Gescheiterter Haufen

Tatjana Gürbaca inszeniert Wagners Lohengrin in Essen als Warnruf vor falschen Helden. Der Schrei nach einem Retter ist bei ihr das Produkt einer herzlosen Gemeinschaft.

© Forster/Aalto Musiktheater

Fotos: © Forster/Aalto Musiktheater

Opern-Handlung

Elsa von Brabant wird des Mordes an ihrem Bruder, dem Thronfolger Gottfried, angeklagt, nachdem sie von einem Waldspaziergang ohne ihn zurückgekehrt ist. Vor Gericht erscheint auf einem Schwan ein unbekannter Ritter und tritt für sie ein. Er besiegt den Ankläger Friedrich von Telramund im Duell, schenkt diesem jedoch das Leben. Das Volk feiert den Helden und verstößt Telramund. Als Lohn für die Rettung will Elsa den Ritter heiraten. Er gesteht ihr die Liebe, stellt jedoch eine Bedingung: niemals dürfe sie ihn fragen, woher er komme und wer er sei. Doch Elsa lässt sich von Ortrud, der intriganten Gattin Telramunds, verführen und stellt noch in der Hochzeitsnacht die verbotene Frage. In dem Moment stürzt Friedrich mit gezücktem Schwert herein und wird im Kampf vom Ritter tödlich verwundet. Der Leichnam wird vor Volk und König gebracht, wo der Ritter nun verkünden will, wer er in Wahrheit sei. Das Volk erfährt: Er ist Lohengrin, der Sohn des Gralshüters Parsifal. Als Gralsritter darf er aber nur solange unter Menschen weilen, wie er unerkannt bleibt. Es stellt sich heraus, dass der Schwan des Gralsritters in Wahrheit der verzauberte Bruder Gottfried ist. Lohengrin verwandelt ihn zurück in einen Prinzen und verlässt die Menschen dann für immer. Sein menschlicher Wunsch, bedingungslose Liebe von Elsa zu erfahren, wurde ihm verwehrt.

Lohengrin ist selbst ganz verdutzt über die Wirkung. Elsa, die er seit höchstens zehn Minuten kennt, hat er soeben gestanden: “Ich liebe dich.” Und siehe da, schon liegt sie ihm zu Füßen! Genau genommen nicht nur sie, auch das Volk feiert die altbekannte Phrase wie eine Heilsverkündung. Männer und Frauen fallen einander in die Arme, in funkelnden Geigentönen schwärmt die Musik.

In ihrer Lohengrin-Inszenierung in Essen zeichnet Regisseurin Tatjana Gürbaca das Volk noch wankelmütiger, als Wagner es ohnehin schon tut. Jede Handlung wirkt rauschhaft übersteigert und fragil. Dieselben Menschen, die Elsa zu Beginn als Hexe auf den Scheiterhaufen zerren wollen, werfen kurz darauf Blüten zur Hochzeit. Die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Tomás Netopil machen den Wahnsinn perfekt, indem sie in halsbrecherischen Tempi durch sämtliche Lobpreis- und Anschuldigungsszenen des Abends rasen – mit beeindruckender Präzision.

© Aalto Theater / Forster

Die Protagonisten agieren in diesem Tumult als konträre Impulsgeber. Elsa und Lohengrin als Inbegriff naiver, weltfremder Liebe treffen auf machthungrige Strategen wie Ortrud von Telramund oder den König. Letzterer ähnelt in seinem Auftreten manchem Despoten unserer Zeit. Das liegt nicht allein am protzigen Bärenfell, das seine Schultern umwallt. Auch die Worte, die Wagner ihm in den Mund legt, wirken erschreckend vertraut: Er ruft das Volk zu den Waffen, gegen die Gefahr dubioser Feinde im Osten, die die Sicherheit von Frau und Kind gefährden würden. Furchteinflößend ist die donnernde Stimme, die Bariton Almas Svilpas ihm dazu verleiht, wunderbar ergänzt von Martijn Cornet als sein Heerrufer, der die Befehle herausschmettert wie Fanfarenstöße.

