Mixtape No. 13: feel the rhythm

Das Geheimrezept eines erfolgreichen Schlagers ist ganz einfach: eine natürliche Übereinstimmung von Text und Musik, ein möglichst geringer Tonumfang und eine leicht singbare Tonlage. Die Melodie soll direkt ins Ohr gehen, aber auch nicht zu sehr, harmonische und rhythmische Wendungen sind willkommen, doch bitte keine melodische. Das Ganze muss genau die richtige Länge haben und irgendwas muss dabei sein, was sich nicht erklären lässt und als Alleinstellungsmerkmal dient.

So oder so ähnlich wurde das Schema eines Schlagers in den golden 20s von Komponist Ralph Benatzky (1884-1957) beschrieben. Richtig „schlagend“ wurden die Lieder dann außerdem noch durch eine aktuelle musikalische Ausdrucksform und durch einen thematischen Bezug zu gegenwärtigen Themen. Okay, was? Ein bisschen konkreter bitte. Na ja, aktuelle musikalische Ausdrucksformen waren zum Beispiel ein Shimmy (Vorläufer des Charleston), ein Tango, ein Valse Boston, ein Foxtrott oder ein Onestep. Kaum ein Schlager kam ohne eine solche Bezeichnung aus. Aber warum? Aktuelle musikalische Ausdrucksformen sind also gleichzusetzen mit Tanzbezeichnungen?

Jap. Schlager und Tanz waren zur Zeit der golden 20s eine untrennbare Einheit. Viele Schlager dienten als Tanzmusik, liefen bei Tanzveranstaltungen auf dem Plattenspieler rauf und runter (DIE Neuerung zu dieser Zeit) und wurden von Tanzorchestern aufgeführt. Das war schon fast Voraussetzung, wenn Schlager Erfolg haben wollten.

“Die Praxis hat bewiesen, dass die Schlager Erfolg haben, die nicht nur musikalisch und textlich dazu geeignet sind, sondern auch den zur Zeit modernen Tanzschritten entsprechen.”
– 1932 in einer Zeitschrift

Neben dem Schlager wuchs noch eine andere musikalische Stilrichtung langsam, aber sicher aus ihren Kinderschuhen raus und machte sich in der Musikgeschichte breit. Denn: Die golden 20s (und diese Playlist…) ohne Jazz? Undenkbar! Jazz-Improvisationen waren total angesagt. Musiker sollten sich losgelöst vom Notentext musikalisch entfalten können und standen so im Gegensatz zu der zu dem Zeitpunkt startenden Industrialisierung und der damit verbundenen Technisierung und Rationalisierung der Welt.

Auf die Frage, wie golden die 20s wirklich waren, gibt diese Playlist vielleicht keine Antwort. Aber was sie aufzeigt: Die Musik war’s! Groovy, optimistisch und mit einer gewissen Grund-Entspanntheit kann man nicht anders, als mit dem Fuß mit zu wippen (aber mindestens!). Und wen interessiert es dabei, ob die Tanzschritte zum Shimmy, Tango oder Valse Boston bekannt sind – die Füße wollen, was sie wollen, und zwar aufs Tanzparkett.

So geht es mir zumindest, während ich diesen Artikel schreibe und die Playlist nebenher laufen lasse. Ich möchte viel lieber dem Drang nachgeben, meinen Laptop beiseite zu legen und ein paar gute Stunden an der Bar mit einem Glas (oder zwei) Martini zu haben. Dabei  kann ich den Rauch der Zigaretten riechen, dem Tanzorchester zuhören und vielleicht mit einem kleinen Schwips den Tanzabend beginnen lassen (ob jetzt aufgefordert oder nicht: selbst ist die Frau!) und später schlendere ich mit schwerem Kopf, aber vor allem müden Füßen durch die Berliner Straßen der Roaring 20s.

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