#nobeethoven

Als würde uns das Werk Ludwig van Beethovens nicht ohnehin schon beinahe täglich um die Ohren gepustet, meint die Welt nun in diesem Jahr den 250. Geburtstag des Komponisten feiern zu müssen – und das natürlich mit haufenweise Konzerten, die seine Musik zelebrieren.

Wir finden: Zu viel ist zu viel! Und widmen uns in diesem ersten Monat des Beethovenjahres allem, was nicht Beethoven ist – vergessenen anderen Jubilaren, anderen großartigen 9. Sinfonien, beethovenfreien Orten in Bonn, gar einer fiktiven Musikgeschichte ohne das vielgerühmte “Genie”. Um uns bewusst zu machen, dass heutige Klassik mehr ist und mehr kann als nur für, durch, trotz oder wegen Beethoven zu existieren. Viel mehr.

Alternative Neunte #1: Milhaud

Wie Reigenmusik beginnt Darius Milhauds 9. Sinfonie. Unbeschwert, nur unmerklich ziehen die Geigen an den Rand des Schrillen und Misstönenden. Irgendetwas stört die doch sonst so heiteren Rhythmen.

1959 entstand dieses Werk, gut zehn Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs. Milhaud ist jüdischer Herkunft und emigriert bei Ausbruch des Krieges in die USA. Er wird erst später nach Paris zurückkehren und abwechselnd auf beiden Kontinenten unterrichten.

Die Zerrissenheit, die der Krieg in der Gesellschaft zurücklässt, ist auch in Milhauds 9. Sinfonie deutlich zu spüren. Wie ein Kind, dass in einem Schwarzweissfilm verzweifelt nach Farben sucht, schwanken die Instrumente aufeinander zu und treiben wieder voneinander weg, finden manchmal zusammen oder irren umeinander. Dabei hält der strikte, militärische Rhythmus, durch das Schlagwerk unterstützt, das Orchester an den Zügeln.

Als Mitglied der nach dem 1. Weltkrieg um den Schriftsteller Jean Cocteau entstandenen Groupe des Six, vertritt Milhaud die Abwendung von der romantischen und impressionistischen Musik. Entgegen dessen wendet sich die Gruppe von Komponisten und Komponistinnen den zeitgenössischen Formen der Unterhaltungsmusik zu. Milhaud selbst reist während des 1. Weltkriegs nach Rio de Janeiro und lernt dort die brasilianische Folklore kennen.

Die Sinfonie ist in drei Sätzen aufgebaut. Alle drei tragen Bezeichnungen, die für Tempo und Charakter ausschlaggebend sind. So heisst der erste Satz modérement animé – mäßig belebt, der zweite lent et sombre – langsam und düster/schwermütig, und der dritte alerte et vigoureux – flink und lebenskräftig.

Deutlich zu spüren ist in dem 19-minütigen Werk durchgehend die Unruhe, die den Zuhörer durchgehend in ihrem Griff hält. Immer wieder finden die Instrumente in Rhythmen zueinander, begehren trotzig auf und bleiben in einem nach vorne treibenden Strom zusammen. Aus der Asche der Kriegszerstörung scheint neues Leben zu entstehen, so malt es die Musik des dritten Satzes. Mit einem abrupten letzten gemeinsamen Ton wird der Hörer daran erinnert, dass es immer weitergeht, wenn man Zeichen nur deutlich genug setzt. So versucht dieses Werk, die nach dem Krieg übrigen Trümmer behutsam wieder zusammenzufügen.

(mj)

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Alternative Neunte #3: Henze

Sieben Häftlinge aus dem Konzentrationslager Westhofen brechen aus, nur einer entkommt endgültig. Das ist in einem groben Satz die Handlung von Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“, der literarischen Vorlage zu der Neunten Symphonie von Hans Werner Henze. 1997, beinahe 60 Jahre nach Entstehung des Kriegsromans, rechnete Henze so mit der deutschen Geschichte und seiner eigenen Vergangenheit ab. 1944 wurde der damals 17-jährige Komponist gezwungen, in die NSDAP einzutreten und musste als Funker der Wehrmacht dienen.

Die Symphonie ist offiziell den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus gewidmet.

Jeder der sieben Sätze ist mit großem Orchester und Chor besetzt und trägt Zwischenüberschriften.

Der sechste und mit Abstand längste Satz heißt „Die Nacht im Dom“. Dort findet Georg, Protagonist des Buchs für eine Nacht Unterschlupf und betet, doch erhält keine göttliche Hilfe. Stattdessen hört er die Stimmen der Toten, die beglückt von schrecklicher Qual und Folter singen. Dazu stellt Henze 12 Gesangssolisten an das andere Ende des Konzertsaals, weit weg von Chor und Orchester.

Henze selbst sagte über sein Werk:

“Was in dieser Sinfonie geschieht, ist eine Apotheose des Schrecklichen und Schmerzlichen. Sie ist eine Summa summarum meines Schaffens, der Versuch einer Abrechnung mit einer willkürlichen, unberechenbaren, uns überfallenden Welt. Statt die Freude, den schönen Götterfunken zu besingen, sind in meiner Neunten den ganzen Abend Menschen damit beschäftigt, die immer noch nicht vergangene Welt des Grauens und der Verfolgung zu evozieren, die weiterhin ihre Schatten wirft.”

