„Wir sind Autodidakten“

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Zwischen der Garageneinfahrt von Fahrzeugteile Stein und Supermarkt Adem finde ich den Eingang zum Rekorder. Die heruntergelassenen Rollläden sind mit stark kontrastierenden Gesichtern in blau-schwarz bemalt. Das Garagentor von Fahrzeugteile Stein durfte gleich mit bemalt werden. Durch die blätterlosen Baumkronen des Blücherparks kann ich das hell erleuchtete Dortmunder U sehen.

Im Keller des Rekorders wechseln sich sphärische Synthesizer-Klänge mit expressiven Tanz-Melodien ab; hinterm Mischpult steht Flako, DJ und Produzent aus London und Berlin. Rhythmische Passagen bereichert er mit eigenem Schlagzeugspiel auf dem Drumpad. Im Erdgeschoss kann man Bier oder Fritz-Kola an der Bar bestellen und – wenn noch Platz ist – sich in eines der weichen Sofas sinken lassen. Vor der Tür, auf der Gneisenaustraße 55, versammeln sich junge Leute in kleinen Grüppchen, reden, lachen, rauchen und trinken Bier. Ich bin auf dem Rekorder-Festival, das vom 10. bis 13. Januar stattfand.

Ich sitze mit Richard, einem der Gründer, in der Sofaecke und lausche der Entstehungsgeschichte des Rekorders. Es gab keinen bewussten Plan, einen kreativen Treffpunkt in der Nordstadt zu gründen, es ergab sich mehr oder weniger: „Natürlich ist das ein Ort hier, der einfach sehr sehr gut gepasst hat, weil es kaum Kneipen gibt, wo unten dann noch ein Keller so zugänglich war.“ Das einmalige Auflegen im Keller des damaligen Soul Kitchens im Rahmen des Hafenspaziergangs, dem Tag der offenen Tür des Viertels, war die Initialzündung. Sie hatten vielen Freunden Bescheid gegeben „und auf einmal war der Keller proppenvoll.“ Diese Erfahrung ließ in den Freunden die Idee wach werden, so einen Ort für Konzerte und andere Veranstaltungen erstmal für ein paar Monate zu schaffen. In der Zwischenzeit erfuhr man, dass es das Soul Kitchen nicht mehr gab und die Immobilie leer stand. „Wir haben uns dann zusammen getroffen, bei jemand in der Küche“ und dann ging es ganz schnell mit der Vereinsgründung und dem ganzen Papierkram.

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Der Rekorder versteht sich selbst als offener sozialer Raum und unabhängige Plattform. Kreative Ideen und große Einsatzbereitschaft sind mehr als gewünscht – davon lebt der Ort. So gibt es die unterschiedlichsten und verrücktesten Veranstaltungsformate und immer wieder kommen neue hinzu. Zu den Klassikern gehören die Tanzveranstaltung Ringelbeats mit Anbassen, bei dem regionale und überregionale DJs einmal im Monat die Bude einheizen, der Vinylstammtisch, wo offene Schallplattenspieler die Besucher zum Auflegen animieren und die Gemischte Tüte, bei der die Gäste nicht wissen, was sie an diesem Abend erwartet. Von Pille dem Zauberer über eine Travestieshow bis zum Bingo-Abend war da alles drin. Zu den neueren Formaten gehören der Elternabend, an dem alle ihre Eltern mitbringen dürfen, Songs & Cakes, sonntägliches Kaffee- und Kuchenessen mit Singer-Songwritern oder Swap it! – Tauschen statt Kaufen.

Auf meine Frage, wie er die Dortmunder Nordstadt erlebt, lacht Richard und sagt: „Auf keinen Fall so, wie sie in den Medien dargestellt wird.“ Hier lebe eine so heterogene Vielfalt – von Studenten über arbeitssuchende bis arbeitende Menschen, von jung bis alt – dass es unmöglich sei zu sagen: So ist die Nordstadt. Das Hauptpublikum des Rekorders sind junge Leute, von etwa zwanzig bis fünfunddreißig, doch das Team versucht mit seinen vielfältigen Angeboten auch andere Gesellschaftsgruppen zu erreichen. Das Nachbarschaftskaffeetrinken richtet sich an alle Ortsansässigen und mit dem DJ- und Musikproduktionsworkshop spricht der Rekorder gezielt Jugendliche an.

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Der größte Teil der Arbeit ist ehrenamtlich, aus voller Leidenschaft für die Sache. „Wir sind Autodidakten“, sagt Richard, „und haben uns das alles selbst beigebracht.“ Die Freunde haben in der Gründungsphase des Rekorders nicht nur die ehemalige Kneipe renoviert und vieles selbst gebaut, sondern auch in das Projekt reinfinanziert. Heute trägt sich der Rekorder vor allem über den Getränkeverkauf. Die Arbeit hat sich gelohnt. Der Rekorder ist zu dem geworden, was sich die Gründer erträumt haben: ein offener, selbstverwalteter Raum der Kreativität. Für Ernesto Chahoud, einen bekannten libanesischen DJ, ist der Rekorder sogar „einer der coolsten Clubs weltweit“.

Die Musik, die im Rekorder gespielt wird, findet sich in den Genres Hip-Hop, Jazz, Punk, Funk und Soul wieder, das bedeutet aber nicht, dass Klassik nicht erwünscht ist. Ganz im Gegenteil, meint Richard: Über ein Format, Klassik zu Kaffee und Kuchen würde er sich sehr freuen.

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Fotos: © Freya Lintz