Herzschlag aus Stahl

Konzert “Visionary Architects” bei der Ruhrtriennale 2021

Drei selten zu hörende Werke von Edgar Varèse, Iannis Xenakis und Anton Bruckner standen auf dem Festivalprogramm der Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle Bochum. Das erste Konzert mit dem neuen 37-jährigen taiwanesischen Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker Tung-Chieh Chuang stellte Musik, Technik und Architektur auf differenzierte Weise einander gegenüber. Zwei moderne Kompositionen waren Mitte der 1950er-Jahre als Auftrag entstanden, sie sollten eine Art modernes Gesamtkunstwerk darstellen, gemeinsam mit dem für die Brüsseler Weltausstellung 1958 gebauten Philips-Pavillon des Architekten Le Corbusier. Sein avantgardistischer Bau mit spitz aufragender Silhouette wurde damals zusammen mit seinem Architekten-Kollegen und Komponisten Iannis Xenakis entworfen. Xenakis‘ Orchesterwerk Metastaseis und das Poème électronique von Varèse erklangen nun in Bochum unter denkbar anderen Bedingungen in der riesigen Industrie-Jahrhunderthalle, ein Experiment, das so besonders zur Ruhrtriennale passt.

Den Beginn machte die elektronische Varèse-Komposition, eingespielt vom Tonband, für den großen Raum aber gelungen raumakustisch neu bearbeitet von Kees Tazelaar. Elektroakustische und instrumentale Klänge bewegen sich durch die Halle und scheinen den Raum abzuschreiten wie zufällige Besucher einen Platz: Gongs, Klackgeräusche, Möwenschreie, Flirren, Zirpen glaubt man zu erkennen und immer wieder industrielle Geräusche, metallene Schläge und Hämmern. Man hat seinen Spaß an der Klang- und Geräusch-Neugierde des unkonventionellen Musik-Pioniers Varèse. Und es bebildert erstaunlich passend den Raum der ehemaligen entkernten Industriehalle aus Stahl- und Beton.

Auf die Tonband-Komposition folgt attacca das Xenakis-Orchesterwerk mit seinen bizarren Klangeruptionen. Den mit dem modernen Repertoire vertrauten BoSys gelingen die heftigen Impulse der Streicher, die aggressiven Tremoli, und die spitzen Signale. Durch den pandemiebedingt notwendigen Abstand der über 60 Musiker*innen leidet aber die Präzision der mathematisch ausgeklügelten Musik. Der Dirigent Chuang taktiert überdeutlich und hält Kurs, kann aber klanglich da nicht viel ausrichten, wo sich das Orchester offenbar zu schlecht in den Stimmgruppen selbst hört. Zu viele – sonst schöne Konturen – wie jene der geheimnisvoll glucksenden Bassklarinette verschwimmen. Es mag den BoSys unter Chuang nicht gelingen, und kann es möglicherweise auch nur schwer in dem Raum und bei dem übergroßen Abstand untereinander, die eigentlich scharfen Linien der musikalischen Konstruktion nachzuzeichnen.

Anton Bruckners wenig gespielte 2. Sinfonie (1871, hier in der Fassung von 1877) als Gegenpart ist klug programmiert. Blockhafte klanggewaltige Aufwallungen streben wie unfertige Wolkenkratzer in die Höhe, um dann abzureißen ins Nichts. Dass das Werk den Beinamen „Pausensinfonie“ bekam, war spöttisch gemeint und erklärt das zeitgenössische Unverständnis. Bruckners Komposition ist in der Konzertkombination des Abends nur vermeintlich eingängiger zu hören, sie ist ein nicht weniger konstruiertes, teils sogar bizarres Nebeneinander von lärmendem Tutti und Pianissimo. Und in der Radikalität des Anlaufens und immer wieder Abbrechens eine moderne Komposition trotz der schönen warmen Mittelsätze. Allein fehlt es Chuang am Willen zu großer dynamischer Gestaltung. Oder er hat eben auch hier wieder seine liebe Mühe mit dem Raum und den darin eigentlich zu weit verteilten BoSys. Alleine die Lautstärke-Extreme von dreifachem Forte bleiben aus, das helle Gegenlicht, in dem die zarten und anrührend gespielten Holzbläserstellen dann noch eindrücklicher und flehentlicher aus dem Dunkel geklungen hätten. Das symphonische Kartenhaus mit der etwas zu filigranen Dynamik wackelte nur hier und da etwas, blieb aber stehen und wurde letztlich eindringlich vom Publikum beklatscht. Tung-Chieh Chuangs eigentliches Antrittskonzert bei den BoSys steht noch aus, am 1. September im Saal des Anneliese Brost Musikforums.

Das Konzert „Visionary Architects“ vom 28. August ist nachzuhören in der Sendung am 5. September 2021 im ARD Radiofestival in der Konzertstrecke ab 20.00 Uhr.

Bildcredits:

Hintergrundbild: Visionary Architects, Bochumer Symphoniker © Christian Palm / Ruhrtriennale 2021

Tungh-Chieh Chuang, Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker © Christian Palm / Ruhrtriennale 2021

Bild vom Konzert und Beitragsbild: VisionaryArchitects, Bochumer Symphoniker © Christian Palm / Ruhrtriennale 2021