Sechs Komponisten und ein Ochse auf dem Dach

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Paris in den frühen 1920er-Jahren. Eine geheimnisvolle Stadt. Eine bunte, eine wilde Stadt. Geprägt von exzessiven Partys, künstlerischen Wagnissen und einer Freiheit der Sitten, wie man es aus dem fernen New York kennt, entwickelt sich Paris zu einem echten ‘Hotspot’ der Szene. Hier trifft sich die Avantgarde der damaligen Zeit. Mittendrin: eine Gruppe von sechs Komponisten. Wer waren sie, was machte sie so besonders, und was hat der Ochse auf dem Dach damit zu tun? Wir reisen 100 Jahre zurück in die Années folles – die französischen golden 20s – und tauchen ein in eine verzaubernde Welt.

Wir befinden uns in einer kleinen Bar im 8. Arrondissement, es ist schon spät. In den Fenstern brennt noch Licht. Im Innern, reges Treiben. Durch die Fenster kann man tanzende Schatten sehen, und leise Klänge eines beschwingten Pianos dringen auf die Straße. An einem Tisch sitzt ein Mann mit einem auffällig kleinen Schnurrbart. Es ist Charlie Chaplin. Zu seiner Linken sitzt Coco Chanel und trinkt ein Glas Champagner, am Nachbartisch diskutieren Picasso und Hemingway hitzig über die neueste Publikation von Cocteau. Begleitet von Darius Milhaud lässt der Hauspianist Jean Wiener am Klavier die Finger fliegen. In der Ecke, im Schatten kaum zu erkennen, sitzt ein bärtiger Mann mit runder Brille namens Erik Satie und grübelt über seiner Partitur.

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So oder ähnlich soll es sich im Pariser Nachtleben abgespielt haben – genauer gesagt, wir befinden uns im berüchtigten ,Le Bœuf sur le Toit‘. Hier trafen sich Surrealisten, Dadaisten, aufstrebende Maler, Komponisten, Modeschöpfer und Schriftsteller aus aller Welt, um ihren Visionen Ausdruck zu verleihen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstand in Frankreich eine überaus optimistische und progressive Grundstimmung. Man war zwar in gewisser Weise ratlos, wie es weitergehen sollte, doch dieses Gefühl wurde schnell in Kreativität und Innovation umgewandelt. Kunst diente als Ventil für das Bedürfnis der Menschen, Gewohntes infrage zu stellen. Paris, als weltoffene Stadt mit seinen vielen Cafés und Bars, entwickelte sich schnell zu einer Metropole neuer Strömungen. Ihren Vertretern ging es vor allem darum, sich von der Romantik abzugrenzen und neue Wege einzuschlagen. Viele der Bewegungen sind nur teilweise einer Kunstform zuweisbar, vielmehr handelt es sich um Lebensweisen, die sich auf verschiedene Bereiche auswirkten – gesellschaftlich, sozial, politisch und eben künstlerisch.

Wohl begründet in der Entdeckung einer Vielzahl neuer musikalischer Möglichkeiten, denen viele Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts allein nicht gerecht werden konnten, kam es vermehrt zu nationalen Schulen und Zusammenschlüssen. Darunter auch die ,Groupe des Six‘. Den Namen gab sich die Gruppe nicht selbst, er ist auf den französischen Musikkritiker Henri Collet zurückzuführen. In einem Zeitungsartikel über das 1918 veröffentlichte Manifest Le coq et l’Arlequin von Cocteau, benutze Collet den Namen in Anlehnung an eine russische Gruppierung von Komponisten aus dem 19. Jahrhundert, bekannt als die ,Gruppe der Fünf‘ oder das ,mächtige Häuflein‘.

Eric Satie

Obwohl der junge Satie stärker dem Impressionismus zugeneigt war, schaffte er sozusagen den Absprung und richtete seinen musikalischen Blick wie viele Zeitgenossen zurück auf Klassiker wie Haydn. Mit seinen Kompositionen war er musikalisches Vorbild für die ,Groupe des Six‘. Satie war ohne Frage ein Sonderling. Dies spiegelte sich vor allem in Form von Ironie und einem eigenartigen Humor in vielen seiner Werke wieder. So schrieb er zum Beispiel, nachdem man ihn für seine Formlosigkeit kritisiert hatte, drei Stücke in Birnenform. Mit dieser frechen Antwort sollte verständlicherweise jegliche Kritik aus dem Weg geräumt sein. Sein frühes Klavierstück Vexations (1893) sucht seinesgleichen: was es an Komplexität und Form vermissen lässt, gleicht es durch seine spezielle und bis heute einzigartige Aufführungspraxis aus. Dieses auf den ersten Blick harmlos erscheinende, keine zwei Minuten dauernde Musikstück mit insgesamt nur 120 Noten soll laut einer Anmerkung Saties 840 Mal wiederholt werden. Spätestens hier wird auch der Titel klar: Vexations sind nämlich zu Deutsch nichts geringeres als Quälereien.

