebene Spieldauer – der Mensch vor dem Bildschirm kann sich die Zeit nehmen, die er braucht.
Hinzu kommt, dass oft auch Werke  in die Spiele aufgenommen werden, die nicht extra dafür komponiert wurden. Spielt die Handlung in den 20er Jahren, dann gibt es im Soundtrack ein paar Swingklassiker und findet das Geschehen auf Kuba oder in Mexiko statt, kann der Spieler lateinamerikanische Lieder erwarten.
Die Möglichkeiten der Videospielmusik sind riesig und es lohnt sich definitiv einen gesonderten Blick darauf zu werfen.

Am Anfang der Geschichte stehen dabei große klobige Automaten in dunklen Spielhallen. Die ersten Games konnten keineswegs auf handlichen Konsolen oder über den PC-Bildschirm abgespielt werden. Mit einem Computerchip wurden so Ende der 70er Jahre erstmals Töne erzeugt. Aufgrund des geringen Speicherplatzes, der für die Spiele vorhanden war, kam die Melodie oft nicht über drei bis vier Töne hinaus – mit Musik hatte das also noch nicht viel zu tun. Und auch das 1984 erschienene Tetris war musikalisch keine Meisterleistung, basiert doch die weltweit bekannte Musik auf dem russischen Lied Korobeiniki, das bereits 1861 nach einem Gedicht des sozialkritischen Publizisten Nikolai Alexejewitsch Nekrassow komponiert wurde. 1986 entwickelte sich die Geschichte dann allerdings mit großen Schritten weiter: Koji Kondos schrieb die Musik für zwei der heute bekanntesten Spielereihen überhaupt (The Legend Of Zelda und Super Mario Bros) und unabhängig davon nutzte Koichi Sugiyama zum ersten Mal ein Streichorchester für die Einspielung der Videospielmusik.

Ab diesem Zeitpunkt ging es Schlag auf Schlag: dynamische Musik, die sich mit dem Spielgeschehen verändert, Videospielmusik von Filmkomponisten wie Hans Zimmer und Konzerte, bei denen ausschließlich Titel aus Spielen dargeboten werden – die Liste ist lang und ich könnte sie seitenweise fortführen. Genau weil das so ist, weil Videospielmusik in der heutigen Zeit beinahe allgegenwärtig ist und weil sie gerade einer jungen, heranwachsenden Generation ein neues Musikverständnis beibringt, lohnt es sich einzutauchen. In der kommenden Woche betreten wir eine Welt, in der es nicht mehr nur darum geht, dass ein italienischer Klempner eine Prinzessin rettet.

Fotocredits:

Beitrags-und Hintergrundbild:

tetris – bead magnet / Sally Mahoney / flickr.com / (CC BY-SA 2.0)

Erstes Bild:

mario_screenshot / good_ship_lollipop / flickr.com / (CC BY 2.0)

Zweites Bild:

Live like Tetris [day 85] / gerlos / flickr.com / (CC BY-ND 2.0)