Klang des Wandels

Was für Zeiten sind das eigentlich gerade? Zeiten von Pandemien, die das Weltgeschehen stilllegen, Zeiten, in denen das Digitale mehr zählt als das Analoge und Zeiten von 17-jährigen Schwedinnen, die eine globale soziale Bewegung ins Rollen gebracht haben. Fridays for Future geht vor allem von SchülerInnen und StudentInnen aus, mittlerweile setzen sich aber auch Familien oder Senioren für den Klimaschutz ein – alle Schichten unserer Gesellschaft, ein ganzer Kosmos.

Aber wie engagiert sich eigentlich ein kleiner Mikro-Kosmos wie die Musikszene? Eine Welt, die auf den ersten Blick nicht wirklich viel mit dem Thema Klimaschutz zu tun hat? Kann es überhaupt so etwas wie eine Symbiose aus “Klassik & Klima” geben? Fliegen doch ständig Dirigenten von Kontinent zu Kontinent, um für einen Abend einen Konzertabend zu leiten, machen doch alle Orchester Tourneen in die weite Welt, werden doch Solisten von weit her für ein bestimmtes Konzert eingeflogen. Einige MusikerInnen haben sich der Antwort dieser Frage besonders verschrieben und die Initiative „Orchester des Wandels“ gegründet. Ausgangspunkt war die Gründung der NaturTon-Stiftung 2009 von Mitgliedern der Staatskapelle Berlin.

Ursprüngliche Idee war es, im Rahmen der NaturTon-Stiftung Klimakonzerte zu veranstalten. Und das Orchester des Wandels – das war der Name der Staatskapelle Berlin, wenn sie im Rahmen dieser Umweltinitiative aufgetreten sind. Mittlerweile hat sich diese Initiative weiterentwickelt: Viele andere Orchester stoßen dazu und wollen zusammen einen Beitrag zur Klimapolitik leisten. Das klingt toll, allerdings kommt die Frage auf, wieso kommt sowas erst jetzt? Schließlich ist doch der Klimaschutz schon seit einigen Jahren aus dem Bewusstsein der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Die Antwort ist schnell gegeben: Es war und ist immer noch ein sehr langwieriger und vor allem schwer durchsetzbarer Prozess.

Zurück in das Jahr 2009: Gründungsjahr der NaturTon-Stiftung. Mehrere Musiker der Staatskapelle Berlin tun sich zusammen und beschließen für sich, neue Konzertformate zu Gunsten des Klimas zu organisieren, damit bestmöglich zu inspirieren und vor allem aber Projekte zu fördern. Und das ohne Unterstützung der Staatsoper, ohne Unterstützung von Leitungspersönlichkeiten; alles wurde privat organisiert.

„Wir als Musiker der Staatskapelle Berlin haben das einfach gemacht und haben nicht darauf gewartet, dass die Leitung sagt, dass wir uns jetzt im Klimaschutz engagieren wollen. Es war sogar im Gegenteil so, dass das nicht gerne gesehen wurde. Es gab andere Themen, auf die man sich lieber konzentrieren wollte. Das heißt, wir haben 10 Jahre lang alles selber organisiert und auch finanziert.“
– Markus Bruggaier, Hornist Staatskapelle Berlin

Alles selber zu finanzieren heißt in diesem Falle: Die Musiker der Staatskapelle Berlin haben aus eigener Tasche einen fünfstelligen Betrag in die Stiftung investiert, Konzertsäle der Klimakonzerte und Notenmaterial bezahlt und auch beispielsweise den Kartenverkauf organisiert. Keine Selbstverständlichkeit für Berufsmusiker, neben den normalen Konzertdiensten auch noch bei eigenen Projekten zu spielen – umsonst. Und das obwohl es auch innerhalb des Orchesters Zweifel gab – „ein Orchester bildet schließlich die gesamte Gesellschaft ab“, begründet es Markus Bruggaier, Hornist der Berliner Staatskapelle. Es gab Musiker, die das albern fanden; Orchestermitglieder, die nicht zum Kern der Stiftungsgründer gehören, wurden überrumpelt.