Jean Cocteau

Cocteau war ein vielseitig begabter Künstler seiner Zeit und bedeutsamer Vertreter der Avantgarde. Selbst sah er sich vordergründig als Dichter, war aber auch als Regisseur, Theaterschreiber, Designer und Maler aktiv. Er schrieb seine ersten Gedichte schon im Jugendalter von 16 Jahren und arbeitete eng mit Künstlern wie Pablo Picasso oder Igor Strawinski (Oedipus Rex, 1951) zusammen. Nach der Bekanntschaft mit Satie 1915 kehrte Cocteau Debussy und dem Impressionismus den Rücken zu und sprach sich für klare Formen mit gesanglichen Melodien aus. Seine musikalischen Ansichten verfasste er in Schriften wie dem Manifest Le coq et l’Arlequin 1918. Mit seinen Dichtungen für die Werke der ,Six‘ übte er deutlichen Einfluss auf sie aus.

Erik Satie und Jean Cocteau, zwei bedeutende Namen im Kontext der ,Six‘, waren selbst keine Mitglieder. Sie fungierten sozusagen als Führungsköpfe. Beide hatten großen Einfluss auf das kreative Schaffen der sechs Komponisten. Satie, Komponist und Pianist, war ein großer musikalischer Bezugspunkt; Cocteau beeinflusste ideell unter anderem durch seine Dichtungen, sowie Kontakte zu Künstlern und Schriftstellern. Zusammen wendete sich die Gruppe von der eher verschlungenen, komplexen, romantischen Tonsprache ab und strebte eine neue Klarheit der Komposition an. Dabei spielte die Rückbesinnung auf alte, meist klassische und barocke Formprinzipien eine wesentliche Rolle. Die Kombination solcher Formen, gepaart mit einer modernen Tonalität und Harmonik, zeitgenössischer Unterhaltungsmusik sowie Einflüssen aus der ganzen Welt, ist das, was unter dem Begriff Neoklassizismus verstanden werden kann.

Dies bedeutet nun nicht, dass die ,Six‘ ausschließlich neoklassizistisch komponiert hätten. Vielmehr ist es eine Strömung, die innerhalb der Gruppe, von ihren Mitgliedern verschieden stark vertreten wurde, sich aber keineswegs auf sie beschränkte.

Germaine Tailleferre

Tailleferre, die einzige Frau der Gruppe, komponierte bereits vor ihrem Studium am Pariser Konservatorium. Ihre Werke, die eine Vielzahl musikalischer Gattungen abdecken, lassen sich größtenteils und recht deutlich dem Neoklassizismus zuordnen.

Louis Durey

Durey war kürzestes Mitglied der Gruppe. Seine Entscheidung, nicht an dem Gemeinschaftswerk Les Mariés de la Tour Eiffel teilzunehmen und daraus resultierende Unstimmigkeiten mit Cocteau führten zu seinem Austritt 1921.

 

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Georges Auric

Auric nahm die Rolle des Schriftführers der Gruppe ein. Er war als Mitglied weniger durch seine Kompositionen als durch sein literarisches Schaffen präsent.

 

 

Arthur Honegger

Ein sturer Charakter, der sich von der musikalischen Ästhetik der Gruppe distanzierte und seinen eigenen Stil behielt. Kompositorisch war der ursprüngliche Schweizer Violinist sehr vielseitig. Seine Werke umfassen verschiedene Liedformen, Kammermusiken, Opern und Sinfonik. Ullstein bezeichnet Honeggers musikalische Gespaltenheit als den „Honegger der gläubigen Versenkung“ und den „von der Freude am irdischen erfüllten Honegger“. Einerseits zeigen seine Werke eine mystisch-religiöse Programmatik auf, wie beispielsweise im sinfonischen Psalm Le Roi David (1921/23), andererseits vertonte er ein Rugby Spiel – diese Deutung stritt er jedoch später ab. Bekannt ist Honegger außerdem für sein sinfonisches Tonstück Pacific 231 (1923), welches an das Beschleunigen einer Lokomotive erinnert, sowie die tragische Oper Antigone (1926) mit Texten von Cocteau.

