Vampire haben ausgesaugt

Knoblauch wird als Wunderknolle gepriesen. Er ist ein kulinarisches Heilmittel seit Jahrhunderten, das bereits vor etwa 5.000 Jahren in Zentralasien kultiviert wurde und über den Orient seinen Weg nach Europa fand.

Was dieses weiße Lauchgewächs alles kann? Vor allem nach Verzehr einen trocknen Mund und unstillbaren Durst verursachen. Üble Körperausdünstungen kommen hinzu. Und bei wem es momentan in der Beziehung kriselt, der könnte auch hier ebenfalls mit dieser Wunderknolle nachhelfen, denn laut der mittelalterlichen Klosterheilkunde soll die weiße Zwiebel die Liebeslust steigern.

Erotisierend nun für die einen und zerstörerisch für einige wenige andere: Vampire. Sie sind seit über 100 Jahren eine zentrale Gruselgestalt und haben sich im 21. Jahrhunderts massiv in allen möglichen Medien festgebissen. Dracula aus dem Roman von Bram Stoker von 1897 war im Grunde genommen der erste populäre Vampir und wurde eine regelrechte Kultgestalt der Gruselszene. Der postmoderne Blutsauger jedoch treibt in der Literatur spätestens seit der Bis(s)-Tetralogie von Stephanie Meyer sein Unwesen und löste einen blutigen Vampir-Hype aus. Nosferatu, der Stummfilm aus dem Jahr 1922 von Friedrich Wilhelm Murnau, nahm sich als erster den Vampirgrafen als Protagonisten und bildete dessen schwarz-weiß Begierde nur in bewegten Bildern ab. Jahre später in bunt und mit Ton tat es die modernere Filmindustrie der Literatur nach. Die berühmten Verfilmungen zu Meyers Büchern wurden produziert, welche eine Welle der Entstehung von diversen Vampirserien auslösten. Zentrale Aussage dieser: immer nur die unstillbare Leidenschaft und blutige Sehnsucht nach Menschlichkeit. Das neue männliche Sex-Appeal der Vampirbewegung zeichnete sich durch krankhafte Blässe und lüsterne Erotik aus. Doch wer von dem ganzen Grusel völlig unbeeindruckt blieb, war und ist die Musikszene. Nie kam der Blutsauger-Hype so richtig in der Musik an. Weder die Romantik, noch die Klassik thematisierten dieses Horrorwesen. Keine Vampir-Symphonie ist entstanden oder gar ein Liederzyklus über den mystischen Blutsauger. Lediglich die Oper „Dracula“ aus den Zweitausendern und das Musical „Tanz der Vampire“ existieren.

Letzteres tourt seit vielen Jahren durch Deutschland und fasziniert nicht nur die Anhänger des Vampirismus. Auch Musicalliebhaber zieht es immer wieder in die musikalische Gruselshow. Dabei ist „Tanz der Vampire“ mit seinen bombastischen Rockballaden eher ein wenig aus der Mode gekommen.  Die Texte scheinen zu simpel und Humor wird dem Publikum gar flach aufgezwungen. Auch die Handlung ist für den heutigen Geschmack zu unspektakulär. Schleppende Dialoge der Sänger lassen manche Szenen endlos lang wirken und die einzelnen Musiknummern scheinen nicht ausdifferenziert genug zu sein. Vor allem lebt das Grusel-Musical von seinen beeindruckenden Bühnenbildern und den schaurig-schönen Kostümierungen. Dadurch wird dämonisches Ambiente erzeugt, das eben doch das Publikum fesselt. Auch die Tänzer finden sich ganz in ihre vampirisch-abstrakten Choreografien ein, doch auch hier wäre choreografisch mehr möglich gewesen und die Balletttänzer scheinen unterfordert. Einzige musikalische Höhepunkte mögen wohl der bekannte Liebessong „Totale Finsternis“ und die melancholisch-rockigen Soli des Vampir-Grafen von Krolock „Gott ist tot“ und „Unstillbare Gier“ sein. Die neue Vampir-Besetzung für den Kölner Musical-Dom wurde wohl eher nach den optischen Kriterien gecastet, denn so richtig überzeugt gesanglich nur David Arnsberger als Graf von Krolock. Mit weich-starkem Stimmorgan singt er seelenvoll besonders seine langsamen Passagen und beeindruckt nicht nur allein durch seine Maske. Man hört sofort, dass er einer der wenigen Darsteller der Vampirshow ist, der nicht nur eine reine Ausbildung im Musical-Gesang genossen hat, sondern auch im Klassischen. Der frische Absolvent Victor Peterson der Theaterakademie August Everding in München verkörpert gekonnt seine Rolle des verrückten und an Albert Einstein erinnernden Professor Ambrosius, sowohl schauspielerisch, als auch stimmlich. Peterson geht als noch junger Sänger in einer für ihn eigentlich völlig unpassende Rolle doch komplett auf und verkauft authentisch alle Gebrechen und die schrullige Art des Professors seinem Publikum mit Bravour. Im Vergleich zu den Spitzensängern können leider die anderen beiden ebenfalls jungen Hauptdarsteller Tom van der Ven als Alfred und Maureen Mac Gillavry als Sarah stimmlich nicht in dem gleichen Maße brillieren neben ihren Kollegen.

Eine durchwachsene Besetzung, die tatsächlich auch nur mit zehn Musikern (bei der Uraufführung waren es 28) plus Dirigent funktioniert, kann eben kein Highlight des Musicalhimmels mehr darstellen. Sicherlich ist die fehlende Faszination eben auch dem ausgekauten Vampir-Hype zu verdanken. Denn bei seiner Weltaufführung 1997 im Raimund Theater Wien wurde das Musical zum Kultstück nicht nur in Deutschland, sondern schaffte es sogar bis zum Broadway nach New York. Doch der Erfolg scheint temporär. Ein wenig gealtert und überholt wirkt mittlerweile das Musical „Tanz der Vampire“. Der Vampirismus verblasst so langsam und mit ihm ein Musical in Köln.

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