Hör-Guide: Brahms – Violinsonate G-Dur, op.78

In unserer Hörwerkstatt sprechen wir nicht über Noten, über musikwissenschaftliches Fachvokabular oder unverständliche Analysen. Wir laden euch ein Musik unmittelbar wahrzunehmen. Wir wollen sie greifbar, verständlich und zugänglich machen, für jeden! Dabei begleiten wir euch durch Werke der Musikgeschichte, bieten Orientierung und Hörhilfen, um Musik nicht nur zu hören, sondern auch zu verstehen.

Hintergrund

Johannes_Brahms_portrait

Walle, Regen, walle nieder,
Wecke mir die Träume wieder,
Die ich in der Kindheit träumte,
Wenn das Naß im Sande schäumte!

Wenn die matte Sommerschwüle
Lässig stritt mit frischer Kühle,
Und die blanken Blätter tauten,
Und die Saaten dunkler blauten.

Welche Wonne, in dem Fließen
Dann zu stehn mit nackten Füßen,
An dem Grase hin zu streifen
Und den Schaum mit Händen greifen.

Oder mit den heißen Wangen
Kalte Tropfen aufzufangen,
Und den neuerwachten Düften
Seine Kinderbrust zu lüften!

Wie die Kelche, die da troffen,
Stand die Seele atmend offen,
Wie die Blumen, düftertrunken,
In dem Himmelstau versunken.

Schauernd kühlte jeder Tropfen
Tief bis an des Herzens Klopfen,
Und der Schöpfung heilig Weben
Drang bis ins verborgne Leben.

Walle, Regen, walle nieder,
Wecke meine alten Lieder,
Die wir in der Türe sangen,
Wenn die Tropfen draußen klangen!

Möchte ihnen wieder lauschen,
Ihrem süßen, feuchten Rauschen,
Meine Seele sanft betauen
Mit dem frommen Kindergrauen.

Regentropfen aus den Bäumen
Fallen in das grüne Gras,
Tränen meiner trüben Augen
Machen mir die Wange naß.

[Wenn die Sonne wieder scheinet,]
Wird der Rasen doppelt grün:
Doppelt wird auf meinen Wangen
Mir die heiße Träne glühn.

1873 erfährt die Komponistin und Klaviervirtuosin Clara Schumann von der Tuberkulose-Erkrankung ihres jüngsten Sohnes Felix. Zu ihrem Geburtstag schickt ihr der befreundete Johannes Brahms (1833-1897) seine Vertonungen von zwei Klaus Groth-Gedichten: Regenlied und NachklangDie Lieder, beide aus dem gleichen musikalischen Material, spenden vor allem Trost und Hoffnung. 

1879 stirbt Felix Schumann. 4 Monate später schickt Brahms der Mutter ein neues Werk: Seine erste Violinsonate in G-Dur. „Es wäre mir eine gar große Freude, wenn ich Felix ein kleines Andenken schaffen könnte“, schreibt ihr Brahms. Die Melodie aus den Liedern Regenlied und Nachklang findet sich in dem 3. Satz der Violinsonate wieder und bietet die Keimzelle für das gesamte Werk.

1. Satz: Vivace ma non troppo

Die Sonatenhauptsatzform ist in drei Teile gegliedert: Exposition, Durchführung und Reprise. Die Exposition stellt ein Hauptthema und ein kontrastierendes Seitenthema vor (in dieser Violinsonate 2 Seitenthemen). In der Durchführung werden dann die vorgestellten Themen „verarbeitet“. Die Themen werden verändert, zerlegt oder erweitert, oft auch in Bezug zu einander gestellt. In der Reprise kehren die Themen wie in der Exposition zurück, gegebenenfalls nur mit leichten Veränderungen. Die Coda (ital. Schwanz) ist der Schlussteil eines Satzes. 

Die Sonatenhauptsatzform ist die typische Form für einen 1. Satz (egal, ob Sonate, Symphonie, Instrumentalkonzert, Streichquartett etc.).

Exposition

0:00 – Hauptthema: Auf leisen Akkorden des Klaviers beginnt die Violine schwebend mit einer wunderschönen Melodie.

0:23 – Der Lauf der Violine wird vom Klavier aufgenommen und führt uns zum

0:26 – Nebenthema: Eine wellenförmige Melodie schwingt sich immer weiter hoch und wird dann abgelöst

0:51 – von einer Variante des Hauptthemas, in dem das Klavier lebhaft die Violine imitiert und sie zu einem Höhepunkt treibt.

1:13 – Überleitung: Vertauschte Rollen! Das Klavier spielt bruchstückhaft, dunkel eingetrübt das Hauptthema und die Violine begleitet.

