Mixtape No. 14: Listen!

„Nehme ich Fanny Hensels Klaviersonate in c-Moll oder den IV. Satz aus Mel Bonis‘ Klavierquartett? Oder vielleicht doch lieber das Lied L’Anneau d’argent von Cecile Chaminade???“ – Ich ringe mit mir, als ich mich zwischen den Stücken für mein Mixtape über Komponistinnen entscheiden muss, denn es ist sehr viel wunderbare Musik dabei.
Komponistinnen? – Richtig gehört! Lange wurden sie überhört. Zeit, die testosteronüberschüssige Musikwelt zu durchbrechen und den Frauen eine Bühne zu geben. Eine reichliche Auswahl verbirgt viele erzählenswerte Geschichten über Fanny Hensel, Clara Schumann, Lili Boulanger, Rebecca Clarke, Amy Beach und Louise Farrenc. Mit kleinen Porträts möchte ich neugierig machen auf mehr Musik dieser sechs Frauen.

Felix sagt „Nein!“

Fanny Hensel

  • 1805-1847
  • Romantikerin
  • ca. 450 Werke
  • benannte ihren Sohn nach ihren Lieblingskomponisten
    Sebastian Ludwig Felix Hensel

Warum ist nicht Felix Mendelssohn ihr Bruder, sondern sie immer nur seine Schwester? Oder noch besser, warum nicht einfach die Geschwister Mendelssohn? Fanny und Felix schätzen gegenseitig ihre pianistischen Fähigkeiten und tauchen gerne gemeinsam in die Musik ein. Als junge Erwachsene organisiert Fanny die Sonntagsmusiken im Hause Mendelssohn, leitet Chöre und komponiert Klavier-, Vokal- und Kammermusikwerke. Doch Felix und ihr Vater lehnen eine Veröffentlichung ab. Es passt nicht zum vorgesehenen Frauenbild dieser Zeit. Deshalb erscheinen Kompositionen von Fanny in Felix‘ Opera. Stellvertretend für Fannys umfangreiches Vokalwerk packe ich also das Lied Italien auf die Playlist. Zugleich ist es ein Denkmal für die ihr widerfahrene Ungerechtigkeit. Nachdem Fanny Mendelssohn und Wilhelm Hensel geheiratet haben, geht Fannys kreative Aktivität immer weiter zurück. Erst Jahre später, nach einjährigem Aufenthalt in Italien, schöpft sie neue Energie und schreibt ihren Zyklus Das Jahr für das Klavier. Diese Charakterstücke vereinen unter anderem perlende Virtuosität, Koketterie und Sentimentalität. In ihrer letzten Lebensphase (mit 40 Jahren!!!) publiziert sie doch noch ihre ersten Opera, während sich ihr Mann posthum für weitere Veröffentlichungen einsetzt.

Workaholic mit musikalischer Perfektion

Clara Schumann

  • 1819-1896
  • Romantikerin
  • ca. 70 Werke
  • auf dem 100 DM Schein ab 1990

Clara Schumanns Biographie liest sich sensationell! Mit 16 Jahren tritt sie zum ersten Mal im Leipziger Gewandhaus auf. Es folgen Konzertreisen durch ganz Europa, nach Wien, Paris und London. Sie setzt sich gegen ihren Vater durch und heiratet Robert Schumann. Aus ihrer Ehe gehen acht Kinder hervor, was Clara Schumanns Konzerttätigkeit aber wenig beeinträchtigt. Zu ihrem Repertoire zählte beispielsweise das Scherzo op. 14, das ihre pianistischen Fähigkeiten erahnen lässt. Doch auch sie kann nicht uneingeschränkt weiterarbeiten im hellhörigen Heim. Damit Robert komponieren kann, hält sie sich gezwungenermaßen von den Tasten fern, worunter ihre kompositorische Entfaltung leidet. Proben kann sie auch woanders. Neben ihrer solistischen Aktivität pflegt sie einen intensiven Austausch mit Johannes Brahms und dem Geiger Joseph Joachim. Diese kammermusikalischen Erfahrungen fließen in ihr Klaviertrio op. 17 ein. Clara Schumann – eine Frau, die schon zu Lebzeiten mit ihrer Emanzipation beeindruckte.

Der Krankheit zum Trotz

Lili Boulanger

  • 1893-1918
  • Impressionistin
  • ca. 50 Werke
  • Freund der Familie: Gabriel Fauré

Wie ihre Schwester Nadia verliert sich auch Lili Boulanger in der Musik. Schon als Kind mag sie die monumentale Form, wenn sie an der Orgel improvisiert. Entsprechend pompös ist ihre Kantate Faust et Helene, mit der sie als erste Frau 1913 den Grand Prix de Rome des Pariser Konservatoriums gewinnt und sich gegenüber der Männerwelt behauptet. Impressionistische Farben, aber auch opernhafte Dramatik zeichnen diese Komposition aus. Wesentlich ehrfürchtiger präsentiert sie sich in ihrer Vertonung des Psalms 130, der neben ihrer Vorliebe für biblische Texte auch ihre Religiosität offenbart. Bedauerlicherweise leidet Lili Boulanger an einer schweren Lungenkrankheit und anderen Beschwerden, die ihrem Leben früh ein Ende setzen und weitere großartige Werke verhindern.

