Im Reich der ganz Harten

terzwerk: Lässt sich eure Musik auch nebenbei hören?

Davey Rimmer: Ja klar, warum nicht?

terzwerk: Weil man dann vielleicht der Musik nicht seine volle Konzentration widmen kann…

Russell Gilbrook: Wenn man die Musik nur im Hintergrund hören möchte, dann ist das natürlich okay. Wenn man sich aber eine Meinung bilden will, dann ist eine volle Konzentration nötig. Letztendlich hören wir jedoch Musik – ganz egal welcher Art – weil sie uns Freude bereitet. Und solange sie das tut, ist es nebensächlich, ob wir nebenher unsere Wäsche bügeln oder nicht.

© Sophie Beha
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terzwerk: Ihr steht seit so vielen Jahren auf der Bühne und habt tausende Hallen bespielt, warum macht ihr das eigentlich immer noch?

Russell: Natürlich spüre ich diesen Funken in mir, der mich auf die Bühne treibt. Aber das ist nicht alles: Es geht auch um den Einfluss, den die Musik von Uriah Heep auf das Leben der Leute hatte. Man geht natürlich auch da raus, um sie zufrieden zu stellen. Ein Zuhörer heute meinte zu uns, er hat sich sofort zurück erinnert an die Zeit als er 14 Jahre alt war – das ist die Kraft der Musik. Sie kann die Zeit zurückdrehen, der erste Kuss, die erste Party…das kann sonst niemand.

terzwerk: Also spielt ihr für das Publikum…

Russell: Wir spielen immer für das Publikum.

terzwerk: Kann es nicht auch sein, dass ihr einfach nicht Nein sagen könnt?

Davey: Musik ist immer auch Kommunikation. Und es ist einfach ein fantastischer Job, mit einer Kunst wie Musik – der besten Kunst überhaupt – sein Geld verdienen zu können.

Russell: Letztendlich ist es immer noch ein Geschäft – selbst wenn man liebt was man tut. Das ist der Grund, warum wir unser Management und einen Agenten haben. Wir lieben es, aber man kann nicht kostenlos Konzerte geben.

© Sophie Beha
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terzwerk: Euer Publikum sieht so aus, als ob es zusammen mit euch alt geworden wäre. Kann es sein, dass die Kommunikation, von der wir gesprochen haben, nur für ältere Leute gilt?

Russell: Wenn man Musik verstehen will, dann sucht man nach den Wurzeln. Uriah Heep hat signifikant am Ursprung des Classic Rock mitgewirkt. Das Problem der Jugendlichen heute ist allerdings, dass die nicht nach den Wurzeln suchen, sondern einfach auf Youtube gehen.

Davey: Musik wird vermittelt, und das meistens zuerst durch das Elternhaus. Ich bin aufgewachsen mit Rock aufgrund meiner Eltern. Und ich mache Rock aufgrund meiner Eltern. Das Bilden eines Musikgeschmacks kommt ja nicht aus dem Nirgendwo, ebenso wie das Beherrschen eines Musikinstruments.

terzwerk: Aber das erklärt immer noch nicht, warum das Durchschnittsalter in euren Konzerten über 50 liegt.

Russell: Gute Musik ist gute Musik, egal ob Jazz, Pop, Rock oder Klassik. Wenn man 40 Jahre alt ist, dann hört man John Bowie, die 14-Jährigen hören alle Justin Bieber. Es geht hier um Promotion. Wenn ich in ein gutes Restaurant gehen will, aber mir ständig nur MC Donald, Burger King und Pizza Hut angeboten wird, dann werde ich wahrscheinlich auch dort essen gehen.

terzwerk: Also müsst ihr eure Musik besser promoten…

Davey: Wenn man zu Guns ‘n Roses in ein Konzert geht sind die Leute auch 40 Jahre alt. Rock ist anders, Rock selbst ist alt, deswegen ist das Publikum auch älter.

Russell: Das Problem im Musik Geschäft ist Promotion. Justin Bieber, One Direction und X-factor werden einfach besser promotet und kriegen deswegen das größere Stück vom Kuchen. Es sind deren Songs, die im Radio gespielt werden und wodurch die Jugend von heute Bildung erfährt. Rock kommt nicht mehr im Radio.

Davey: Rock wird niemals sterben, deswegen ist es auch Rock und nicht Pop. Diese beiden Genres lassen sich nicht vergleichen. Classic Rock wird immer Fans haben, die Tickets kaufen werden. Außerdem kann man auch auf der ganzen Welt tournieren und nur für alte Leute spielen.

© Sophie Beha
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terzwerk: Wenn man ein klassisches Konzert besucht hat man ja dort das gleiche Phänomen, was das Alter der Besucher betrifft…

Russell: Promotion! Wo wird in den öffentlichen Medien noch Klassik gespielt und beworben? Wo wird Rock gespielt? Das Musikgeschäft heute lebt durch die Einnahmen der Pop-Musik. Dort fließt das Geld. Deshalb ist es kein Wunder, dass sich der Rock und die Klassik mit alten Leuten zufrieden geben muss.

Davey: Klassische Musik wird jeden Tag beworben. Sie wird auch niemals aussterben. Die Leute gehen in das Konzert, weil sie die Musik lieben, weil sie eine tiefe Leidenschaft verspüren. Es geht um Erfüllung und Befriedigung nicht um Unterhaltung.

Russell: Natürlich wird die Musik sterben! Heutzutage lässt sich fast alle Musik online kostenlos herunterladen. Die Produktionsfirmen sind ebenso am kämpfen. Ein Musiker wird heute gefördert weil er gut aussieht, nicht weil seine Musik einen tollen Klang oder Intensität hat. Die musikalische Qualität nimmt kontinuierlich ab.

terzwerk: Russell, was die musikalische Qualität betrifft: Hast du alle deine Ziele erreicht?

Russell: Nein, niemals! Man kann immer noch besser werden. Zum einen betrifft das natürlich die technische praktische Seite, zum anderen versuchen wir als Band neue Dinge zu kreieren und uns weiterzuentwickeln. Das ist gar nicht so leicht, da wir unseren typischen Klang behalten müssen. Ohne den Uriah Heep-Sound mit der Orgel und den Harmonien wären wir uns uns selbst nicht treu und die Fans würden ausrasten.

terzwerk: Gestern Abend meintest du, dass es dein größter Wunsch wäre, einmal mit einem Sinfonieorchester zusammen zu musizieren. Warum?

Russell: Es geht um die Vielschichtigkeit, die vielen verschiedenen Stimmen, die so nur in einem Orchester vorkommen, besitzen. Durch ein Sinfonieorchester wächst der Song mindestens noch einmal um die Hälfte. Und der Klang der sich dann entfaltet ist einfach nur bombastisch.

terzwerk: Würdest du auf der Bühne sterben wollen?

Russell: Klar, warum nicht? Die Musik ist schließlich meine erste Liebe.

Eine Rezension vom Uriah-Heep-Konzert findet ihr hier.

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