The Heart of Gaming

Zwei Treppenstufen auf einmal nehmend renne ich auf die Kölner Philharmonie zu, durchquere in eher ungebührlichem Tempo die Vorräume. Alle Züge nach Köln hatten auf Grund der gamescom, Deutschlands größter Computerspielmesse, gehörige Verspätung. Aus dem Konzertsaal erklingt bereits Applaus. Außer Atem hetze ich in den Saal und lasse mich auf den erstbesten Stuhl sinken. Keine drei Sekunden später fluten die warmen, leicht melancholischen Klänge von Greg Edmonsons Reunion (Uncharted 2) über mich hinweg.

Mein Atem beginnt im Rhythmus der Musik zu fließen. Das WDR Funkhausorchester konzertiert unter der Leitung von Evan Christ, an diesem Tag extra aus Las Vegas eingeflogen. Christ ist kein Unbekannter, hat unter anderem als Generalmusikdirektor des Cottbusser Staatstheaters viel Erfahrung sammeln können. Dennoch gelingen die ersten zwei Werke jenseits der tonalen Wärme etwas holprig, Orchester und Dirigent scheinen sich erst aufeinander einlassen zu müssen. Spätestens als Christ zu den Klängen von Richard Jaques Athens Harbour Chase (James Bond 007: Blood Stone) buchstäblich mit dem Orchester zu tanzen beginnt und vor Energie so weit auf den Zehenspitzen balanciert, dass er fast von seinem Podest abhebt, sind die anfänglichen Unstimmigkeiten vergessen. Die Musik strömt wie aus einem Guss. Showmanship auf Christs Seite? Wenn ja ist es gut gemacht.

Bereits zum achten Mal findet das Konzert in dieser Form begleitend zur gamescom statt. Videospielmusik wird aus dem Gerüst ihrer Spiele herausgelöst und konzertant aufgeführt. Es ist ein Wagnis. Die Musik in einem digitalen Spiel ist zweckgebunden, dient einer Myriade an Aufgaben: Sie steigert die Aufregung vor einem großen Kampf, entführt den Spieler in eine mystische Ruine, unterstreicht die emotionale Intensität einer moralischen Entscheidung. Sie schafft einen Rahmen, stützt die Erzählung oder erzählt selbst Geschichten und trägt den Spieler in andere Welten. Wie viel bleibt von dieser Stimmung übrig, wenn der Kontext der Spielhandlung fehlt? Wie sehr kann sich die Musik, ganz auf sich selbst gestellt, behaupten? Das Programm des Abends ist laut Moderator Maxi Gstettenbauer auf Grund seiner musikalischen Qualität ausgewählt worden. Manche der Spiele, denen die Stücke entstammen, kenne ich vom Namen her. Gespielt habe ich bisher keines von ihnen. Ich bin gespannt.

Es ist eine Achterbahnfahrt, immer wieder stören kleine Dissonanzen den Abend: Hin und wieder drängt das Schlagwerk zu weit in den Vordergrund. Die Mikrofone verzerren die Stimmen des WDR Rundfunkchores, als dieser in der zweiten Konzerthälfte dazustößt. Und manche Stücke stehen ohne jegliche Stütze eher wackelig auf ihren musikalischen Beinen. Dennoch fängt mich die Musik immer wieder von neuem ein, fasziniert, lässt mich aufhorchen und an die Stuhlkante rutschen. Die Zuschauer stören sich nicht an den Unstimmigkeiten oder nehmen sie nicht wahr. Mit jedem Stück wird das Publikum euphorischer und lässt vergessen, dass die Plätze im Saal zu einem guten Drittel nicht belegt sind. Gstettenbauer, seines Zeichens Stand-up-Comedian, führt mit lässigem Ton durch die Veranstaltung, nimmt sich aber auch die Zeit, die Solisten (Benyamin Nuss, Gun Young An, Alberto Menchen) und Komponisten zu würdigen. Einige der Komponisten befinden sich im Publikum und niemandem wird an diesem Abend mehr Applaus zuteil als ihnen. Sie sind die sonst unsichtbaren Helden der Video Games. Ihre Musik schafft eine Brücke zu den digitalen Welten, die der Spieler durchwandert, bildet das emotionale Gerüst, auf das sich die Spielhandlung stützt.

Zwei von ihnen habe ich am Vortag auf dem Soundtrack Cologne Kongress gesprochen und sie über ihre Musik und ihre Arbeit befragt. Während ich lausche, muss ich daran denken, dass auch in diesem Fall mein Verständnis für die Handlung den Musikgenuss deutlich steigert.

Als sich das Konzert schließlich dem Ende zuneigt, habe ich Sehnsucht nach unbekannten, digitalen Welten.

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Bildcredits:

Titelbild: Garrett Coakley / flickr.com / (CC BY-NC 2.0)

Bild im Text: entnommen aus dem Programmflyer des WDR

Hintergrundbild: mats_60 / flickr.com / (CC BY-NC-ND 2.0)