Mixtape No. 9 »Brüche und Brücken«

Kurt Cobain hat einmal gesagt: „Ich vermute mal, dass irgendwie jeder, der den Ehrgeiz hat, etwas zu erschaffen und nicht kaputt zu machen, Respekt verdient.“ Dieses Zitat lässt sich auf viele Bereiche des Lebens übertragen, doch nirgendwo passt es so gut wie bei der Musik.
Dieses Mixtape thematisiert Musiker, die etwas Neues erschaffen, indem sie Konventionen brechen. Musik, die genreübergreifende Brücken schlägt.

Flimmernde Querflötenklänge verbinden sich mit Vogelgezwitscher – eine harmonischere Klangwelt könnte es für Björk nicht geben. Die isländische Sängerin und Produzentin erschafft auf ihrem aktuellen Studioalbum mithilfe von Holzbläsern und Naturgeräuschen eine sanfte und minimalistische Zukunftsmusik. Utopia, Titeltrack des Albums, kommt ohne Rhythmusinstrumente aus und wird von der elegischen Stimme der Musikerin und einem im Hintergrund pulsierenden Elektrobeat getrieben. Willkommen in einer utopischen Zukunft!

Steven Wilson ist ein ständig von der Musik getriebener Mensch. Neben seinem regelmäßig betriebenen Soloprojekt, ist er Mitglied und Mitbegründer von sechs anderen Bands, die sich musikalisch im weiträumigen Feld der Rockmusik bewegen. In dem achtminütigen Stück The Raven That Refused To Sing verknüpft der Musiker nicht nur sanfte Klavier-und Streichersounds mit der progressiven Rockmusik der 70er-Jahre, sondern stellt auch einen Bezug zu dem Werk Edgar Allan Poes her, indem er Poes düstere Geschichte „The Raven“ kreativ interpretiert.

„You can reach inside my head,
And you can put your song there instead.“ (Steven Wilson – The Raven That Refused To Sing)

Ebenso vielbeschäftigt ist Anohni, die bei der Avantgarde-Pop-Band Anthony And The Johnsons den Gesang übernimmt. Kaum eine Band inszeniert ihre Stücke ohne elektrische Gitarren, Bässe oder ohne Schlagzeug. Anthony And The Johnsons sind darin ungeschlagen und verbinden ihre sentimentalen Balladen mit Kammermusikelemente. Cripple And The Starfish beginnt mit einem lauten Bläsereinwurf, dicht gefolgt von brodelnden Streicherklängen und melancholischen Melodiebögen. Bevor der flehende Gesang von Anohni einsetzt, verbinden sich die einzelnen Instrumentalstimmen zu einem dichten Klanggewebe. Das hallt selbst nach dem Hören noch lange im Kopf nach.

Foto: “Snarky Puppy” by Ross Brewer / flickr.com / CC BY-ND 2.0

Glaubt man dem Online-Nachschlagewerk für Slangbegriffe „Urban Dictionary“, dann kann der Begriff „Binky“ nicht nur für eine bestimmte Schnullermarke stehen, sondern auch für eine verrückte Person mit gelockten Haaren oder eine bestimmte Bewegung von Hasen, die sie immer dann machen, wenn sie besonders glücklich sind. Ob das die Musiker von Snarky Puppy gewusst haben, als sie eins ihrer Stücke ebenfalls Binky getauft haben, ist nicht bekannt. Da das Musikwerk – eine Mischung aus Jazz, Funk, Reggae und elektronischen Elementen – allerdings ebenso vielseitig ist, wie die Bedeutungen des Begriffs sind, lassen sich Parallelen erkennen.

Das folgende Stück ist nicht so komplex wie Binky, gewinnt dafür aber den Titel, der für den schrägsten Songnamen vergeben wird. Die Wichtigtuer-Schmonzette des Vertigo Trombone Quartet zerschlägt alle Konventionen und baut sich mithilfe von vier Posaunen ein eigenes musikalisches Denkmal. Die abstrakten Eigenkompositionen bewegen sich irgendwo zwischen klassischem Posaunenchor, Jazz à la Nils Landgren und freier Improvisation. Besonders daran: Obwohl häufig eine Songstruktur oder ein zugrundeliegender Rhythmus fehlt, klingt die Musik trotzdem spannungsgeladen und ist intuitiv nachvollziehbar.

Clair De Lune von Claude Debussy ist…Moment, was macht der Kontrabass da – und wo kommt eigentlich das Jazzsaxophon her? Auf dem monumentalen Album „The Epic“ hat der noch junge Jazzsaxophonist Kasami Washington unter anderem Debussys Clair De Lune interpretiert und eine ruhige, aber nicht minder epische Jazzballade daraus gemacht. Dabei kommen beispielsweise ein ganzer Gospelchor und ein atonales Cellosolo zum Einsatz – das Originalstück wird in die 1950er Jahre katapultiert. Durch das symbiotische Arrangement kommen hier sowohl Romantiker, als auch Jazz-Fans auf ihre Kosten.

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Kamasi Washington

Achtung, nicht alleine im Dunkeln hören! Wenn die Jazzsängerin Sidsel Endresen ihre Kompositionen anstimmt, dann kann es passieren, dass sich Nackenhaare aufstellen und Schweißperlen auf der Stirn bilden. Bei Survival Techniques 1+2 erinnert der lautmalerische Gesang der Norwegerin teilweise schon nicht mehr an menschliche Laute. Die Geräusche, die sich teilweise so anhören, wie ein Mensch kurz vor dem Erstickungstod, sind lediglich mit dissonanten Klavier-und Gitarrensounds unterlegt. Großes Horrorkino für die Ohren und einmalig in der Jazzszene.

Das längste Stück der Beatles ist gleichzeitig auch ihr schrägstes. Revolution 9 sprengt alle Genrefesseln auf und lässt sich fast nicht mehr als Song bezeichnen, sondern ist vielmehr eine Ton-und Klangcollage. Baby-Geschrei folgt auf das Lachen von Menschen, Maschinengeräusche werden von einem Stimmengewirr abgelöst und verschiedene Tonspuren rückwärts eingespielt. Obwohl das Stück keinem roten Faden folgt und mit zunehmender Spielzeit immer konfuser wird, macht es unglaublichen Spaß die einzelnen Geräuschfetzen herauszuhören und einzuordnen.

“Die Welt kennt meine Gedanken, doch sie sind ihr irgendwie egal.” (Karl Die Große – Die Gedanken sind frei)

Das Lied Die Gedanken sind frei  stammt ursprünglich aus dem frühen 19. Jahrhundert und wurde bereits unzählige Male interpretiert. Mit einer äußert kreativen Version des Liedes, gespielt von der Leipziger Band Karl die Große, endet dieses Mixtape. In Form einer Jazzballade ändert sich nicht nur die Wirkung des Songs, der jetzt wesentlich dramatischer wirkt, sondern auch dem Text wurden zusätzliche Zeilen und Strophen hinzugefügt. Dieses Stück steht deshalb Pate für alle anderen Stücke in dieser Playlist. Ohne die Fähigkeit sich frei auszudrücken und ohne die Möglichkeit nach Lust und Laune experimentieren zu können, hätten all diese individuellen Musikwerke niemals entstehen können. „Es bleibe dabei – die Gedanken sind frei“.

Foto-Credits:

Kamasi Washington: © Krists Luhaers / flickr.com / CC BY 2.0