Persisches Feuer

Stille. Der Schlusston ist längst verhallt, doch wagt es niemand, die Spannung zu zerreißen. Fünf Sekunden vergehen. Sechs. Sieben. Dann lässt Kian Soltani endlich den Bogen sinken und erlöst das Publikum. Beifall.

Soltani ist ein Ausnahmecellist. Mit seinen sechsundzwanzig Jahren hat er bereits einen eigenen Stil gefunden, sein Spiel wirkt reif, gefestigt und dennoch jugendlich – eine Balance, die so nicht vielen gelingt.  An diesem Abend im Konzerthaus Dortmund sind außerdem mit dabei: der Pianist Aaron Pilsan sowie das von Soltanis Vater Khosro gegründete Shiraz Ensemble.

Kian Soltani © Juventino Mateo

Kian Soltani, aufgewachsen in Bregenz in einer persischen Musikerfamilie, ist auf dem Sprung. Das zeigen zahlreiche gewonnene Wettbewerbe in den letzten Jahren und erfolgreiche Debuts bei großen Orchestern. Auf der einen Seite geprägt durch die abendländische Kunstmusik, begleitet ihn das Violoncello schon seit dem vierten Lebensjahr. Auf der anderen Seite ist er zu Hause in der persischen Traditionsmusik, einer Welt fremder Tonarten und Instrumente wie Oud, Ney und Kamantsche – die Soltani mit dem Shiraz Ensemble in der zweiten Konzerthälfte zu Gehör bringt.

Khosro Soltanis Vertonungen persischer Liebesgedichte setzen vor allem die Sängerin Sepideh Raissadat in Szene. Sie bewegt sich an der Schwelle von Brust- und Kopfstimme, macht Registerwechsel absichtlich hörbar, mit unzähligen Melismen bahnt sie sich eindrucksvoll den Weg durch die für europäische Ohren kaum greifbare persische Mikrotonalität. Auch Kian steuert mit dem „Persian Fire Dance“ eine eigene Komposition bei. Zu einem ostinaten Cellomotiv treten nach und nach Ney und Oud hinzu, bis ein überraschender Trommeleinsatz für neues Tempo und Feuer sorgt. Soltani tobt sich mit seiner ganzen Virtuosität an nur einer Skala aus.

Das spannendste Werk des Abends ist zweifellos „Habil-Sayagy“ von der aserbaidschanischen Komponistin Franghiz Ali-Zadeh. Soltanis Klavierpartner hat hier viel zu tun, sein Steinway soll diverse persische Instrumentalklänge imitieren. Pilsan bearbeitet die Saiten mit Paukenschlägeln, präpariert sie, dämpft sie ab, mal entlockt er seinem Instrument ungeahnt lautenähnliche Klänge oder erzielt einen metallischen, beinahe cembaloartigen Sound, dann wieder klingt es rein perkussiv. Und womöglich noch beeindruckender ist die musikalisch wie technisch herausragende Leistung Soltanis, der unhörbare Bogen- und Saitenwechsel beherrscht und eine feine Tonstabilität im fünffachen Piano erzielt, wie an einer Schnur gezogen – virtuos die verwobenen Doppelgriff-Figuren über gemeißelten Borduntönen.

Der Klang der Instrumente verschwimmt. Zuweilen ist es unmöglich zu sagen, wer gerade was spielt. Dann holt Pilsan wieder die Schlägel hervor. Auf das scheppernde Cluster im Bassregister setzt Soltani seinen letzten Ton, mit finaler Bestimmtheit. Er wiederholt ihn. Noch einmal. Ein letztes Mal. Stille.

Beitragsbild: © Juventino Mateo