Spannend bleibt es, da jeder Charakter im Laufe des Abends Entwicklungen durchmacht, bis hin zu regelrechten Kehrtwenden. Am packendsten gelingt das bei Friedrich von Telramund (stimmgewaltig: Heiko Trinsinger). So schaurig seine Wuttiraden („Ich klage an“) im ersten Akt niederprasseln, berührt die zittrige Verzweiflung im zweiten („Erhebe dich, Genossin meiner Schmach“). Ebenfalls überragend spielt und singt Katrin Kapplusch als Ehefrau Ortrud im blauen Politikerinnen-Blazer.

Raffiniert färbt sie ihren druckfreien Klang je nach Situation mit Zwischentönen, sodass man Empfindungen wie unterschwellige Verachtung darin zu erkennen meint. Fies wird es im zweiten Aufzug. Ortrud trifft auf Elsa, die im rosafarbenen Pyjama vor ihrem Poesiealbum kniet und Märchenhochzeits-Fantasien hineinschreibt. Ortrud gaukelt Rührung vor, reißt die Seiten jedoch kurz darauf hasserfüllt wieder heraus – für solche Luftschlösser ist in ihrer Welt kein Platz. Jessica Muirhead berührt als Elsa vor allem in zarten Momenten mit federleichter Strahlkraft, dramatischere Phrasen wirken dagegen etwas hart. Technisch an seine Grenzen kommt auch Daniel Johansson in seinem Debüt als Lohengrin, wenngleich sein eigentlich warmes Timbre gut zur Rolle passt und er schauspielerisch als einfältiger Jüngling überzeugt.

Kollektive Liebessucht

Ein intelligenter Regie-Einfall ist es, den als Schwan verzauberten Bruder Gottfried zum Alter Ego des liebessüchtigen Helden Lohengrin zu inszenieren. Immer wieder sitzt der weiß geschminkte Knabe einsam da oder bettelt seine Umwelt um Beachtung und Liebe an. Lohengrin bleibt der Einzige, der ihn ab und zu tröstend in den Arm nimmt. Die Anderen sind entweder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder aber emotional so weit von natürlichen Empfindungen entfernt, dass seine kindliche Unschuld sie schlichtweg überfordert. Dabei ist es gerade der urmenschliche Schrei nach Liebe, den alle Protagonisten des Werks auf ihre Weise ausstoßen. Selbst Ortrud offenbart am Ende der Oper beim Anblick ihres toten Ehemanns einen verletzlichen, weichen Kern. Nur weil die Gesellschaft zu Lieben verlernt hat, ist sie bereit, diese Leere durch glorifizierte Heldenfiguren zu füllen.

@ Forster / Aalto Musiktheater

Das verdeutlicht auch das Bühnenbild. Das Geschehen spielt in einem schneeweißen Dreieckskasten mit überdimensionalen Stufen, die an eine Arena oder Tempeltreppe erinnern. Hier können Figuren in sekundenbruchteilen über andere erhoben werden – und ebenso rasch wieder abstürzen. Auch ist der Platz begrenzt, man kommt sich in die Quere. Die Personenführung des Regieteams innerhalb dieses Settings überrascht immer wieder mit kreativen Einfällen und geht dabei Hand in Hand mit der Musik. Da werden ausladende Vorspiele mit sich langsam entwickelnden Slow-Motion-Aktionen ausgefüllt, in den Massenszenen kann man immer wieder kleinere Interaktionen der Dorfmitglieder entdecken. Diese Detailarbeit zahlt sich aus: selten haben sich dreieinhalb Stunden Spieldauer so kurz angefühlt.

Als sich am Ende der Oper die Hoffnungen in den vermeintlichen Retter Lohengrin als unhaltbar herausstellen, dreht sich auch die Szenerie um 180 Grad. Auf einmal kommen Stahlgerippe zum Vorschein, an denen die Wände hängen –  das Theater entzaubert sich selbst. Der wieder zum Mensch verwandelte Gottfried taumelt wie ein Zombie über die Bühne. All die Grausamkeit und Missachtung, die er erleiden musste, haben Spuren hinterlassen. Symbolisch ragt in der Mitte ein riesiger Scheiterhaufen aus verkohlten Stämmen in die Höhe. Jemand hat dort wohl die Liebe verbrannt.

16 Kommentare

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