Vom Versuchslabor auf die Bühne

Schleichend, fast unmerklich verbinden sich einzelne Glieder zu einem Schwarm. Das wabernde Knäuel erstarrt allmählich und kann aus eigenem Antrieb nicht mehr erwachen. Einzelne Körper beginnen wieder zu interagieren und es bilden sich neue Muster heraus, die der Menge eine neue Gestalt und Richtung verleihen. Und immer wieder triumphiert ein einzelnes Individuum, fast automatisch, wenn die anderen nach und nach aus dem Gefüge herausgefallen sind. Ein Prozess, der sich beständig wiederholt.

Individualismus und kollektive Utopie

Verhandelt wird die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen einem indivuduellen Begehren und der Einflussnahme eines anderen Individuums beziehungsweise einer ganzen Gruppe. Das Tanztheaterstück TURN_US macht dieses Thema auf sinnliche Weise begreifbar. Was am 21. Februar in der Generalprobe im Pina Bausch Theater der Folkwang Universität der Künste in Essen anzusehen war, ist Ergebnis eines langen interdisziplinären Austauschprozesses mehrerer Bereiche, die sich dem Thema “kollektive Utopien in Zeiten des Individualismus” forschend und künstlerisch angenähert haben. „TURN_US“ wurde im Rahmen der Folkwang LABs – ein Studienangebot in Form eines interdisziplinären Projektes – erarbeitet. Bei den LABs werden Themen von gesellschaftlicher Relevanz mit zwei oder mehreren Disziplinen verhandelt, die experimentelle, forschende, künstlerische und praktische Herangehensweisen vereinen. TURN_US erkundet darüber hinaus Arbeitsweisen der interdisziplinären Stückentwicklung und erprobt dazu konkrete künstlerische Formen.

Eine Allegorie auf das menschliche Miteinander

Der theatrale und choreographische Zugang geschieht im Kontext eines zehnköpfigen Ensembles, das als kollektives Bewegungssystem fungiert. Das Hauptmerkmal des Turnus ist die Wiederholung. Als Kollektiv durchlaufen die PerformerInnen verschiedene Stationen, in denen sie sich ganz aufeinander einstellen. Das kann zum Beispiel eine von allen geformte Kreisbewegung sein. Spielräume erlauben es Einzelnen, der Gemeinschaft neue Impulse zu geben oder sich länger an einer Station aufzuhalten, während das Kollektiv bereits weitergegangen ist. Auf diese Weise können Beziehungsebenen zwischen dem Individuum und dem Kollektiv entwickelt und erfahrbar werden. Was passiert, wenn ein Protagonist zurückbleibt, was geschieht, wenn eine neue Idee auf die Gemeinschaft trifft? Das Merkmal der Wiederholung und der Absehbarkeit sollen dabei als Allegorie auf die in der echten Welt vorzufindenden menschlich-historischen Entwicklungen verstanden werden. Entscheidend für die Entstehung des Stückes war die Möglichkeit der Improvisation seitens der PerformerInnen.

„Wir haben eine Choreographie, eine Reihenfolge von Stationen, die die Darsteller durchlaufen. Und da gibt es die Möglichkeit zu improvisieren, woraus man dann ein Stück bauen kann.“ (Lucy Flournoy, Ensemblemitglied und Studentin Physical Theatre, Folkwang Universität)

Initiatoren des Projekts sind Elisabeth Hofmann (Folkwang Physical Theatre Absolventin), Daniel Kunze (Folkwang Regie Absolvent) und Vasko Damjanov (Folkwang Integrative Komposition). Die Bereiche Fotografie, Komposition, Physical Theatre, Regie, Schauspiel und Tanz sind die Hauptakteure des interdisziplinären Austausches. Ausgehend von den jeweiligen fachspezifischen dramaturgischen Herangehensweisen wurde dann die Entwicklung eines interdisziplinären Zusammenwirkens in das Zentrum der Stückentwicklung gestellt. Genau an dieser Stelle konkretisieren sich die Herausforderungen interdisziplinären Arbeitens.

“Dass bei einer Impro anfangs mal alles gleichzeitig passiert, ist klar. Das passiert bei jeder Impro. Und das passiert natürlich bei zwölf Leuten auf der Bühne und fünf am langen Medientisch mit Musik und Video. In den ersten zwei Wochen war die Arbeit, das ein bisschen zu ordnen, sich aufeinander einzustimmen und einzulassen. Das ist auch eigentlich eine normale Gangart: Erstmal gucken, wie viele eigentlich im Raum sind, die alle etwas in den Topf werfen und das dann erst mal langsam kochen.” (Daniel Kunze, künstlerischer Leiter und Absolvent Regie, Folkwang Universität)

Schwierigkeiten offenbarten sich nur in einer ersten Phase des Arbeitens. Zusehends zeigten sich die Vorteile und erste künstlerische Ansätze griffen ineinander. Konkrete choreographische Spielsituationen konnten in der Folge von verschiedenen Seiten her geschärft werden. Eine Fotografie, eine Filmaufnahme oder ein spontaner musikalischer Impuls während des Improvisierens konnte das Stück – innerhalb des Entwicklungsprozesses – in eine neue Richtung lenken und die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte lenken.

