„Freiheit ist bloß eine Behauptung“

Spätestens beim “Bauernmarsch” kurz nachdem der Vorhang sich öffnet, wird klar: Der Krieg ist im Freischütz allgegenwärtig. Die Handlung spielt nach dem Dreißigjährigen Krieg, ist entstanden nach dem Napoleonischen und bietet ideologisch die Keimzelle für die beiden folgenden Weltkriege. Wenn die Opernregisseurin Tatjana Gürbaca den Freischütz als „Requiem auf alles, was im Krieg untergegangen ist“ sieht, gibt sie diese (Trauer-)Marschrichtung vor. Ihre Inszenierung am Essener Aalto-Theater zeigt eine kaputte Gesellschaft, in der besonders die junge Generation, die Protagonisten Max, Agathe und Kaspar gleichermaßen leiden. Wir haben mit ihr über den “Freischütz”, Akkordverbindungen und Inspirationsquellen gesprochen.

Foto: Martin Kaufhold
Foto: Martin Kaufhold

Der Jägerbursche Max liebt Agathe, die Tochter eines Erbförsters. Bevor Max Agathe heiraten kann und somit Anrecht auf die Erbförsterei erlangt, muss er traditionell einen Probeschuss vor dem Landesherrn abgeben, um sich für würdig zu erweisen. Einst der beste Schütze im Dorf, hat Max mittlerweile kein Glück mehr beim Schießen. Er lässt sich auf das Angebot des zwielichtigen Kaspar ein, der mit ihm sogenannte „Freikugeln“ in der Wolfsschlucht gießt. Kugeln, die nie ihr Ziel verfehlen. Max weiß nicht, dass dies einen Pakt mit dem Teufel darstellt und das Kaspar mit seiner „Hilfe“ nur sein eigenes Leben retten will, indem er dem Teufel ein neues Opfer bringt.

Denn die ersten sechs Kugeln treffen sicher ihr Ziel, doch das Ziel der siebten Kugel bestimmt der Teufel, der in der Oper Samiel heißt, persönlich. Am Tag des Schusses kommt es, wie es kommen musste: Max hat nur noch die letzte Kugel übrig, die droht auf Agathe gelenkt zu werden. Der Schuss fällt, doch sowohl Agathe als auch Kaspar fallen zu Boden. Agathe, die nur vor Schreck fiel, wird von einem heiligen Eremit gerettet und Kaspar stirbt fluchend an der Kugel. Max gesteht das Gießen der Freikugeln, woraufhin der Landesherr ihn bestraft und die Hochzeit mit Agathe verbietet. Der Eremit ergreift das Wort, erklärt die Tradition des Probeschusses für obsolet und erlaubt nach einer einjährigen Bewährungsfrist die Hochzeit von Max und Agathe.

Nach dem Krieg – das wird in Tatjana Gürbacas “Freischütz” klar – ist alles anders: „Kaspar ist der eigentliche Nachfolger der Erbförsterei, doch dann kommt der Krieg dazwischen. Es wird nur in Nebensätzen angedeutet, was für Schrecken er erlebt haben muss”, sagt sie. “Er kommt zurück und plötzlich hat Agathe einen anderen Verlobten. Man erfährt nicht, ob Agathe Kaspar vielleicht auch geliebt hat. Vielleicht sogar mehr als Max.“ Gürbaca denkt die Figuren weiter, tief und menschlich. In welcher Beziehung standen die drei wohl vor dem Krieg? Hier wird für sie ein Dreiecks-Verhältnis sichtbar, dass typisch für die Romantik ist. Doch nun sind alle verbrannt, in Strukturen gefangen mit wenig Handlungsspielraum. „Freiheit ist bloß eine Behauptung“, sagt die Regisseurin. Ein Thema, dass wohl nie an Aktualität verlieren wird.

Auch in Agathe sieht Gürbaca nicht die passive traurige Braut, wie sie im Libretto zu stehen scheint. Ihre „innerliche Stärke“ findet sie in der Tonart E-Dur ihrer Arie „Wie nahte mir der Schlummer“. Die gleiche Tonart, in der Mozart Fiordiligi und Beethoven Leonore singen lässt, zwei starke Frauenfiguren von zwei Komponisten, die Weber sehr beeinflusst haben. „Durch die Reibung zwischen Musik und Text entsteht eine Inszenierung“, sagt Gürbaca. Dabei entzünden die Brüche, die vermeintlichen Schwächen eines Werkes ihre Fantasie. „Man muss immer wieder auf Situationen und Momenten herumkauen und sich die Frage stellen, warum das Stück denn so geschrieben wurde und nicht anders“, sagt sie.

