Mixtape No. 12: »Love at 5th sight«

„Carla ist verliebt, Carla ist verliebt!“ – „Stimmt ja gar nicht…“ Man stelle sich hier jetzt ein leicht errötendes Gesicht und einen verlegenen Gesichtsausdruck vor. Das wäre die Reaktion der 12-jährigen Carla gewesen, hätte man ihr sowas absurdes unterstellt.
Die Reaktion der Gegenwarts-Carla wäre jetzt eine ganz andere, denn: ich bin tatsächlich total verschossen. Und zwar in eine Klangfarbe, in eine mir bisher unbekannte Welt von Repertoire und dessen Interpretationen. Ich rede vom musikalischen Universum des klassischen Saxophons.

Lange Zeit kannte ich nur Jazz-Saxophon und jetzt muss ich ehrlich sein: da war ich irgendwie raus. Ich kann gar nicht genau erklären, wieso weshalb warum, im Endeffekt habe ich mich bisher viel zu wenig damit auseinandergesetzt. Aber der Klang gefällt mir nicht so wirklich, mit Jazz kann mein Klassik-Herz bislang sowieso nicht so viel anfangen und ich finde es ab einem gewissen Zeitpunkt einfach anstrengend zum Zuhören. Als Konsequenz war Saxophon bei mir generell nie so wirklich Thema. 

Wie der Titel schon sagt: Love at 5th sight eben. Da ich das Gefühl habe, dass es vielleicht auch noch andere Menschen auf dieser Welt gibt, denen gar nicht klar ist, dass es in diesem großen Musik-Universum ganz wunderbare Werke für klassisches Saxophon gibt, egal ob Arrangements oder Original-Repertoire, war es mir ein dringendes Anliegen, dieses Mixtape mit euch zu teilen. Vielleicht bin ich euer persönlicher Amor und ihr versteht hiernach meine Schmetterlinge im Bauch, sobald es um klassisches Saxophon geht.

Klassische Saxophonisten haben es schwer auf dem Musikmarkt, weil sie im Symphonieorchester nur sehr selten besetzt sind und daher oft nur Karrieren als Solisten oder in Kammermusikformationen möglich sind. Wer es aber definitiv geschafft hat, ist die junge Saxophonistin Asya Fateyeva.

1990 auf der Krim geboren, strebt Asya Fateyeva danach, dem klassischen Saxophon einen noch selbstverständlicheren Platz im Musikleben zu erobern. Als Tenorsaxophonistin gehörte sie als ständiges Mitglied zum renommierten Alliage-Quintett. Seit 2014 unterrichtet die Wahl-Hamburgerin als Dozentin klassisches Saxophon an der Musikhochschule Münster.

Beim Internationalen Adolphe-Sax-Wettbewerb 2014 errang Asya Fateyeva den 3. Preis und zog dort als erste Frau ins Finale ein. Zuvor gewann sie etliche erste Preise bei Wettbewerben in Russland, Frankreich und Deutschland. 2012 erhielt sie den ersten Preis beim Deutschen Musikwettbewerb in Bonn. Seit 2006 ist sie Stipendiatin der Deutschen Stiftung Musikleben und bekam in diesem Rahmen das Gerd-Bucerius-Förderstipendium der ZEIT-Stiftung. 2015 wurde Asya Fateyeva der mit 10.000 Euro dotierte Berenberg Kulturpreis verliehen und ein Jahr später erhielt sie den ECHO Klassik.

Asya Fateyeva spielte bereits mit zahlreichen Orchestern. So etwa unter der Leitung von Vladimir Fedoseyev mit den Wiener Symphonikern im Musikverein Wien. Mehrfach musizierte sie mit den Moskauer Virtuosen unter Leitung von Vladimir Spivakov. Sie gastierte außerdem bei dem Tschaikowski Rundfunksymphonieorchester und der Ukrainischen Nationalphilharmonie, bei dem Staatlichen Sinfonieorchester Istanbul und dem Symphonieorchester Giuseppe Verdi Milano. Hinzukommen Auftritte mit Orchestern aus Bochum, Bonn, Frankfurt/Oder und Kassel.

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Fateyeva widmet sich einem sehr breiten Repertoire, so auch einigen Werken der Klassik, Romantik oder des Barock – in diesem Fall Johann Sebastian Bach. Ich habe nach einer Aufnahme des Violin-Konzerts g-Moll gesucht, die mir gefällt, bin aus Zufall auf ihre Aufnahme gestoßen – und bin hängen geblieben. Ihr warmer, aber auch eleganter Klang ergibt eine perfekte Symbiose mit der klar strukturierten Musik Bachs.

