Die Triennale schlägt zurück

Drei Ensembles, drei Aufführungen, drei Spielorte. Im Rahmen einer Theater-Masterclass erarbeiteten bei der diesjährigen Ruhrtriennale junge Theaterkollektive einstündige Performances. An einem Abend wurden die Werke nun nacheinander uraufgeführt. Die Herangehensweisen und Intentionen der drei Ensembles sind unterschiedlich, die Ergebnisse greifen an: Mal das Publikum, mal unsere Denkweise und am Ende vergewaltigt eine Blaskapelle jede Erwartungshaltung, die man gewöhnlicherweise an einen Theaterabend hat.

von Bjarne Gedrath und Malte Hemmerich

Fotos: Christoph Sebastian

Rund 200 Bewerbungen hat das Festival für das Projekt “Unterwelten” bekommen. Ausgewählt wurden das Jens Moritz Orchestra aus Belgien und den Niederlanden (Essen), eine Gruppe um den Regisseur Johannes Ender (Oberhausen) und das deutsch-israelische Kollektiv Shauloff/Stange (Mülheim). Für die jeweilige Produktion haben die Künstler von der Ruhrtriennale 5000 Euro Budget bekommen, außerdem Kost und Logie und künstlerische Betreuung.

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Casa, Essen

Drei junge Männer sitzen in einer Art Schuluniform an Schlagzeug, Flügel und einer kompliziert aussehenden Monstrumsmaschine. Sie sind nur Ausführende, die Begrüßung übernimmt ein schlecht animiertes Gesicht auf einer Leinwand. Eine Entdeckungsreise wird angekündigt, zu den Anfängen der Musik, der Kultur selbst. Diese “Blogpera” besteht aus kurzen Abschnitten. Rechercheergebnisse zur Geräuschempfindlichkeit von Fischen und zur Bedeutung des gegenseitigen Entlausens werden von Experten auf der Leinwand dargestellt, die drei Musiker kommentieren mit ihren Instrumenten.

Immer wieder müssen die Besucher selbst aktiv werden, aufstehen und mit der Computermaus ein neues Themengebiet auswählen. Den Anfang macht der Gesang der Nachtigall, der von den Musikern in Schlagzeugrythmen übersetzt wird. “La Bestia” nennt die Truppe ihre Erinnerungsorgel, die Töne archiviert und an scheinbar unpassendsten Momenten wiederabspielt. Genauso geht es unserem Gedächtnis. Schnell sind die flüchtigen Streifzüge wieder vergessen, ein letzter Abschnitt fasst aber alles nochmal auf komische Weise zusammen. Musik diente stets zur Mythen- und auch Gruppenbildung – eine Essenz des Abends. Und deshalb stimmt man dann am Ende auch noch ein gemeinsames Lied an.

Malersaal, Oberhausen

Ein kleiner, schwarzer, unverkleideter Theaterraum ist die Kulisse für das zweite Stück. Die Begrüßung des Publikums übernehmen die beiden Schauspieler des Abends. Als Dick und Doof-Verschnitt treten sie künstlich überdreht, in schlecht sitzenden Smokings vor das Publikum. Der Abend beginnt mit bunten Geschichten – mal witzig, mal weniger witzig – über den Tod, bevor sich die beiden im Verlauf des Abends in eine Geschichte verbeißen: Kann man den perfekten Mord begehen?

Die Geschehen nährt sich immer mehr Dostojevskis “Schuld und Sühne”. Nur der Ausgangspunkt, das Mordmotiv, ist verflacht: reine Blutgier. Die Spuren werden verwischt, es kommt zum Verhör und der Täter zeigt sich kooperationsbereit. Die Angst vor dem Entdecktwerden lässt im Mörder fiebrige Wahnvorstellungen auftauchen, die ihn am Ende überführen.

Es ist aber kein gebrochener Raskalnikov, der von seiner Theorie des “außergewöhlichen Menschen” absieht, der zum Schluss auf der Bühne steht, sondern ein mordender Wahnsinniger, der sich über die Götter erhebt.

Theater im Theater: Immer wieder fallen die Darsteller (Jasper Diederichsen und Björn Meyer) aus ihren Rollen, besprechen und kritisieren ihre bisherige Show. Vor allem Björn Meyer gelingt der Wechsel zwischen den beiden Haltungen nahezu perfekt, während Jasper Diederichsen Stärken bei den komischen Momenten des Abends liegen. Insgesamt ist es ein recht kurzweiliger Theaterbesuch, bei dem die Tiefe der Romanvorlage an keiner Stelle erreicht wird, wohl auch nicht erreicht werden kann.

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Ringlokschuppen, Mülheim

Den originellsten Ansatz eines “Neuen Theaters” findet die deutsch-israelische Truppe um Nir Shauloff und Jan Philipp Stange.

Es gibt kurze Szenen zum “Messingkauf”, einem Fragmentwerk von Bertolt Brecht, eine Selbstbetrachtung des Theaters. Wann sind die fünf Gestalten auf der Bühne Schauspieler, wann erzählen sie nur? Viel erinnert an Boris Nikitins “Sänger ohne Schatten” der letzten Ruhrtriennale: Was kann man glauben? Verweigerte die deutsche Firma Knauf wirklich finanzielle Hilfe für das Projekt und sandte stattdessen einige Kilo Gips? Und warum sollte der Suhrkamp-Verlag eine Aufführung vom Messingkauf verbieten wollen? Die jungen Künstler stellen alle Regeln des Auftretens, der klassischen Bühnensituation auf den Kopf: Jede Szene wird erklärt, der angekündigte Tanz einer Tänzerin nur beschrieben.

Alles gipfelt im lächerlichen Reigen um eine goldene Trompete, zu Rheingold-Techno-Klängen. Wohl ein Gruß an die besser ausgestattete Produktion von Johan Simons, die zu dieser Zeit in der Jahrhunderthalle läuft.

Gegen Ende darf das Publikum Fragen stellen (Warum ist die Tänzerin aus Taiwan?), dann marschiert eine Blaskapelle mit einem roh geschmetterten “Schön ist es auf der Welt zu sein” über die Bühne und alle folgen zum Notausgang hinaus. Kein Applaus, aber bleibende Eindrücke!

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