„Wenn ich das heute erzähle, welche Idee wir dem Orchester damals präsentiert haben, denke ich mir schon, okay, das war ganz schön mutig, das knallhart vorzuschlagen und dann auch durchzuziehen. Aber letztendlich hat das ganze Orchester zugesagt und das ist verrückt. Wir können jedes Jahr so ein Konzert mit einem großen Orchesterapparat auf die Beine stellen.“

„So ein Konzert“ – damit ist eins der Klimakonzerte gemeint. Die ursprüngliche Idee war es, die Musik und den Inhalt eines Konzertes an eine Persönlichkeit anzupassen, die als SolistIn oder DirigentIn für das Konzert gefragt wurde. So war zum Beispiel das erste Klimakonzert gemeinsam mit Zubin Mehta, einem indischen Dirigenten, zur Förderung eines Projektes in seiner Heimat. Aber schnell kam eine neue Frage auf: Wie nachhaltig sind Projekte, wenn sie nur einmal unterstützt werden und dann nie wieder? Die Initiative konnte sich den WWF direkt von Anfang an als Partner gewinnen und mit Rücksprache mit dieser Umweltorganisation und anderen Umweltaktivisten wurde schnell klar, dass Projekte langfristig unterstützt werden müssen, um möglichst viel Nachhaltigkeit garantieren zu können. So gibt es mittlerweile drei Projekte, die regelmäßig unterstützt werden – und die auch schon Früchte tragen.

Eins dieser Projekte setzt sich in Madagaskar zusammen mit Geigen- und Bogenbauern für nachhaltigen Instrumentenbau ein. Ebenhölzer und Palisanderhölzer, die vor allem für Griffbretter und Teile vom Bogenfrosch verwendet werden, sind vom Aussterben bedroht. Das in Madagaskar angebaute Holz ist eins der besten für den Geigenbau, für einige Arten ist es dort aber schon zu spät. Mittlerweile wurden in Madagaskar durch das Orchester des Wandels allerdings bereits 200.000 neue Bäume gepflanzt. Bruggaier findet es dabei besonders wichtig, auch die lokale Bevölkerung mit einzubeziehen, um Nachhaltigkeit gewährleisten zu können.

„Es ist nur nachhaltig, wenn man wirklich einen Prozess in Gang setzt, so dass die Qualität eines solches Waldes auch lokal wahrgenommen wird und die Einwohner sich das Projekt zu eigen machen. Es ist ihr Wald. Er wurde zwar von Leuten aus Deutschland initiiert und gepflanzt, aber sie brauchen ihn auch selbst. (…)  Und nur so kann es funktionieren. (…) Es ist nicht damit getan, dass einfach irgendwo eine Summe hingegeben wird.“

Das zweite Projekt des WWF “New Life on Lower Prut River” fördert die Renaturierung von Auenwäldern im Flussdelta des Pruth, es wurde speziell für das Orchester des Wandels aufgelegt. Die ursprünglich geplanten 40 Hektar sind inzwischen auf viele tausende Hektar ausgeweitet.

Das Orchester des Wandels fördert aber auch lokale Projekte, wie das grüne Hören in Berlin. Eine Klanginstallation, bei der in den „Gärten der Welt“ mehrere Lautsprecher verteilt sind, aus denen Vogelstimmen erklingen, die vom Aussterben bedroht sind. Diese Vogelstimmen werden von Instrumenten imitiert, so dass aus der Dualität der Vogelstimmen und der Instrumente verschiedene kleine Kompositionen entstehen – jede Komposition konzentriert sich auf eine Vogelart. Außerdem gibt es ein Klangfernrohr, das besonders bei Kindern sehr beliebt ist.

Solche Projekte lesen sich gut, Zahlen beweisen, dass tatsächlich etwas bewegt wird. Und dennoch hat es die Staatskapelle bis heute schwer. „Wir sind eine Initiative von unten, nicht von oben“, erzählt Bruggaier. Auf die Wünsche wäre nicht wirklich eingegangen worden, erst mit dem neuen Intendanten Matthias Schulz sei die Staatsoper zum ersten Mal wirklich auf sie zugekommen. „Es ist natürlich schade, dass wir 10 Jahre lang nebeneinander hergedümpelt sind. Man hat sehr viel verschenkt. (…) Wir hatten eigentlich gedacht, dass das eine andere Unterstützung findet, wenn wir uns so stark engagieren.“ Es hätte auch tatsächlich Interessenkonflikte mit der Staatsoper Berlin gegeben.