Dass sie trotz schneller Finger und komplettem Epochen-Wechsel ihren einzigarten Klang nicht verliert, der sich wie eine heiße Schokolade an einem frostigen Wintertag anfühlt, zeigt sie auch in dem Arrangement von „Romeo et Juliet“ oder in der Originalkomposition „Shams: I. Mordant“ des Komponisten Jean-Denis Michat.
Ein Stück, das in ganz andere Sphären entführt: die Luft flirrt, arabische Klänge führen uns in Richtung Orient, die Musik kommt zu keinem Zeitpunkt richtig an, drängt immer weiter, findet keinen Ruhepol. Kein Stück, dass man unbedingt im Hintergrund zur Entspannung laufen lässt – aber ist das nicht das Wunderbare an Musik? Dass sie manchmal die volle Aufmerksamkeit fordert und nicht akzeptiert, dass man sich ihr nicht ganz widmet.

„Das Saxophon ist in Deutschland ein immer noch verkanntes Soloinstrument. Asya Fateyeva ist eine junge Künstlerin, die das Potential dazu hat, dieses Image in den nächsten Jahren zu durchbrechen.“ – eurowinds (Fachzeitschrift für symphonische und konzertante Blasmusik)

Der 2. Satz der Sonate für Alt-Saxophon von Paul Creston ist für mich die Definition von Leidenschaft und zugleich Zerbrechlichkeit in der Musik – eine Kombination, die das Saxophon in diesem Werk perfekt zum Vorschein bringt. Obwohl das Werk erst 1958 veröffentlicht wurde, hat es für mich beim Hören den simplen und ausdrucksstarken Charakter einer Sonate, die zum Zeitpunkt der Romantik hätte komponiert werden können.

Ganz anders als das Werk „Fuzzy Bird“ von Takashi Yoshimatsu, das durch eine ganz besondere Klangatmosphäre besticht. Auch das ist wieder ein Stück, was sich schlecht nebenbei hören lässt, denn: man begibt sich automatisch auf eine Reise, eine Reise in unbekannte Ton-Welten. Der Anfang ist dunkel, fast wie in der Schwebe setzt das Saxophon ein, Triller in der Klavierbegleitung unterstützen das musikalische in der Luft hängen. Das Ziel der Reise? Nicht wirklich klar, aber man ist unterwegs: halb verloren, halb auf dem Weg. Lässt sich von Glissandi, großen Tonsprüngen, Vorschlägen und Trillern einfach immer weitertragen.

Unbekannte Ton-Sphären, das sind die Stichworte für „Ciudades“ von dem Komponisten Guillermo Lago. Wir verlassen jetzt die Welt des Repertoires für Solo-Saxophon und widmen uns einer Sparte, die meiner Meinung nach aber mindestens genauso wichtig ist. Dem Saxophon-Quartett – eine Konstellation, die vom Aufbau sehr an ein Streichquartett erinnert.

Ein Saxophon-Quartett besteht meist aus einem Sopran-, einem Alt-, einem Tenor- und einem Baritonsaxophon. Der Aufbau erinnert sehr an ein klassisches Streichquartett, durch die Aufteilung der hellen und dunklen Klangfarben.

„Ciudades“ ist ein Werk mit sechs Sätzen, jeder Satz ist die musikalische Charakterisierung einer Stadt. Es war für mich unmöglich, mich auf einen Satz zu beschränken, da alle sechs Sätze so wahnsinnig verschieden sind und jeder so eine ganz eigene Tonstimmung mit sich trägt. Von tieftraurig, melancholisch und mit so einer zerbrechlichen Klangsphäre, dass einem beim Zuhören fast die Kehle zugeschnürt wird (II. Sarajevo) zu solchen Stimmungen, die vor Lebensfreude nur so sprühen und bei denen man als Hörer die Finger auf den Saxophon-Klappen vor dem inneren Auge tanzen sehen kann (VI. Tokyo).

Tanzende Lebensfreude – die perfekte Umschreibung für die „Rhapsodie Roumaine No.1, op.11“ und „La vida breve – Act II: Danse espagnole“. Stücke, bei denen man sich am liebsten selbst stundenlang im Kreis drehen und sich in einen Rausch aus Musik und Tanz verfangen möchte.

Wie ich schon beschrieben habe, erinnert die Form eines Saxophon-Quartetts an die eines Streichquartetts – es liegt also nahe, dass Werke für Streichquartett auch für die Saxophon-Viererkonstellation arrangiert werden. Das 12. Streichquartett von Antonin Dvorak („Das Amerikanische“) ist ein großartiges Beispiel dafür, dass ein Werk in neuer Besetzung so einzigartig bleibt, wie es auch im Original ist, aber gleichzeitig doch so neu und frisch klingen kann.

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Beitragsbild: Darrell Fraser // unsplash.com

Asya Fateyeva: Neda Navaee