Gewaltige Klanggemälde

Mitten aus dem wabernden Nichts, dem Chaos, werden Welten geschaffen. Wasser plätschert, Blumen blühen, Tage und Nächte wechseln sich ab. Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung macht all das in Musik lebendig, sodass man die Bäche förmlich überquellen hört. Schon bei der Uraufführung 1798 war das Publikum  von der Lautmalerei und Strahlkraft der Musik beeindruckt.

Katharina Konradi (Eva), André Morsch (Adam), Thomas Hengelbrock, Balthasar-Neumann-Chor und Balthasar-Neumann-Ensemble (Fotos: © Pascal Amos Rest)

Diesen musikalischen Facettenreichtum setzt Dirigent Thomas Hengelbrock präzise um. Sensibel leitet er Solisten, Chor und Orchester durch den Abend, gibt die Stimmungen der Teile einfühlsam vor. Das von ihm gegründete Balthasar-Neumann-Ensemble malt regelrechte Klangbilder der neu geschaffenen Naturgewalten: ob leise lispelnd oder kraftvoll brausend, jedes Orchestermitglied fügt in ständigem Austausch mit dem Dirigenten eigene Pinselstriche zum großen Klanggemälde hinzu.

Der 1991 ebenfalls von Thomas Hengelbrock gegründete Balthasar-Neumann-Chor trifft wie das Orchester jede Schattierung auf den Punkt: aus den hellen und engelsgleich lieblichen Stimmen der Damen und den volltönenden Stimmen der Herren lässt sich nicht eine Einzelstimme heraushören, die crescendi steigern sich gleichmäßig und ohne Brüche. Besonders eindrucksvoll gelingt die Stelle „Und es ward Licht!“, die wie mit einer Explosion gleißender Helligkeit den Beginn der Schöpfung markiert. Haydn hatte die Seite der Partitur, auf der die Erschaffung des Lichts stand, bis zur Uraufführung unter Verschluss gehalten, umso überraschter und begeisterter war das Publikum der Uraufführung von der ungeheuren Ausdruckskraft dieser Musik.

Ebenso überzeugen kann das Solistenensemble. Camilla Tilling gestaltet die Partie des Gabriel mit schlank geführter aber niemals dünner Stimme. Mit ihrer besonders hellen, leuchtenden Stimmfarbe beschreibt sie in ihren beiden Arien „Nun beut die Flur das frische Grün“ und „Auf starkem Fittiche schwinget sich der Adler stolz“ die blühenden Pflanzen und die Schwärme der Vögel und jubiliert mit glockenklarer Stimme über deren Schöpfung.

Lothar Odinius singt den Uriel mit großer Textverständlichkeit und unterstützt seinen Part teilweise mit schauspielerischen Gesten, wie etwa zum Ende des Oratoriums hin, wo er an Adam und Eva gewandt hinzufügt: „O glücklich Paar, und glücklich immerfort, wenn falscher Wahn euch nicht verführt noch mehr zu wünschen, als ihr habt, und mehr zu wissen, als ihr sollt!“ Das Ende der paradiesischen Zustände wird hier nur als Möglichkeit angedeutet, trotzdem bleibt der imaginäre mahnende Zeigefinger erhoben.

Den Raphael interpretiert Tareq Nazmi mit vollem, rundem Bass. Selbst an den tiefsten Stellen verliert seine Stimme nicht an Stütze und durch seine Fähigkeit, große Dramatik darzustellen, macht er die kraftvollen Naturphänomene („Vom tiefsten Meeresgrund wälzet sich Leviathan auf schäumender Well‘ empor“) greifbar.

Das Terzett der Erzengel wird im dritten Teil des Oratoriums durch die Partien von Adam und Eva ergänzt. Diese sollen eigentlich von den Sängern des Gabriel bzw. des Raphael übernommen werden, manchmal werden sie aber, wie in Dortmund auch, mit zwei weiteren Sängern besetzt. Katharina Konradi und André Morsch gestalten ihre Soli und Duette innig und mit warm timbrierten Stimmen. Ihr Staunen über die neu geschaffene Welt mündet schließlich in den großen Schlusschor, der Gott für die Wunder der Schöpfung dankt.

Haydns facettenreiche Musik wird an diesem Abend von allen Beteiligten nuanciert herausgearbeitet und zu einem imposanten Klanggemälde zusammengeführt, das die Naturgewalten eindrucksvoll schildert. Diese herausragende Leistung wurde verdientermaßen mit stehenden Ovationen gefeiert, bis Hengelbrock das Publikum nach zwei Zugaben verabschiedete.

Informationen zum Werk

Joseph Haydn: Die Schöpfung (1798)

-Oratorium für Solisten, Chor und Orchester

-Besteht aus drei Teilen: Der Schöpfung der Erde, der Lebewesen und des Menschen

– 29. April 1798: Uraufführung im Palais Schwarzenberg in Wien

-19. März 1799: Erste öffentliche Aufführung

-1800: Zweisprachige Veröffentlichung in deutscher und englischer Sprache