Bild und Klang in der Reinoldikirche

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“Bild und Klang” – so heißt die interdisziplinäre Vorlesungsreihe, die seit 2005 in der Stadtkirche St. Reinoldi stattfindet. Neben den Vorträgen wird dabei auch Musik in den Abend eingebunden. Univ.-Prof. Dr. Barbara Welzel und Univ.-Prof. Dr. Michael Stegemann von der TU Dortmund leiten die Veranstaltung mit KollegInnen und laden immer wieder Gäste unterschiedlicher Disziplinen ein. So treffen nicht nur Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Geschichte aufeinander. Neben dem Thema der Vorlesungsreihe, wie “Krieg und Frieden”, “Die Kunst der Interpretation” oder in diesem Jahr “Orient und Okzident”, unterliegen die verschiedenen Abende einzelnen Titeln, zu denen jede Disziplin etwas Eigenes beiträgt.

Welches Publikum spricht die interdisziplinäre Vorlesungsreihe Bild und Klang an?

Univ.-Prof. Dr. Barbara Welzel: Die Vorlesungsreihe hat ein sehr heterogenes Publikum. Das ist beabsichtigt und wir sind stolz darauf, dass das über die vielen Jahre gelingt. Neben dem akademischen Publikum, den Studierenden aus Dortmund oder Bochum, richtet sich die Vorlesungsreihe auch an ein städtisches Publikum. Und da erreichen wir Rentner, Berufstätige, aber auch jüngere Leute und wir haben immer auch wieder Schulklassen, die hier sind. Das Publikum kommt über die Musik, den Historischen Verein oder über ein Interesse an Kunst und Kunstgeschichte. Ich glaube, das ist das Spannende an dieser Reihe.

Univ.-Prof. Dr. Michael Stegemann: Es ist auch so, dass dieses Publikum gewachsen ist über die lange Zeit. Die Rückmeldung, die wir bekommen, ist so unterschiedlich aus so vielen verschiedenen Perspektiven, dass man merkt, die Reihe ist gerade in dieser Mischung schon das Ideale, um ein solches Publikum zu erreichen.

Warum eignet sich gerade die Kirche St. Reinoldi für diese Vorlesungsreihe?

Univ.-Prof. Dr. Barbara Welzel: Die Stadtkirche ist der Mittelpunkt der Stadt und sie ist eine Kirche, die ein besonderes Profil hat. Über die Gemeindekirche hinaus ist sie Stadtkirche. Also ein Ort, der ein nicht ortsgebundenes Publikum anzieht. Hinter der Vorlesung steht auch die alte Vorstellung des Studium Generale: dass die Universität in die Stadt geht, für die Stadtöffentlichkeit gedacht ist. Dadurch erschien die Partnerschaft mit der Stadtkirche St. Reinoldi naheliegend und hat sich sehr bewährt.

Univ.-Prof. Dr. Stegemann: Es ist ein Raum, der in der ganz spezifischen Ausrichtung eine Art Wechselwirkung zu den Vortragsthemen schafft. Natürlich gibt es Vorlesungen, die ganz konkret auf die Geschichte des Raumes Bezug nehmen, aber selbst wenn man vollkommen entlegene Themen in einem solchen Raum präsentiert, findet etwas statt, was man nicht inszenieren kann. Das ist für uns auch immer wieder eine unglaublich spannende Erfahrung.

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Wie entsteht das Thema der Vorlesungsreihe wie in diesem Jahr beispielsweise Orient und Okzident?

Univ.-Prof. Dr. Stegemann: Nach 15 Jahren ist natürlich ein Großteil an Themen schon abgehandelt. Wir haben versucht, Themen zu finden, die erst mal einen Aktualitätsbezug haben, die nicht zu abstrakt bleiben, sondern eine Rückbindung an die Gegenwart bieten. Dabei gibt es aber auch Themenüberlegungen, die interdisziplinär nicht funktionieren.