Zwei bedeutende dieser wenigen Kollaborationen markieren L’Album des Six (1920) – eine sechssätzige Suite für Piano – sowie das Ballett Les Mariés de la Tour Eiffel (1921) nach Vorlage von Cocteau (ohne Durey). Für die Suite komponierte, wie man es sich bei sechs Sätzen vielleicht schon denken kann, jeder der ,Six‘ einen Satz. Das gleichwohl erfolgreich wie skandalöse Ballett zeichnet sich musikalisch durch einen Wechsel zwischen dissonanten und konsonanten Tönen, sowie kleine rhythmische Themen aus. Die Handlung ist eine Aneinanderreihung surrealer, lustiger Szenen.

Darius Milhaud

Der aus der Provence kommende Milhaud war ein Liebhaber Bachs. Nachdem er 1917 als französischer Botschafter in Rio de Janeiro lebte, entdeckte er eine Vorliebe für südländische Tänze wie die Saudade. Dies, und Einflüsse aus dem Jazz lassen sich deutlich in seinen Saudades do Brasil, Op. 67B (1920/21) wiederfinden. Milhauds Komposition zu dem komischen Ballett Le Bœuf sur le toit, Op. 58 (1919) welches in Zusammenarbeit mit Cocteau entstand, sollte ursprünglich als Filmmusik zu einem Stummfilm Charlie Chaplins dienen. Der Titel leitet sich von einem brasilianischen Tango ab, den Milhaud in der Musik zitiert. Neben einigen umfangreichen Werken komponierte er auch drei Miniaturopern, die zusammen nicht einmal eine halbe Stunde dauern. Musikalisch war Milhaud ein echter Grenzgänger. Nachdem er sich von impressionistischen sowie expressionistischen Tendenzen abgesetzt hatte, trat er als Vertreter neuer Klarheit auf. Dies reizte Milhaud über die Grenzen der Spielbarkeit der Instrumente aus. Ähnliches trifft auf die Tonalität manch seiner Werke zu: Am Ende des ersten Satzes seiner ersten Klaviersonate Op. 33 (1916) liegen ganze sechs (!) Dur-Dreiklänge übereinander, sodass zeitgleich jeder der 12 Halbtöne erklingt – mehr Polytonalität geht nicht!

Nach ihrer Trennung gab es eine Handvoll weiterer Werke an denen Mitglieder der ,Six‘ zusammenarbeiteten. Der Großteil der Gruppe blieb in Frankreich, Tailleferre und Milhaud emigrierten nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in die USA.

Francis Poulenc

Poulenc war gegenüber den anderen Gruppenmitgliedern vergleichsweise jung und hat sich auch vielleicht deshalb stärker an Satie und Cocteau als Bezugspersonen orientiert. Den musikalischen Durchbruch schaffte Poulenc mit dem Ballett Les Biches (1923). Seine Spitznamen, mal sei er Mönch, mal Lausbub, bekam er angeblich von einem französischen Kritiker, da er vor allem in frühen Jahren humorvolle und ironische Werke schrieb. Ihm machte es angeblich Spaß, die Zuhörer zu überraschen, wenn nicht sogar zu erschrecken. Fast gegensätzlich erscheinen da seine ernsten Werke der Kirchenmusik mit viel Tiefgang. So zum Beispiel sein Stabat Mater (FP148) von 1950.

Es wird schnell deutlich, dass es in der Pariser Musikszene des frühen 20. Jahrhunderts ganz besondere Charaktere zu entdecken gibt, die in ihrer gesamten Komplexität nicht in einem Beitrag beleuchtet werden können. Wer sich aber gerne einmal selbst ins kalte Wasser schmeißen, und neue, frische, teils auch groteske Musik entdecken möchte, ist hier genau richtig und darf gerne auf ein Glas Champagner in das ,Le Bœuf‘ eintreten.

Langsam dämmert es, die letzten Nachtschwärmer treten müde ihren Weg nach Hause an. Die Musik im ,Le Bœuf‘ ist verstummt, nur vereinzelt hört man aus der Ferne Menschen singen. Für einen kurzen Moment kann die Stadt Luft holen, doch schon bald, mit den ersten Sonnenstrahlen herrscht wieder reges Leben auf den Straßen von Paris.

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Hintergrundbild: Arnaud 25 / © CC BY-SA 4.0

Ochse: Free-Photos auf Pixabay