Eine Europäische Riesenproduktion

Das verbirgt sich hinter der Oper “Kein Licht.”

„Produzieren Sie mit uns eine zeitgenössische Oper zu einem aktuellen Thema“ – diesen Crowdfunding-Aufruf veröffentlichte die Opéra Comique Ende September 2015. Zu diesem Zeitpunkt stand ein Teil des Konzeptes bereits, Komponist Philippe Manoury, Regisseur Nicolas Stemann und Olivier Mantei, Direktor der Opéra Comique, kommen in dem Aufruf-Video zu Wort. „Kein Licht.“ ist ein experimentelles kleines Abenteuer, eine Co-Produktion mehrerer europäischer Akteure, Auftraggeber ist die Opéra Comique – und die Welturaufführung findet im Ruhrgebiet statt.

Foto: Opéra Comique / Fabrice Labit

Das Terzwerk-Projekt

Die Opéra Comique. Foto: wikimedia

Über Online- und Offline-Recherchen, Interviews, Hintergrundgespräche, Textarbeit und einen Besuch an der Opéra Comique in Paris haben wir versucht, dem Vorhaben “Kein Licht.” etwas näher zu kommen . Schließlich wird die Welturaufführung der Oper im Ruhrgebiet sein, während die meiste Arbeit daran in Paris stattfindet, hinter Kulissen, die weitestgehend verschlossen bleiben – und wenn, dann nur auf Französisch mal einen Spaltbreit geöffnet werden.

Alle zwei Tage wird unter dem Stichwort “Kein Licht” auf terzwerk.de ein weiterer von insgesamt neun Beiträgen online gestellt, der das Vorhaben aus einer anderen Perspektive beleuchtet.

Der erste Beitrag ist dieser hier über die Entstehung, den groben Inhalt und die Finanzierung der Produktion. Später spricht dann die Sopranistin Sarah Maria Sun über ihren Blick auf die Produktion – einen Tag nach Beginn der Proben und noch einmal vier Wochen vor der Premiere. Regisseur Nicolas Stemann beschreibt im Interview sein Regiekonzept und Schauspielerin Caroline Peters ihre Gedanken zum Zusammenwirken von Sprache und Musik in der Oper.

Einen Einblick in seine Komposition gibt Komponist Philippe Manoury, einen Einblick in die Probenszenerie in der Opéra Comique eine Fotostrecke. Für den Beitrag über die textliche Grundlage von Autorin Elfriede Jelinek wird vor allem “Kein Licht” aus dem Jahr 2011 herangezogen und ansatzweise analysiert. Anschließend an Philippe Manourys Ausführungen zur Komposition erklärt Computer-Music-Designer Thomas Goepfer eines der zentralen Instrumente: die Elektronik.

Nach der Premiere am 25. August gibt es abschließend eine Besprechung dessen, was in Duisburg auf der Bühne zu sehen war.

„Kein Licht.“ ist mehr ein Opern-Experiment denn eine fertige Oper. Der Text „Kein Licht“, den Elfriede Jelinek ab dem Jahr 2011 stetig weitergeschrieben hat, ist die Grundlage, der französische Komponist Philippe Manoury schrieb die Musik dazu, und Regisseur Nicolas Stemann verantwortet die Inszenierung.

Das Besondere bei dieser Oper: Sie entsteht erst während der Proben. Manourys Musik ist keine fertige Opernpartitur, sondern aufgeteilt in viele Module, die während der Proben erst ihre Reihenfolge finden. Gleichzeitig probt Nicolas Stemann mit den Darstellern Caroline Peters und Niels Bormann und den vier Sängern auf der Bühne mit offenem Ergebnis.

Die Vorlage

Unmittelbar nach Fukushima

Die Textgrundlage von Elfriede Jelinek bietet die Möglichkeit zu dieser Arbeitsweise: Es sind im Prinzip Monologe, vielleicht Dialoge, die sie verfasst hat, unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima. Zwei Sprecher unterhalten sich, A und B, wer sie sind oder was sie darstellen, ist nicht klar. Eine dritte „Figur“ ist die im Prolog und Epilog auftretende trauernde Frau, die monologisiert.