Gott ist nirgendwo!“

„Schon im Jahrhundert vor Webers Freischütz wird das Mikroskop und Teleskop erfunden. Plötzlich kann der Mensch in den Mikro- und Makrokosmos schauen und sieht: Gott ist nicht im Himmel und sitzt auch nicht im Inneren des Menschen. Die Figuren singen die ganze Zeit über Gott, aber er tritt nicht auf.“

Im Gegensatz dazu steht für Gürbaca Samiel, über den zwar niemand redet – doch musikalisch ist er überall präsent. Diese musikalische Präsenz drückt sich vor allem in einem verminderten Septakkord (A-es-fis-c) aus, dessen Einzeltöne übrigens die Haupttonarten der Wolfsschluchtszene bilden. Doch wie ist dieses Ende zu erklären? Ein Eremit taucht als „Deus ex Machina“ wie aus dem Nichts auf und führt als Stimme Gottes die Situation, entgegen der Buchvorlage von Gustav Apel, zu einem konventionellen, glücklichen Opernschluss. Für die Regisseurin ist klar: „Man kann diesem glücklichen Ende nicht trauen.“

Auch hier steckt in Webers Musik mehr als der Text vermuten lässt. Bevor der Eremit mit seinem strahlenden C-Dur für seine Schlussansprache auftritt, befinden wir uns in der Tonart H-Dur. Zwei Tonarten folgen also über eine Rückung direkt aufeinander, die harmonisch nicht zusammen passen. Der Übergang der beiden Tonarten geschieht durch einen Tonsprung von fis nach c. Dieses Intervall nennt man Tritonus, es wurde früher als „diabolus in musica“ („Teufel in der Musik“) bezeichnet. „Samiel ist überall“, schließt Gürbaca daraus. Das Ende klinge musikalisch erzwungen und falsch und reihe sich in ein desillusioniertes Gesellschaftsbild ein, dass Tatjana Gürbaca in dem Freischütz sieht.

(Hört euch die Stelle hier ab 9:20 an)

Zeiten überlagern sich wie Folien“

1821 wird die Oper in Berlin „als Jubelstück auf die napoleonischen Befreiungskriege“ uraufgeführt. Was nach zwei Weltkriegen davon übrig bleibt, ist für Gürbaca das Bewusstsein, dass die Zeit der Romantik Urquell für ein nationalistisches beziehungsweise chauvinistisches Gedankengut ist, das später im Nationalsozialismus münden wird. Aktuell, glaubt sie, scheinen wir den Weg von vorne zu beschreiten… Ihre Inszenierung wird deshalb auch nicht auf eine bestimme Zeit datiert: „Ich finde es spannend, wenn Zeiten sich wie Folien überlagern und man da was durchschimmern sieht”, sagt sie. “Wenn dir aus einer alten Zeit etwas entgegenblickt, dass dir unglaublich vertraut ist.“

Tatjana Gürbaca. ©Herwig Prager

Man hat das Gefühl, dass sich in ihren Inszenierungen aber nicht nur die Zeiten überlagern, wenn die Regisseurin von weiteren Einflüssen spricht. Sie geht regelrecht „schwanger“ mit den Stücken: „Es findet ein Prozess statt, in dem man alles, was einem begegnet, daraufhin abklopft. Man entwickelt eine innere Membran, die anfängt zu resonieren.“ Gerade für die Inszenierung des „Freischütz“ scheint die „Membran“ der selbsternannten „Leseratte“ viel resoniert zu haben. Nicht nur geschichtliche Bücher über den dreißigjährigen Krieg, sondern auch Romane wie „Tyll“ von Daniel Kehlmann oder „Ikarien“ von Uwe Timm, der die deutsche Geschichte oft auf eine sehr poetische Art und Weise verarbeitet, hat Gürbaca als Inspirationsquellen für ihre Inszenierung gelesen.

Außerdem nahm sie Bilder von dem südafrikanischen Fotografen Roger Ballen und Josef Koudelka als Einfluss. Letzterer „schafft mit seinen Schwarz-Weiß-Fotografien eine Atmosphäre, in der der Teufel immer präsent zu sein scheint“, beschreibt die Regisseurin. Aber sie knüpft auch musikalische Assoziationen: Beispielsweise erinnert sie Kaspers Trinklied an den Kanonensong aus Brechts “Dreigroschenoper”. Und nicht zuletzt, erzählt sie, schaue sie sich „wahnsinnig gerne Menschen an“, egal wo sie sei.

“Theater ist etwas, wo man träumen, weiterträumen und weiterspinnen darf”

Diese vielschichtige Mischung aus Einflüssen der Literatur, Kunst und Geschichte, dem genauen und vertieften Lesen von Libretto und Partitur und dem besonderen Interesse an Menschen, schafft in ihrem “Freischütz” ein komplexes Gesamtbild, das auf der Bühne den ein oder anderen Zuschauer überfordern könnte – oder nicht? „Manche Zuschauer haben Angst etwas nicht zu verstehen und setzen sich selber unter Druck auf alles eine Antwort finden zu wollen: Wofür steht dieses Symbol, wofür steht jenes Symbol”, sagt Gürbaca. “So funktioniert Theater aber nicht. Theater ist dafür da, Assoziationen in den Köpfen entstehen zu lassen, die ganz unterschiedlich sein können. Natürlich habe ich für mich meine ganz konkreten Bilder und Antworten im Kopf, aber Theater ist erst mal etwas, wo man träumen, weiterträumen und weiterspinnen darf.“

Wer also nicht nur als passiver Konsument in den Sessel gedrückt dort sitzen will, kann den “Freischütz” noch bis Juni 2019 im Essener Alto-Theater erleben. Sich selbst zutrauen etwas zu sehen, neugierig und offen zu sein, sind die einzigen Bedingungen, die Tatjana Gürbaca an die Zuschauer stellt.