Gelungener musikalischer Melting Pot

Minutenlanger Applaus und stehende Ovationen für Street Scene in Münster

Nach der Aufführung von Kurt Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ 2016 hat das Theater Münster sich in dieser Spielzeit an das in Deutschland eher selten inszenierte „Street Scene“ herangewagt. Das Stück ist dabei in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung für jedes Haus, denn es verlangt nach einem sehr großen Cast und vereint viele musikalische Stile in der Großform der American Opera. Mit umso mehr Spannung wurde am vergangenen Samstag, 22.12.18, die Premiere des Stücks erwartet. Eine Herausforderung, der sich das Theater Münster mit Bravour gestellt hat.

Wie macht man aus einem Potpourri an musikalischen Stilen, verschiedenen Charakteren und einem Mix aus Oper und Musical ein zusammenhängendes, mitreißendes Stück? Man nehme ein Bühnenbild, das Einblicke in die Seelen der Figuren erlaubt, herausragende Sänger, einen Dirigenten, der die Musik des Stücks lebt und eine feine Prise Gesellschaftskritik. Das scheint das Erfolgsrezept des Teams um den Regisseur Hendrik Müller für „Street Scene“ in Münster zu sein. Gleich zu Beginn holt die Inszenierung den Zuschauer in das farbenfrohe, schräge, aber auch graue, kühle Großstadtleben von New York. Das Bühnenbild zeigt eine liegende graue Hausfassade, über der ein Spiegel in Richtung des Publikums installiert ist. Die Bewohner liegen in den Fenstern der Häuser und beklagen sich über die unerträgliche Hitze in der Stadt. Im Spiegel sieht es für die Zuschauer dabei so aus, als ob die Figuren gedankenverloren in den Fenstern hängen oder manchmal sogar entlang der Fassaden klettern. Dazu erklingen großstadttypische Orchesterklänge: Autohupen, nachgeahmte Fahrgeräusche und Polizeisirenen. Das Spiegelbild von New York gipfelt zuletzt in Cheerleaderinnen in den Farben der amerikanischen Flagge, die mit silbrig-glitzernden Pompons zur Nummer „I got a marble and a star“ tanzen. Die Assoziationen des Zuschauers sind geweckt: die glitzernde Welt des Broadways und die amerikanische Großstadt. Orte, an denen Träume wahr werden können.

Gänsehaut-Momente und schräge Typen

Von großen Träumen singt wenig später Kristi Anna Isene – in der Hauptrolle der Anna Maurrant – in ihrer Arie „Somehow I never could believe“. Mit viel Gefühl und Kraft bringt sie dem Publikum die Tragik ihres inneren Konfliktes näher. Sie erzählt von der Zerrissenheit zwischen ihrer großen Liebe, dem Milchmann Sankey, und ihrer Familie, aber auch vom Sterben ihrer Träume. Stefan Veselka dirigiert diese Nummer großartig, indem er alles aus seinem Orchester herausholt und seine Musiker unter ganzem Körpereinsatz zum emotionalen Spielen anhält. Ein wahrer Gänsehaut-Moment schon nach wenigen Minuten, der vom Publikum noch während der Aufführung mit „Bravo“-Rufen und großem Applaus belohnt wird.

Bunt und durchgeknallt wird es dann im „Icecream Sextett“. Eine knapp fünfminütige Lobeshymne auf die schönste Süßigkeit Amerikas: das Eis. An sich schon ein sehr lustiges Thema für eine musikalische Nummer in einer Oper, wird sie in der Inszenierung von Hendrik Müller dazu in die heutige Zeit übertragen. Die Kostümierung erinnert dabei stark an das Musikvideo der Village People zum Song „Y.M.C.A.“. So tanzen schräge Typen verkleidet als Indianer, Bauarbeiter, Cowboy, Rocker oder Polizist mit Eistüten in der Hand zur Musik. Die Botschaft ist klar: alle sind in Amerika willkommen. Die verschiedenen Geschmacksrichtungen können in einer Eistüte miteinander zum Geschmackserlebnis verschmelzen.

Drama mit Überraschungseffekt

Der zweite Akt ist vom tragischen Mord an Anna Maurrant und ihrem Geliebten durch den Ehemann Frank geprägt. Im Gegensatz zum ersten Akt sind die Kostüme passend zur Stimmung nun eher schlicht und einfach in weiß, schwarz und grau gehalten. Dennoch überrascht der plötzliche Mord an Anna Maurrant. Ein lieblich-anmutendes Violinen-Solo wiegt den Zuschauer in Sicherheit, während sie ihren Geliebten und ihren Ehemann gleichzeitig zärtlich umarmt. Dann eine Schrecksekunde: Wie aus dem Nichts fällt plötzlich ein lauter Schuss und sie geht zu Boden.

Eine Inszenierung im Sinne Kurt Weills

Hendrik Müllers Street Scene-Inszenierung ist voll von visuellen und akustischen Highlights. Es vergeht keine Szene, in der nicht irgendetwas Überraschendes oder Spannendes passiert. Dabei verliert er nie den Bezug zur heutigen Gesellschaft, wenn er etwa mit live-gedrehten Videoinstallationen den Drang zur Selbstdarstellung und die Schaulust der heutigen Selfie-Generation kritisiert.
Die musikalische Umsetzung von Stefan Veselka steht dem in Nichts nach. Er schafft es, das musikalische Potpourri an verschiedenen Stilen natürlich verschmelzen zu lassen. Sicherlich auch im Sinne von Kurt Weills Traum: Die „Verbindung von Drama und Musik, in der das Singen auf natürliche Weise dort einsetzt, wo das Sprechen aufhört.“ Diese Leistung wurde zu Recht vom Publikum mit minutenlangem, begeistertem Applaus und stehenden Ovationen gewürdigt.

Fotos: © Oliver Berg, mit freundlicher Genehmigung des Theaters Münster