1:30 – 1. Seitenthema: Eine gesangliche, fröhliche Melodie, die im Kontrast zum Hauptthema steht,

1:39 – wird höher wiederholt.

1:50 –Nebenthema“ (zum 1. Seitenthema): Die Melodie verwandelt sich, wird nachdenklicher und gewinnt dann an Intensität.

2:04 – Sie bricht kurz ab und kriegt vom Klavier einen neuen Impuls, mit der sich die Violine weiter empor schwingt.

2:14 –  Ein hartes Abbremsen.

2:18 – Überleitung: Mit ganz anderem Ausdruck “erinnert” sich die Violine an das Hauptthema.

2:34 – 2. Seitenthema: Leicht versetzt kommen Klavier und Violine nie ganz zueinander.

2:47 – Ein Flackern der Violine. Toller Effekt!

2:52 – Jetzt von dem Klavier, damit wird es zunehmend düsterer.

3:03 – Nebenthema (zum 2. ST): Unruhig sind Klavier und Violine im Wechselspiel.

3:25 – Bis sich im Ausklang Klavier (tiefer) und Violine (höher) immer weiter voneinander entfernen.

→ Stillstand

Durchführung

  1. Teil (Dynamik steigt)

 

3:36 – Hauptthema: Was für ein Moment! Als würde der Satz von vorne beginnen nur mit vertauschten Rollen (Klavier: Melodie, Violine: Begleitung).

4:00 – Die Läufe werden erweitert.

4:17 – Wieder der erste Teil des Hauptthemas doch wird es vom Klavier erweitert und steigert sich dramatisch,

  1. Teil (Dynamik Höhepunkt)

 

4:37 – bis das Klavier einen wilden Strom losreißt.

5:02 – Auch das Nebenthema wird von der Leidenschaft zunehmend ergriffen.

5:23 – Es spitzt sich zu, bis ein absoluter Höhepunkt erreicht ist.

  1. Teil (Dynamik sinkt)

 

5:39 – Er löst sich in einer neuen Episode auf.

5:56 – Das Hauptthema blitzt kurz auf,

dann geht die unruhige Episode weiter.

6:17 – Die Violine deutet in der Überleitung an, was uns gleich wieder erwartet:

Reprise

6:41 – Das Hauptthema wie zu Beginn.

7:02 – Nebenthema

7:25 – Geraffter als in der Exposition, folgt das 1. Seitenthema direkt auf das Nebenthema.

7:46 –Nebenthema“ (1.ST)

8:14 – Die Violine “erinnert” sich an das Hauptthema.

8:32 – 2. Seitenthema

9:00 – Nebenthema (2.ST): Am Ende entfernen sich Klavier und Violine wieder voneinander.

9:29 – Plötzlich eine disharmonische langsame Überleitung.

Coda

9:41 – Sie mündet im Hauptthema, doch ist es verzerrt und entfremdet.

10:09 – Erst im Nebenthema ist wieder eine Stabilität zu spüren.

10:20 – Wild und mit kräftigen Akkorden endet der 1. Satz.

2. Satz: Adagio

Diese Form ist typisch für einen 2. Satz. In dieser Sonate ist es eine einfache dreiteilige Liedform. Mit dem Ablauf: A-Teil – B-Teil – A’-Teil (leichte Veränderungen gegenüber A). In der Coda werden die A- und B-Teile noch weiter verändert.

A

0:00 – Mit inniger Ruhe wird das A-Thema nur von dem Klavier vorgestellt.

0:44 – Zögernd beginnt die Violine mit einem Nebenthema. Wie viel Zeit sich Brahms lässt!

1:20 –  Nun spielt die Violine das A-Thema. Musik für die Seele.

(Dieses Thema wird im 3. Satz noch eine wichtige Rolle spielen!!!)

B

1:51 – B-Thema: Wieder beginnt das Klavier. Es erinnert an einen Trauermarsch. Kurz nachdem die Violine einsteigt, bricht es plötzlich ab.

2:13 – Und wieder ein uneindeutiges, suchendes Nebenthema der Violine. Es nimmt zunehmend Fahrt auf, doch wird es vom

2:28 – B-Thema unterbrochen, dass jetzt dringlicher auch von der Violine gespielt wird.

Als würden die beiden Themen sich gegenseitig runterziehen wollen.

2:46 – Das Nebenthema, viel dunkler, startet einen neuen Versuch. Die Intensität wird noch mehr gesteigert,

3:03 – doch das B-Thema behält das letzte Wort. Es steigert sich immer höher,

3:26 – verliert sich jedoch und verklingt im Übergang.

