Musikalische Utopie

Martin Fröst – der Schwede, der die Grenzen des bestehenden Klarinettenrepertoires immer wieder austestet. Auf seiner aktuellen CD „Vivaldi“ widmet er sich zusammen mit dem Concerto Köln diesem Komponisten und spielt „neue“ Klarinettenkonzerte, die der Komponist Andreas N. Tarkmann auf der Basis von Vivaldi Arien für ihn geschrieben hat.

Klarinette, Barockmusik und Werke, die heutzutage im Stil von Vivaldi komponiert worden sind – das geht? Uff. Schauen wir aber zunächst erstmal auf die Geschichte des Instruments, um überhaupt zu verstehen, warum die Klarinette in der Barock-Musik eigentlich kaum vertreten ist.

Vivaldi war einer der Ersten, der die Klarinette einsetzte. Zugegebenermaßen war die Klarinette zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr weit entwickelt. Es gab zwei verschiedene Varianten des Instruments: die „Clarinette“ und das „Chalumeau“. Mit der modernen Klarinette hatten diese Modelle allerdings recht wenig zu tun.
Trotz vieler baulicher Mängel baute Vivaldi sie in seine Kompositionen ein, entweder als Soloinstrument oder in Kombination mit anderen Blasinstrumenten – allerdings nur in fünf Werken von über 300 Solokonzerten.

Die Clarinette besaß nur 2-3 Klappen und wurde vor allem als Ersatz für hohe Trompeten verwendet, die sehr schwer zu spielen waren. Daher lag der Fokus auf einem brillanten, hellen Klang und einer gewissen Leichtigkeit in der Höhe. Dadurch wurde ein virtuoses Spiel möglich, das allerdings zur Folge hatte, dass das tiefe Register nur mühsam funktionierte und ein runder Klang nicht möglich war.

Das Chalumeau entstand durch den Wunsch, das Tonvolumen der Blockflöte zu vergrößern. Der Instrumentenfuß, die zylindrische Bohrung und die Griffweise der beiden Instrumente sind dabei ähnlich geblieben. Der Klang des Chalumeau war sehr weich, sanft und sollte die ländliche Idylle widerspiegeln. Das Überblasen war allerdings nur schwer bis gar nicht möglich, so dass sich der Tonumfang auf eine Oktave beschränkte.

Erst der Instrumentenbauer Johann Christian Denner entwickelte die Klarinette in Nürnberg, so wie wir sie heute kennen. Um aber dem ursprünglichen Klangbild der zwei verschiedenen Vorgängermodelle möglichst nahe zu kommen, ließ sich Martin Fröst bei dem Pariser Holzblasinstrumentenmacher Buffet Crampon ein Instrument aus Buchsbaum anfertigen, ohne allerdings auf die technischen Errungenschaften der modernen Klarinette zu verzichten. Das wäre auch schade gewesen, ist doch die brillante Technik von Martin Fröst eins seiner Markenzeichen.

Das zu dem Instrument passende Repertoire hat Andreas N. Tarkmann komponiert. Er hat in den Werken Vivaldis, besonders aus Arien, geeignete Stücke gesucht, die als Klarinettenkonzerte umfunktioniert oder umkomponiert werden konnten.

Die Klarinette hat also ursprünglich in der Barock-Musik nicht viel verloren, dementsprechend war Skepsis die erste Reaktion diesem Experiment gegenüber – die allerdings nicht bestätigt wurde. Im ersten Satz des Concerto in B-Dur „Sant’Angelo“ wird direkt beim Orchestervorspiel des Concerto Köln der Charakter von Vivaldi gut getroffen: schwungvoll, virtuos, aber das Rad wird (logischerweise) nicht neu erfunden.
Wenn Fröst schließlich einsetzt, bleibt er auch bei diesem neuen Repertoire seinen Prinzipien treu: Sein Klang ist sehr schlank, sein Spiel scheint zu jedem Zeitpunkt edel, kein einziges Mal taucht eine barocke Schwere auf. Sein charakterspezifisches Spiel kann er allerdings nur aufrechterhalten, da nicht versucht wird, die Klarinette zu einem alten Instrument der Barockmusik zu machen, was sie nun mal nicht ist – Gott sei Dank!

Nach CD-Booklet soll der zweite Satz ein Lobgesang auf die heilende Kraft des Schlafs sein. Eine sehr passende Umschreibung – man möchte sich gerne ins Bett fallen lassen, allerdings nicht, weil man so erschöpft von musikalischem Einfallsreichtum ist. Der ganze Satz ist sehr ruhig, der wirklich spannende Moment ist ein kurzer zweiter Teil des Satzes, in dem sich die Klarinette, über einem bewegten Streicherteppich schwebend, in einen Engel verwandelt, der vom Himmel aus sein Gutenachtlied singt. Fröst beweist hier höchste Musikalität in hauchzarter Höhe.