„Es ist spannend, die verschiedenen Perspektiven einnehmen zu können. Wenn die Fotografen einen Ausschnitt auswählen, dann haben sie ihn ausgewählt, weil sie ihn besonders spannend finden – was ich so vielleicht gar nicht gesehen hätte.“ (Elisabeth Hofmann, künstlerische Leiterin und Absolventin Physical Theatre, Folkwang Universität)

Individualismus vs. Gemeinschaft

Eine Station des Stückes zeigt, wie sich Anhängerschaften konstituieren und verselbstständigen. Darin grenzt sich eine Person ab, nicht nur äußerlich. Sie kreist die Gemeinschaft förmlich ein, unaufhörlich. Die Forderung ist politisch und lautet: „Leistung muss sich wieder lohnen!“ Einzelne spornen die Figur an. Nach und nach erfasst es die ganze Gruppe und der Jubel wird immer größer. Ist es wahre Euphorie oder doch nur Ironie? Losgelöst vom Inhalt der Forderung jagt die Gemeinschaft schließlich nur noch einem stilisierten Abbild hinterher. Sie versucht geradezu in das große Abbild auf der Leinwand hineinzukriechen. Der gefeierte Star begreift, dass die Masse seine inhaltliche Forderung gar nicht wahrgenommen hat und versucht verzweifelt, die Aufmerksamkeit wieder auf das Wesentliche zu lenken. Aber es ist zu spät. Irgendwann erlahmt die Bewegung und der politische Aufrührer wird wieder Teil der Gemeinschaft. Ist die Gemeinschaft es gar nicht mehr gewohnt, auf Inhalte zu hören? Oder hat sie in einer Welt, die von einer ständigen Selbstoptimierung geprägt ist, einen Vorreiter entdeckt, der ihnen auf dem Weg zur Selbstverwirklichung nur schon einige Schritte voraus ist? Kann es nicht aber auch sein, dass die Allgemeinheit der zweifelhaften Forderung auf die Schliche gekommen ist und dem Schreihals gezeigt hat, dass sich nur das gemeinschaftliche Handeln durchsetzen wird?

Die Station ist – wie das gesamte Stück – Resultat des Ineinandergreifens der verschiedenen Disziplinen. Die verschiedenen Bereiche haben sich dazu einander auf kommunikativer Ebene angenähert, erklären die künstlerischen Leiter und Ensemblemitglieder. So mussten sich die Musikschaffenden dem Vokabular der Tänzer öffnen (andersherum genauso), ihre körperlich-tänzerischen Ausdrucksformen zuerst wahrnnehmen, um dann einen gemeinschaftlichen Zugang zu entwickeln.

“Die Choreographie und der Tanz haben Einfluss auf die Musik. Und andersrum auch. Man versucht, es inhaltlich und ästhetisch anzupassen. Das sind zum Beispiel bestimmte Muster wie Repetitionen in Choreograpie als auch in der Musik. Oder man setzt Kontrapunkte. Beide Disziplinen entwickeln sich miteinander.” (Martin Widyanata, Student Institut für Populäre Musik, Folkwang Universität)

Die Musik war nicht nur in der Entwicklung des Stücks wichtig, sie war natürlich auch Bestandteil der Aufführung. Mal war es ein synthetischer Klangteppich, der die Künstlichkeit der sich wiederholenden Massenbewegungen mittrug, mal setzte die Musik rhythmische Impulse, die den Gesamtkontext aufzubrechen schienen. In einer Zeit der digitalen und öffentlichen Zurschaustellung des eigenen Ichs via Facebook, Instagram und Co. stellt sich die Frage nach der Gemeinschaft im Besonderen. So kann man am Ende des Stücks sagen, dass die digitalen Meinungsblasen und die zunehmende Vereinzelung ein allgemeines Gruppengefühl beschränken und gesellschaftliche Utopien bremsen. Doch das bedeutet nicht das Ende der Utopie. Interdisziplinarität – und vor allem das LAB „TURN_US“ – sind Beispiel für eine geglückte Vision eines neu kreierten Miteinanders.