Von Gesichtsentgleisungen und Genreteppichen

Das Jazzgesicht von John Scofield sagt fast so viel aus wie sein Gitarrenspiel. Ein verschmitztes Schmunzeln über die eigene Kreativität. Ein breitgezogenes Grinsen, wenn die Soli von Gerald Clayton (Klavier) auf den Punkt gebracht werden. Ein verheißungsvolles Innehalten mit geschlossenen Augen, wenn die Musik gerade wieder so punktgenau ist, dass sie die Luft geräuschvoll zu zerschneiden scheint.

John Scofield ist ein sympathischer und bodenständiger Musiker. Auch deshalb ist der große Saal des domicil Dortmund heute ausverkauft. Es macht einfach Spaß Scofield und seine Band beim Spielen zu beobachten und ganz in der von bluesigen Melodielinien durchzogenen Luft mit der Musik beschäftigt zu sein. Dreh- und Angelpunkt ist natürlich Scofield, der in der Mitte der Bühne die Bandleiterfühler zu seinen drei Kollegen ausstreckt und so über Verteilung der Soli und rhythmische Spielereien bestimmt.

Gerade in der ersten Konzerthälfte wirkt es leider manchmal so, als würde das nicht perfekt funktionieren – zumindest auf optischer Ebene. Obwohl die Musik rhythmisch nahezu perfekt ist, wirkt es so, als würde jeder Musiker in seiner kleinen Ecke für sich selbst spielen. Kein Blick nach links oder rechts, Fokus auf das Instrument. Als Zuschauer fühlt man sich da ein wenig betrogen – warum kommunizieren die Musiker nur so selten miteinander, wenn doch die Musik nach formvollendeter Kommunikation klingt?

Aus Scofields Gesicht strahlt dem Publikum jedoch trotzdem immer ein verwegenes Lächeln entgegen – und auch sein Humor wirkt spontan und entwaffnend. Das beweisen nicht nur sein schlitzohriges Solospiel, das oftmals mit der Erwartungshaltung der Zuhörer spielt, sondern auch seine Ansagen. Er redet von der Deutschen Mark, die bald wieder eingeführt werde, sobald „Trump kommt“ oder der CD-Version aus Japan, auf die er selbst noch ungeduldig warte. Auch die Gitarre ist Gesprächsthema, die im Gegensatz zu anderen Instrumenten eigentlich „nur laut ist“. Hauptsache der Spielspaß ist da, mehr muss man eigentlich nicht können.

Dass das nicht stimmt muss Scofield eigentlich niemandem im Publikum beweisen, mit seinen Soli macht er das aber ohnehin. Wenn John Scofield soliert, dann ist das immer ein Kampf zwischen zwei Welten. Die vertrackte Jazzwelt, in der Begriffe wie „Tritonussubstitution“ und „alterierte Skala“, nur die Spitze des Fachbegriffeisbergs sind, steht auf der einen Seite. Daneben eine Welt, in der Blues und Rock`n´Roll regieren. Eine Welt, in der der Gainregler am Verstärker aufgedreht werden und Scofield zeigen kann, dass ihm auch kerniger Bluesrock sehr gut zu Gesicht steht.

Auch die „Combo 66“, die Band um Scofield, swingt, groovt und improvisiert sich durch den dunklen Konzertsaal. Vor allem Gerald Clayton an Klavier und Hammond-Orgel stiehlt Scofield manchmal beinahe die Show. Nicht nur, dass er bei seinen Soli Akkordverbindungen benutzt, die jedem Jazzfanatiker Freudentränen in die Augen treiben würden. Er legt dabei auch noch eine unverschämte Leichtigkeit an den Tag – das kann nicht jeder! Vincente Archer am Kontrabass hat es dadurch umso schwerer, schließlich muss er diese komplexen Clusterakkorde irgendwie harmonisieren. Seine Augen starren häufig fokussiert an die Decke – er muss hören, die Harmonien entschlüsseln und sie in tiefe Basstöne umwandeln. Und wenn sich dabei nicht gerade seine Gedanken jagen, dann tun es zumindest seine Finger, die umbarmherzig schnell die Saiten zum Brummen bringen. Bill Stewart bildet mit dem Schlagzeug nicht nur den rhythmischen Klebstoff der die Band zusammenhält, sondern sorgt auch für ein filigranes Timing, das, egal ob Up-Tempo-Swing oder Ballade, immer punktgenau die Musik vorantreibt.

Nur von Jazz zu sprechen wäre nach diesem Konzert zu wenig. Jazz ist alles und nichts. John Scofield und seine Bandkollegen haben vielmehr den Jazz seziert und von allen Teilen, die dabei anfielen, ein kleines Häppchen in den Saal geworfen. Ein bisschen Funk und Free Jazz beim politischen “F U Donald”, das Bill Stewart komponiert hat. Poppige Folkmelodien bei „Can‘t Dance“, das ein wenig an Mark Knopfler erinnert, verquerer Doubletime-Swing beim wilden „Icons At The Fair“ oder die ganz große Bluesrockgeste bei „Willa Jean“. Mehrere Musikstile als ein hochmusikalischer Teppich, gewebt und ausgebreitet von vier exzellenten Musikern. In der Mitte thront John Scofields Gitarre. Ihre Saiten halten den Teppich zusammen.

Fotocredits:

Beitragsbild: 1111 John Scofield by Nicholas Suttle

John Scofield_..gasm: flickr.comPeter StračinaCC BY 2.0

1111 John Scofield – Portrait 4c by Nicholas Suttle

1111 John Scofield 66 by Nicholas Suttle