Henzes Neunte ist zwar mit einer Stunde Aufführungsdauer beileibe kein kurzes Werk, doch schafft er es auf diesem dann doch recht engen Raum die heftigsten Emotionen abzubilden. Auch wenn nach dem letzten Satz „Die Rettung“ der Protagonist überlebt, so bleibt doch der allgegenwärtige Schrecken.

(fk)

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Alternative Neunte #2: Schnittke

Mit sphärischen Streicherakkorden beginnt die 9. Symphonie von Alfred Schnittke. Über gut 45 Minuten hat man als Zuhörer das Gefühl, in einer Art Geisterwelt zu schweben.

Bei wohl keinem anderen Komponisten hat der berüchtigte „Fluch der Neunten“ derartige Ausmaße angenommen wie bei Schnittke. Trotz des bereits von Bruckner verwendeten Tricks, eine frühere Symphonie nachträglich zur Nullten zu machen, sollte das Schicksal dennoch seinen Lauf nehmen.

Schnittke fing mit der Komposition nach seinem bereits dritten Schlaganfall an, der ihn halbseitig gelähmt zurückgelassen hatte, und musste qualvoll mit seiner schwachen linken Hand die Noten schreiben. Dadurch war die Partitur beinahe unleserlich, und da Schnittke selbst 1998 an seinem vierten Hirnschlag starb, musste seine Witwe Irina einen Komponisten finden, der Schnittkes Gekrakel entziffern und Einzelstimmen anfertigen konnte.

Mit der Aufgabe wurde zunächst der Komponist Nikolai Korndorf betraut, der nach wenigen Monaten Arbeit selbst an einem Hirntumor starb. Schließlich war es Alexander Raskatov, der mit einer speziellen Lupe das Kunststück vollbringen konnte, die Symphonie aufführungsreif auszusetzen.

Das Werk ist opulent instrumentiert, neben Sonderinstrumenten wie Vibraphon ist typisch für Schnittke der Einsatz des Cembalos.

Uraufführungsdirigent Dennis Russell Davies hält Schnittkes Neunte für das Werk eines Menschen, der seinen Tod vorausgeahnt hat. William C. White hingegen geht noch einen Schritt weiter und sagt, es erklingt die Musik eines Toten, wie ein wandernder Geist, der erste Eindrücke in einem fremden Universum sammelt.

Nicht zu Unrecht, denn Schnittke war während seiner Schlaganfälle tatsächlich mehrfach klinisch tot.

Wie eine Nulllinie verklingt der Schlussakkord und lässt den Zuhörer mit mehr Fragen als Antworten zurück. Seine vielen Geheimnisse hat der Komponist mit ins Grab genommen.

(fk)

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Alternative Neunte #4: Brian

Als Havergal Brian 1951 seine 9. Symphonie schreibt, ist er schon über 70 Jahre alt. Diese 9. Symphonie ist nicht die Letzte, denn insgesamt wird Brians Werk bis zu seinem Tod 32 Symphonien umfassen  ̶  eine ungewöhnlich hohe Zahl für Komponisten dieser Zeit.

1876 in Dresden, einem südlichen Stadtteil von Staffordshire in England geboren, wächst Brian in einer Arbeiterfamilie in bescheidenen Verhältnissen auf. Er singt im Kirchenchor, lernt Geige und Cello und arbeitet später auch als Organist. Seine Kompositionskenntnisse bringt er sich größtenteils autodidaktisch bei. Mit 19 Jahren ist er bei der Uraufführung Edward Elgar’s Kantate „King Olaf“ dabei und bleibt von da an ein glühender Anhänger dieser für damalige Zeiten modernen Musik. Brians eigene Musik bewegt sich innerhalb der Tonalität, und trotzdem ist darin der Geist der Moderne deutlich spürbar.

Mit massivem Klang beginnt der erste Satz und behält diese Kraft durchgehend bei. Düster und aufgewühlt bewegt sich das Thema durch die verschiedenen Instrumente. Dabei nimmt die Komposition keine konkrete Form an. Ein wenig Ruhe kehrt erst mit dem Horn ein, als Echo auf das Geschehen, bevor der Sturm aufbrausend zurückkehrt.

Ohne Pause wird direkt in den zweiten Satz übergeleitet. Die Melancholie des Englischhorns gibt den Charakter vor. Wie ein unendlicher Strom zieht sich auch hier wieder die Melodie durch das Orchester weiter. Mit mahnenden Schlägen dröhnt der Gong und das Unheil baut sich düster auf.

Siegreich kommt schließlich eine Steigerung im 3. Satz. Trotz dem Majestätischen geschieht keine Loslösung von dem Düsteren, das wie ein böser Geist hier die Musik gefangen hält. Brians Orchestrierung zeigt, dass er sehr genau wusste, welche Klangfarben er aus welchen Instrumenten holen kann. Auch Röhrenglocken, eine Orgel und eine Harfe kommen zum Einsatz. So spricht er gezielt zu seinen Zuhörern und bedient sich an den klanglichen Werkzeugen, die so ein wunderbares Abbild seiner Empfindungen schaffen.

(mj)