„Da gab es Personen, die froh gewesen wären, wenn wir wieder aufgehört hätten. Die dachten, wir machen 2-3 Konzerte und sind dann pleite und müssen wieder aufhören. Die haben nicht damit gerechnet, dass wir so penetrant sind.“

Die Initiative hatte von Anfang an die Stiftung „Kulturelle Erneuerung“ an seiner Seite. Eine Stiftung, die sich als Ziel gesetzt hat, den Zusammenhang von Wissen, Kunst und Religion wieder deutlicher zu machen und dadurch ihre Bedeutsamkeit zu bestärken. Bruggaier ist sich sicher, dass es das Orchester des Wandels ohne diese Unterstützung niemals hätte geben können. Und dennoch muss zum Beispiel bei der Programmauswahl eines Klimakonzertes bis heute primär darauf geachtet werden, mit dem Programm möglichst viel Publikum anzulocken. Programme, in denen moderne Stücke vorkommen, können durch GEMA-Kosten nicht finanziert werden.

Zweifel sind die täglichen Begleiter der Musiker. Vor allem was den finanziellen Aspekt angeht, beschreibt Bruggaier eine Veränderung zum eigenen Verhältnis zu Geld. „Man muss schon echt ein paar Mal in den sauren Apfel beißen. Auf der anderen Seite ist es natürlich toll, das 10 Jahre durchgehalten zu haben.“ Trotzdem muss in aller Deutlichkeit gesagt werden: Nicht jeder Musiker und jedes Orchester hat so eine finanzielle Freiheit. Deswegen gibt es jetzt die Möglichkeit, als Klangkörper bei dem Orchester des Wandels einzusteigen. Viele Orchester hätten sich schon in den letzten Jahren gemeldet und versichert, dass sie gerne mitmachen würden, aber einfach nicht die Möglichkeiten dazu hätten. Die Möglichkeiten dazu haben heißt, das Geld selber aus der Orchesterkasse zahlen zu können oder eben wie die Staatskapelle Berlin privat. Ein ganz schöner Brocken.

Mitmachen kann jedes Orchester, das jährlich über 10 Jahre lang einen vierstelligen Betrag erwirtschaftet. Das heißt: 1000 Euro Minimum pro Jahr. Feste Zusagen gibt es aber mittlerweile schon einige: die Duisburger Philharmoniker, das Staatsorchester Braunschweig, die Bremer Philharmoniker und das Frankfurter Opernorchester. Es wären aber noch einige mehr im Gespräch, wo nur noch das finale Okay fehlen würde.

Der Ansatz der gesamten Initiative ist erfrischend positiv. Es wird nicht darüber geredet, was nicht stattfinden darf und nicht gemacht werden soll, im Gegenteil.

„Wir machen was. Wir versuchen zu inspirieren, neue Konzertorte zu entdecken, neue Programme zu entwickeln und konkret Dinge zu tun. (…) Es ist ein schönes Bild in der Welt. Eine deutsche Orchesterlandschaft unterstützt zusammen solche Projekte und zeigt, wie man etwas Positives bewirken kann.“

Klassik und Klima, das sind auf den ersten Blick zwei Bereiche, die wenig miteinander zu tun haben. Naturwissenschaften und Musik stehen für sich, haben keine Berührungspunkte und es braucht Einzelne, die querdenken und so einen Bezug erschaffen. Doch wenn dieser erstmal da ist, kann auch mit so etwas leichten, vergänglichen, zerbrechlichen und doch mächtigem Mittel wie Musik viel bewegt werden. „Wir müssen das Mittel nutzen, was wir haben: die Musik. Und das ist doch etwas Tolles.“

Foto Credits

Beitragsbild: “Musiker der NaturTon-Stiftung draußen” © Rosenberg

“Musiker der NaturTon-Stiftung, Probebühne” © Rosenberg

1. Klimakonzert © Boehnel

Projekt Madagaskar © Silke Lichtenberg

Video Grünes Hören: vimeo // georg klein 

Hintergrundbild: unsplash // Robert Bye