A’

3:58 – Aus der Überleitung entwickelt sich das A-Thema zweistimmig in der Violine. Das Klavier begleitet diesmal dichter und lebhafter.

4:38 – Auch im Nebenthema ist das Klavier deutlich präsenter.

5:13 – A-Thema

Coda

(B’)

5:44 – Das B-Thema wirkt beeinflusst von dem Vorigen. Keine Intensivierung mehr.

5:59 – Auch das Nebenthema hat nichts mehr entgegenzusetzen.

(A”)

6:41 – Gänsehaut! Kraftvoll, mit aller Leidenschaft erstrahlt das A-Thema ein letztes Mal

7:03 – und klingt dann beseelt immer langsamer und leiser aus.

3. Satz: Allegro molto moderato

Die Rondoform ist typisch für den letzten Satz. Dort kehrt ein bestimmter Teil als Refrain immer wieder. Zwischen den Refrains ist dabei immer ein neuer Teil. Typischer Ablauf: A-B-A-C-A

A

0:00 –  Rondo-Thema (Die ersten drei Töne sind die Gleichen wie im 1. Satz). Es beginnt mit der Melodie aus Brahms „Regenlied“, von der Violine gesungen.

0:13 – Dann ein fragender 2. Teil.

0:20 – Der 3. Teil mit dem Charakter einer Antwort rundet das Thema ab.

0:29 – Ein Zwischenspiel, in dem Violine und Klavier im Wechsel auf dem selben Motiv beharren.

0:42 – Ganz tief macht das Klavier den Auftakt, dann übernimmt wieder die Violine das Rondo-Thema mit seinen drei Teilen.

1:10 – Das Zwischenspiel wird erweitert

und deutet auf das B-Thema voraus, bevor es abrupt abbricht.

B

1:29 – Das B-Thema wird von der Violine vorgestellt

1:43 – und mit wechselnden Rollen vom Klavier wiederholt.

1:57 – Ein bewegteres Nebenthema angeführt von der Violine,

2:09 – mündet im ruhigeren B-Thema.

2:22 – Wie entfesselt wird das Nebenthema wieder im Rollentausch vom Klavier vorgetragen

2:35 – und noch einmal im Kontrast zum B-Thema gestellt.

2:48 – Die Überleitung deutet an, was kommen wird: Das Rondo-Thema.

A

3:15 – Rondo-Thema: Wie ein Refrain wird das Rondo-Thema exakt wie am Anfang wiederholt.

3:44 – Zwischenspiel

3:56 – Rondo-Thema

4:22 – Anstatt des Zwischenspiels eine ganz kurze Überleitung bzw. eine Verlängerung des Klaviersparts.

C

4:27 – Da ist es!!! Der Anfang des C-Themas ist aus dem A-Thema des 2. Satzes.

4:34 – Aus diesem entwickelt sich eine Melodie der Violine.

4:49 – Das Thema verändert sich,

4:55 – doch expressiv erscheint die Violinenmelodie aus dem C-Thema.

5:09 – Es beginnt ein kleiner „durchführungsartiger“ Teil, in dem am Ende die Violine wie im Rausch

5:46 – das C-Thema zu einem überschwänglichen, fast überschlagenden Höhepunkt bringt. Unglaublich schön!!

6:07 – Überleitung: Das C-Thema wirkt in den beiden Instrumenten noch nach.

6:25 – Dann ein plötzlicher Abbruch. Das Rondo-Thema wird wieder angedeutet.

A’

6:46 – Aber das Rondo-Thema hat nicht mehr dieselbe Form. Die „Regenlied“-Melodie spinnt sich immer weiter fort und verändert sich.

Coda

7:40 – Mit dem Zwischenspiel aus dem A-Teil beginnt die Coda.

7:47 – Plötzlich bricht das Klavier mit dem Anfang des C-Themas ein.

7:56 – Noch einmal eine Variation des Zwischenspiels. Klavier und Violine im Wechsel.

8:14 – Ein allerletztes Mal blitzt der Anfang des C-Themas (A-Thema 2.Satz) auf.

8:17 – Eine pochende rhythmische Figur wieder und wieder von der Violine wiederholt.

8:56 – Die Klavierbegleitung wird ruhiger. Die rhythmische Figur am Anfang des 1. und 3. Satzes wird von Klavier und Violine wiederholt. Dann spielt sich die Violine ein letztes Mal in die Höhe und mit leisen Akkorden endet die Sonate.

Fotocredits:

Foto Johannes Brahms: New York Public Library, gemeinfrei über Wikimedia Commons