Martin Frost Pressefoto 2020_V ivaldi_c_Jonas Holthaus (4)

Das Concerto in d-Moll „La Fenice“ beginnt mit der treibenden Energie Vivaldis, die an dem Komponisten so oft geschätzt wird. Das Concerto Köln verleiht der Musik bereits im Orchestervorspiel das nötige Adrenalin. Die Klarinette setzt aus dem Nichts ein, ein musikalischer Effekt, für den die Klarinette bekannt ist und die Fröst perfektioniert hat. Immer wieder gibt es in diesem schnellen Satz einen kleinen ariosen Moment, bei dem der Fokus ausschließlich auf dem Solisten liegt. Ein kurzer Augenblick des Innehaltens, um sich als Primadonna der Bühne hervorzuheben, wo im restlichen Satz Orchester und Klarinette gekonnt klanglich miteinander verschmelzen. Ein Satz, von dem man nicht genug kriegen kann.

Das Kennzeichen dieses Satzes, aber auch des dritten Satzes „Allegro vivace“ sind große Intervallsprünge, ein typisches kompositorisches Mittel von Vivaldi. Gut anwendbar auf die Klarinette, da durch das Überblasen in die Duodezime, statt der Oktave, große Tonsprünge recht unkompliziert zu realisieren sind. Aber auch wenn sie einfach umzusetzen sind, sie klingen bei weitem nicht bei jedem so weich wie bei Fröst.

Seine exzellente Technik beweist er immer wieder: wie schnell Läufe auch gespielt werden müssen – Fröst spielt sie immer aus, anstatt sie „hochzuziehen“, so dass sie allein mit ein wenig Effekthascherei möglichst schnell klingen. Er reiht jeden Ton einzeln sehr genau aneinander. So ergibt sich eine lange Perlenkette, jede einzelne Perle gesondert poliert und glänzend.

Der zweite Satz des Konzerts „Adagio“ ist höchst melancholisch. Die Klarinette singt gedankenverloren, aber hier ohne Schnick-Schnack. Es gibt wenige Verzierungen, die Melodie steht ganz für sich allein. Fröst passt seinen Klang an: er ist voller, wesentlich dunkler – ein Zurückbesinnen auf das Klangbild des Chalumeau.

Dieses innere Leiden kehrt im 1. Satz des Concerto in F-Dur „Il Mezzetino“ zurück.

»Die Klarinette passt zum Schmerz, doch weniger ergreifend als das Fagott. Auch wenn sie fröhliche Melodien spielt, mischt sie dort eine Farbe von Traurigkeit ein. Wenn man in einem Gefängnis tanzte, wünschte ich es mir beim Klang der Klarinette.« – André-Ernest-Modeste Grétry, 1789

Die Klarinette singt ein Abschiedslied. Dabei beginnt sie aus der Ferne, scheint die Traurigkeit erst noch richtig begreifen zu müssen, bevor sie sich ganz hineinwagt. Dabei werden die tiefen und hohen Register des Instruments kunstvoll miteinander verflochten, sodass das Klangspektrum der Klarinette als Ganzes präsentiert wird.

Melancholisch ist auch der dritte Satz dieses Konzertes. Nach CD-Booklet ahmt das pizzicato-Spiel der Streicherbegleitung eine Gitarre nach und umschreibt einen „Regenschauer aus Tränen“. Aber ist es wirklich so ein großer Weltschmerz? Vielleicht eher ein weltvergessener Spaziergang zu einer schlichten Melodie, Gedanken schweifen immer wieder ab und kehren zurück. Es nieselt leicht; ab und zu gibt es auch einen größeren Regentropfen, wenn negative Gedanken sich ineinander verfangen, dann aber wieder voneinander lösen.

Für dieses Experiment der Barockmusik auf der Klarinette hätte man kaum eine bessere Wahl treffen können als mit Martin Fröst. Er zeigt, dass er noch eine ganz andere Seite besitzt: das hier hat nichts mit virtuosen und fetzigen Klezmer-Tänzen zu tun, aber auch nicht mit Mozart, Weber oder Copland. In Zusammenarbeit mit Andreas N. Tarkmann und dem Concerto Köln zeigt er eine Welt auf, die es vielleicht gegeben hätte, wäre die Klarinette zu Vivaldis Zeiten schon weiterentwickelt gewesen. Aber selbst dann, hätte es einen solchen Virtuosen wie Martin Fröst gebraucht, um der energischen und frischen, gleichzeitig aber auch gesanglichen Musik Vivaldis gerecht zu werden. Eine musikalische Utopie wurde erschaffen.

Bild-Credits:

Beitragsbild: Martin Fröst / Mats Bäcker 

Martin Fröst: Jonas Holthaus 

Hintergrundbild: unsplash // Matthew Hicks