Univ.-Prof. Dr. Welzel: Ich hätte z.B. gerne mal eine Ovid-Vorlesung gemacht, was für die Kunstgeschichte ein Traum wäre. Aber Stegemann muss sagen: Das gibt für die Musik zu wenig her. Aber wir fangen nicht mit Abendthemen an. Wir suchen ein großes Thema, von dem wir glauben, dass unter das Dach viel passt.

Univ.-Prof. Dr. Stegemann: Auch manchmal ganz bewusst ein großes Thema. Orient und Okzident ist nun so ein offenes Thema, so dass man sehr viel dazu machen kann.

Überlegen Sie gemeinsam, wie sich die einzelnen Vorlesungen zusammensetzen?

Univ.-Prof. Dr. Welzel: Wir besprechen das Rahmenthema und bauen dann Titel für die einzelnen Abende, damit lassen wir es bewenden. Am Anfang war ich ein bisschen in Sorge, ob wir das bloß aus Zeitgründen machen. Inzwischen würde ich es in anderen Projekten auch mit Absicht auf diese Weise einrichten, weil es dazu führt, dass wir an den Abenden neugierig aufeinander sind. Ich glaube das Vibrieren der Abende kommt daher, dass die Überlegungen nicht schon detailliert vorbesprochen und fertig sind, sondern, dass sich genau diese Neugier vermittelt.

Univ.-Prof. Dr. Stegemann: Wobei es immer wieder mal die Gefahr gibt, dass man zwei Dinge als Parallelaktion laufen lässt. Bei der nächsten Vorlesung z.B. geht es um diesen Krönungsmantel, zu dem es musikalisch nichts zu sagen gibt.

Univ.-Prof. Dr. Welzel: Kaisereinzugsmusik.

Univ.-Prof. Dr. Stegemann: Das braucht kein Mensch (beide lachen). Aber es gibt ein Thema, das in der Musik bei Orient und Okzident wichtig ist: Mozart und die Turkenmusiken. Das heißt, ich werde in der nächsten Vorlesung Mozart behandeln. Das erscheint dann zwar in gewisser Weise parallel zu den Thematiken aus Kunstgeschichte, aber es ergänzt sich auf eine sehr unberechenbare Art und Weise.

Univ.-Prof. Dr. Welzel: Und dann passiert es, dass du sagst: „Naja ich wollte nochmal einen Mozart unterbringen.“ Aber – und das ist jetzt ein Beispiel dafür – der Krönungsmantel und Mozart sind beide in Wien. Du kannst dich jetzt fragen, ob Mozart den auch angeguckt hat (hat er nicht, weil er erst später nach Wien kam). Und plötzlich werden Geschichten daraus, die man sich vorher so nicht ausdenken würde. Das vermittelt sich dem Publikum.

Was sind die besonderen Herausforderungen beim interdisziplinären Arbeiten? Auf welche Schwierigkeiten stößt man dabei?

Univ.-Prof. Dr. Welzel: Wir teilen den Abend in kleinere Einheiten auf, das ist für ein Publikum kurzweiliger. Dieses Mosaikhafte, Nichtlineare der Erzählung führt zu solchen Assoziationen wie Mozart und die Türken vor Wien, also zu einem assoziativen Verhalten, bei dem man anfängt, Dinge zu verknüpfen. Weil die Zuhörenden die Gegenstände in Relation setzen, wird es interessanter, als wenn man wie von draußen auf eine Glasscheibe schaut. Und wir haben hier nicht den Druck, ein gemeinsames Forschungsprojekt hinterher in eine Narration bringen zu müssen, sondern können das Nichtlineare stehen lassen. Das ist der besondere Reiz. Ich weiß nicht, ob man überhaupt ein Forschungsprojekt so durchführen könnte.

