Feinsinnige Tragödie

Paavo Järvi ist in der Klassik-Szene ein Begriff: Vielfache Auszeichnungen, Gastdirigentschaften zahlreicher renommierter Orchester und eine umfangreiche Diskographie, die ihresgleichen sucht, bestimmen seine Biographie. Der estnische Dirigent hat sich für sein neues Album mit dem NHK Symphony Orchestra Tokyo Gustav Mahlers 6. Symphonie „Die Tragische“ ausgesucht und sie bei Sony RCA Red Seal eingespielt.

Mahlers 6. Symphonie ist keine leichte Kost. Obwohl der Titel „Die Tragische“ nicht vom Komponisten selbst stammt, ist der Name Programm. Mit dem Wort „tragisch“ verbinden wir seit jeher Szenarien wie Hungersnöte, Unfälle und Kriege, die schließlich auch immer etwas mit dem Tod zu tun haben.

„Doch die universellere Bedeutung der Symphonie besteht nicht in der Beschreibung des Todes, sondern in der Erkenntnis, der Angst und der Furcht, dass wir alle nur kurze Zeit auf Erden weilen.“ – Paavo Järvi

Diese Intention verfolgt Mahler mit seiner 6. Symphonie. Ein Held setzt sich mit der Beziehung von Leben und Tod auseinander und realisiert im Finalsatz das unausweichliche Ende auf dieser Welt mit dem Tod.

Der Ausdruck des „Tragischen“ erhält direkt zu Beginn des ersten Satzes eine besondere Note. Celli und Bässe stimmen einen Marschrhythmus an – die Klänge sind schroff und abgerissen. Auf diese Weise vertreibt Järvi das Bild stampfender Soldaten und lenkt den Fokus sofort auf Mahlers Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Die restlichen Streicher und die kleine Trommel kommen in gleicher Manier dazu und verstärken so die bedrohliche Stimmung. Dann folgt ein Choral der Holzbläser. Wie ein Löffel in einem heißen Pudding gleiten sie geschmeidig durch den homophonen Satz. Darüber erklingen Pizzicati der Streicher als hätte man der Süßspeise noch Schokostückchen beigesetzt. Der erste nahegehende Höhepunkt des Album!
Im anschließenden „Alma-Thema“ schwelgt das Orchester im Tutti-Klang. Mit grandioser Präzision wechseln sich Streicher und Bläser ab und übernehmen die Melodien voneinander. Ebenso exakt ist die dynamische und artikulatorische Ausführung. Diese Liebe zum Detail beweist Järvi auch in den anderen Formteilen, indem er die zähe Gipsmasse an musikalischem Material bei jeder Note anders modelliert.

Der 2. Satz macht da weiter, wo der erste aufgehört hat. Nicht nur schaurig, sondern auch gleichermaßen karikativ und ironisierend kommt das „Scherzo“ daher. Das fröhlich Tänzerische ist nur eine Farce. Gleich zu Beginn weist Mahler darauf hin, indem er den eigentlichen 3/8-Takt verschleiert – Celli und Bässe kämpfen mit der Pauke um die Vorherrschaft. Über den Satzverlauf spitzt sich der ironische Charakter zu. Insbesondere die Bläser können in diesem Satz glänzen – angeschliffene Töne und viele Glissandi wecken den Eindruck von Gelächter. Streichertremoli und das Xylophon fallen hier mit ein. Gleichermaßen wird es immer furchteinflößender. Diesen Effekt übt beispielsweise das Bassregister im „Scherzo II“ aus. Bassklarinette, Kontrafagott, Tuba und Kontrabässe verschmelzen zu einer Einheit und dröhnen mit einem chromatischen Wechsel aus den Lautsprechern. Der makabre Charakter des Satzes findet seinen Höhepunkt in einer Unisono-Passage der Oboen, die klanglich an einen Dudelsack erinnert, bevor der Satz im Nichts verschwindet.

Im anschließenden „Andante moderato“ vergisst man schnell die Schrecken der vorigen Sätze. Ganz sanft und leise weben die Violinen eine wunderschöne Melodie über Liegetönen in den Bratschen und einer Gegenmelodie in den Celli. Trotz der reduzierten Grundlautstärke beweist Järvi sein agogisches Gespür und führt die Streicher mit geringen dynamischen Anhebungen und artikulatorischen Feinheiten durch die ersten Takte. Gleiches gilt für das spätere Hornsolo. Es ruft traurige, nicht verarbeitete Erinnerungen hervor und ist dermaßen empathisch gespielt, dass es zutiefst berührt. Insgesamt wirkt der Satz als hätte das Orchester alles Irdische hinter sich gelassen und befände sich schon im Himmel oder in einem Traum über das Himmlische. Die Aufnahme bleibt klar und differenziert, selbst im berauschenden Tutti-Klang geht keine Stimme unter und lässt beim Zuhören über die gesamten 13 Minuten alles andere vergessen.

Mystisch und unheimlich beginnt das Finale. Dafür sorgen Celesta, Harfe und trillernde Streicher. Der Held tappt im Dunkeln. Hörner, Tuba oder Bassklarinette deuten Themen an, können sich aber nicht behaupten. Wie in den anderen Sätzen brillieren die einzelnen Solisten ohne den Begleitsatz zu verdecken. Fröhliche und friedliche Gedanken keimen in diesem Satz nur kurz auf. Der Schrecken erreicht seinen Höhepunkt in zwei wuchtigen Hammerschlägen, die den Hörer trotz ihrer Ankündigung zusammenfahren lassen.
Im fast halbstündigen Finale bestätigt Järvi sein Gespür für Nuancen, was er besonders am Schluss nochmal unter Beweis stellt. Die Symphonie fließt langsam und leise dahin und scheint beendet, bevor ein Tutti-Akkord den Hörer nochmals aufschreckt und die Musik erst dann verebbt.

„Das Orchester ist eine unglaublich kraftvolle und gut geölte »Maschine«, die genau für diese Art von Repertoire perfekt ausgestattet ist […] und das Ensemble zeigt hier, wie präzise es die gigantischen Orchesterkräfte beherrscht und zu welch tiefen Einblicken und kraftvollem Vortrag es in der Lage ist.“ – Paavo Järvi

Das NHK Symphony Orchestra Tokyo bringt mit dieser Einspielung eine herausragende musikalische Leistung auf den Markt. Insbesondere die Homogenität des Klangkörpers ist bestechend. Egal ob Violinen und Flöten, Kontrafagott und Kontrabässe oder Hörner und Violoncelli – jedes Tandem verschmilzt bei Unisono-Themen zu einer fabelhaften Einheit. Eine weitere Stärke dieser Aufnahme ist ihre Transparenz. Solisten treten in ihrem Satz hervor bei aller Präsenz der Begleitstimmen. Und auch unterbelichtete Instrumente wie Glockenspiel, Celesta oder Xylophon erhalten zu jeder Zeit die notwendige Aufmerksamkeit. Järvi und das NHK Symphony Orchestra Tokyo präsentieren auf diesem Album ein hohes Maß an Transparenz, Liebe für Details und große Musikalität, die sich in der dynamischen, artikulatorischen und agogischen Differenzierung niederschlägt.

Bildcredits:
Hintergrundbild: LUM3N auf pixabay
Beitragsbilder: Chris Barbalis auf unsplash, Quincena Musical auf flickr