Elfriede Jelinek setzt sich auseinander mit den Themen Energiegewinnung und Atomkraft, aber auch mit Themen, die den Menschen im 20. Jahrhundert betreffen: Wie kommunizieren wir miteinander? Wie gehen wir miteinander um? Wie reagieren wir auf unsere Umwelt, wie reagieren wir auf Katastrophen? Wer ist verantwortlich? Dabei zieht sie den Vergleich zur Musik, die ohne Hören und Zuhören nicht existieren könnte, die aber auch ohne Kommunikation und Äußerung nicht entstehen kann. Was haben Musik und Sprache miteinander zu tun, was haben Sprache und Verantwortung miteinander zu tun, Sprache und Mensch, Mensch und Natur, Natur und Technik?

Die Themen greifen Manoury und Stemann in „Kein Licht.“ auf, bringen sie zum Klingen und machen sie sichtbar. Manoury experimentiert mit der elektronischen Umrechnung gesprochener Sprache in Musik, und Nicolas Stemann integriert in die Musik die gesprochene Sprache.

Die Finanzierung

50.000 Euro als Ziel

Das Projekt “Kein Licht.” ist zu einem gewissen Teil von Opernfreunden mitfinanziert worden. Die Belohnungen für eine Beteiligung reichten von monatlichen News über die Entwicklung der Produktion und Karten für die Kostümprobe im Oktober dieses Jahres (für 10 Euro Spende) über ein Treffen mit Philippe Manoury und die Möglichkeit, Mitglieder des Produktionsteams zu interviewen (für 150 Euro) bis hin zu der Teilnahme am ersten Treffen des Produktionsteams mit der Opéra Comique und einer Einladung zu einem Abendessen mit den Künstlern nach der Premiere (für 2500 Euro).

Offiziell wurde die Crowdfunding-Initiative der Opéra Comique am 15. Oktober 2015 gestartet und lief bis Ende des Jahres 2015. Als Ziel angesetzt waren 50.000 Euro. Die Opéra Comique als Hauptauftraggeber trug  die Verantwortung für die Hälfte der angesetzten 700.000 Euro für die Produktion, heißt es im Blog der Initiative. Tatsächlich kamen in den drei Monaten 52.940 Euro zusammen – 106 Prozent dessen, was als Ziel angesetzt war.

Die Aufführungen

Europäische Partner

Die Uraufführung findet am 25. August bei der RuhrTriennale in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord statt. Weitere Aufführungen sind in Häusern der anderen Koproduzenten: beim Festival Musica de Strasbourg in der Opéra National du Rhin, im Kroatischen Nationaltheater Zagreb, der Opéra Comique und dem Théâtres de la Ville de Luxembourg. Für die Uraufführung sind alle Karten bereits ausverkauft, es gibt aber weitere Aufführungen in Duisburg am 26. und 27. August und am 1., 2. und 3. September. Weitere Mit-Produzenten sind das “Ircam – Centre Pompidou”, United Instruments of Lucilin, Münchner Kammerspiele und 105 private Unterstützer.

Hier geht es zu den anderen Beiträgen zu “Kein Licht.”

Atomkraft? Nein Nein!

Explosionen, ein süßer Hund, Donald Trump, Raketen, ganz viel Wasser auf der Bühne. “Kein Licht.” hat einfach alles, was eine gute Oper ausmacht.

Elektronische Tricksereien

Ein improvisierender Computer, in Echtzeit in Musik verwandelte Sprache, eine Stimme, die zu einem Chor wird: Computer-Music-Designer Thomas Goepfer erklärt, was bei “Kein Licht.” hinter dem Mischpult passiert.

Gedankenstromlogorrhoe?

Man kann Elfriede Jelineks Texte zu “Kein Licht.” kryptisch finden, obskur und abstrakt – und gleichzeitig schlau und erhellend. Wir haben uns die Texte angeschaut und erklären, wie sie aufgebaut sind, worum es geht und wie man sie deuten kann.

19 Kommentare

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