Univ.-Prof. Dr. Stegemann: Nein, das denke ich nicht. Es gibt ein Problem, das ich zumindest habe. Natürlich ist eine solche interdisziplinäre Vorlesung, was die Tiefe der Beschäftigung angeht, immer ein wenig flacher, als es eine spezifische Vorlesung sein könnte. Die Intensität, mit der man die wissenschaftlichen Dimensionen der Thematik aufarbeiten könnte, bleibt ohne spezifische theoretische Vorkenntnisse manchmal zwangsläufig auf der Strecke. Andererseits bauen wir ja auch Brücken für die Zuhörenden, damit sie sich weiter damit beschäftigen können. Vor allem dieses assoziative Zusammensetzen eines Bildes, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven anzugehen, das ist etwas, was in der Interdisziplinarität ganz wunderbar funktioniert.

Univ.-Prof. Dr. Welzel: Was ich ganz spannend finde ist, was mir Studierende in der Sprechstunde zurückmelden. Wir machen im Prinzip „alte Universität“: Man lernt die Nachbardisziplinen kennen. Die Studierenden haben mir immer wieder etwas erzählt, womit ich nicht gerechnet habe. Sie sagen, wenn sie hier neben Leuten aus dem Stadtpublikum sitzen, nehmen sie plötzlich wahr, dass das, was wir ihnen anbieten im Studium, wirklich von einem generellen Interesse ist und sie es nicht nur machen müssen, weil das Vorlesung 7 in Modul Y ist. Das nehmen sie als eine ganz große Bestärkung und das können wir in unseren Binnenveranstaltungen nicht herstellen. Von daher braucht Universität inzwischen beide Seiten, die sich wechselseitig bestärken.

Univ.-Prof. Dr. Stegemann: Es ist so, dass die TU Dortmund als eine Trabantenuniversität vor den Toren der Stadt immer wieder und immer mehr suchen muss, sich in der Stadt präsent zu machen. Gerade auch mit so einer Veranstaltung tragen wir die Uni in die Stadt.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, bei dem Sie persönlich das Gefühl hatten, dass die Themen sich gerade gegenseitig befruchten?

Univ.-Prof. Dr. Welzel: An einem Abend hat beispielsweise eine Kollegin über die Erfindung des mechanischen Webstuhls geredet und über die frühen Webstühle mit Lochkarten. Da bist du aufgestanden und hast gesagt: „Ich hab solche Lochkartenorgeln. Darf ich mal, bevor Sie weiterreden?“ Da bist du wirklich aufgestanden und hast gesagt: „Jetzt muss mein Musikstück dazu.“

Univ.-Prof. Dr. Stegemann: Das ist es. Das sind Dinge, die passieren immer wieder und sind absolut nicht geplant oder planbar und oft erst im Nachhinein erkennbar in ihrer Logik, auch im Augenblick selbst. Es kommt nicht oft vor, aber wir haben auch schon zu dritt hier oben plötzlich miteinander Ideen ausgetauscht, wie sich quasi Geschichte, Kunstgeschichte und Musikgeschichte an einer bestimmten Stelle kreuzen, eventuell stören oder bereichern.

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Ist Interdisziplinarität notwendig für eine gute Kulturvermittlung?

Univ.-Prof. Dr. Welzel: Das ist eine gute Frage. Ich glaube ja. Die Disziplinen sind sozusagen wie ein Guckrohr, das heißt sie schneiden links und rechts weg. Lebenszusammenhänge funktionieren so nicht und Kulturzusammenhänge auch nicht. Das Erkenntnisinteresse ist oft nur in diesen disziplinären Zugängen plausibel und seriös zu machen, aber wir schneiden die Phänomene damit auseinander. Das müssen wir anschließend auch wieder in den Dialog stellen, denn es wird eigentlich erwartet, dass wir über die disziplinären Grenzen hinweg die Phänomene diskutieren.

Univ.-Prof. Dr. Stegemann: Für mich ist Kultur nur verständlich und vermittelbar, wenn man sie in der Gesamtheit der kulturellen Manifestationen wahrnimmt. Diese Interdisziplinarität ist der einzige Schlüssel zu Kultur. Was nicht heißt, dass nicht jeder in seiner Disziplin in die Tiefe gehen und den Einzelphänomenen auf den Grund gehen muss und das dann wieder zurückträgt, um es auf der großen Fläche zu diskutieren.