Entfaltung undercover

Rebecca Clarke

  • 1886-1979
  • Spätimpressionistin
  • ca. 100 Werke
  • liebte die englische Volksmusik

Wenn es um die gesammelte Bühnenerfahrung geht, konkurriert Rebecca Clarke mit Clara Schumann. Tourneen führen Rebecca Clarke mit ihrer Bratsche 1923 um den ganzen Erdball und 1928 durch ganz Europa. 1912 ist sie eine von sechs Frauen, die eine Anstellung beim Queen’s Hall Orchestra in London erhalten. Ihre Sonate für Viola und Klavier wird 1919 mit dem 2. Preis beim Coolidge International Prize in Berkshire ausgezeichnet, und ein paar Jahre später erhält sie einen Kompositionsauftrag für das Berkshire Festival. – Klingt nicht nach einer Frau, die am meisten Anerkennung für ihre Kompositionen unter dem Pseudonym Anthony Trent erfährt. Obwohl sie bereits in einer fortschrittlicheren Zeit als ihre Kolleginnen Fanny Hensel oder Clara Schumann gelebt hat, nimmt das Publikum Werke von Anthony Trent besser auf als von Rebecca Clarke. Neben der extrovertiert angelegten Bratschensonate schwärmt Rebecca Clarke auch für die intime Form des Wiegenlieds, weshalb ein Lullaby für Bratsche und Klavier nicht auf der Playlist fehlen darf.

Wunderkind aus Amerika

Amy Beach

  • 1867-1944
  • romantischer Stil
  • ca. 300 Werke
  • brachte sich mit 3 Jahren das Lesen bei

Warum reden wir immer vom Wunderkind Mozart und nicht von den Wunderkindern Wolfgang Amadeus Mozart und Amy Beach? Und warum verbinden wir die Gattung Klavierkonzert nicht auch mit Amy Beach, sondern eher mit Rachmaninoff? – Zeit, das zu ändern! Deshalb gehört für mich der I. Satz von Amy Beachs Klavierkonzert auf die Playlist, das die Fähigkeiten von Pianist*innen genauso fordert wie das Konzert ihres russischen Kollegen. Schon mit vier Jahren komponiert die Amerikanerin erste Werke und lernt viele ihrer musikalischen Qualifikationen autodidaktisch.
Amy Beach mag die großen Formen, was neben dem Klavierkonzert auch ihre Messe in Es-Dur op. 5 und ihre Sinfonie e-Moll op. 32 bezeugen. Ihr Stil zeichnet sich vor allem durch groß angelegte Linien und ein tonal erweitertes System aus, das auch chromatische Wendungen nicht scheut. Ihre Auszeichnung mit der Columbian Bronze Medal 1896 und mehrere Kompositionsaufträge würdigen ihr Gesamtwerk noch zu Lebzeiten.

Virtuosität in Komposition und Lehre

Louise Farrenc

  • 1834-1875
  • Romantikerin
  • ca. 50 Werke
  • einige Werke wurden als Filmmusik verwendet

Louise Farrenc bekleidet als erste Frau Europas ab 1842 das Amt einer Klavierprofessorin am Pariser Konservatorium und behält diesen Lehrstuhl für 30 Jahre. Unter diesem Gesichtspunkt darf natürlich auf der Playlist keine von ihren hochvirtuosen Konzertetüden fehlen, die sie für ihre Student*innen komponierte. Auch sie begeistert sich für die große Form. Schade, dass ihre 3 Sinfonien selten auf unseren Konzertprogrammen zu finden sind. Mich fasziniert vor allem ihre 3. Sinfonie, weshalb ein Satz daraus das Mixtape bereichert. Außerdem fällt Farrenc mit ihrem umfangreichen Kammermusikrepertoire auf, das bevorzugt größere und ungewöhnliche Besetzungen miteinander kombiniert. Dafür erhält sie zweimal den Kammermusikpreis Prix Chartier der Academie des beaux-arts Paris.

Das Mixtape ist divers und zeigt: Frauen wollen und können viele musikalische Formen bedienen. Dennoch soll nicht unterschlagen werden, dass die vorgestellten Künstlerinnen vorrangig für das Klavier komponierten, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass sie dort von den Herren gerne gesehen und am ehesten akzeptiert wurden. Ihre Geschichten erzählen davon, wie sie sich mit Professuren, Orchesterstellen oder gewonnen Preisen in der männerdominierten Branche behaupten konnten. Genauso wurden sie aber Opfer ihres Geschlechts, wenn sie ihre Werke unterm Pseudonym veröffentlichten oder aus familiären Gründen nicht üben oder komponieren konnten. Deshalb sollten wir die Musikgeschichte noch einmal genau unter die Lupe nehmen und unsere Ohren spitzen, um auch den Frauen eine Stimme zu verschaffen.

Hintergrundbild: music-sheet nevesf auf pixabay.com
Beitragsbild: Florencia Viadana auf unsplash.com
Bilder Komponistinnen: commons.wikimedia.org