„Ha, bravo, Figaro, bravo, bravissimo!“

IL BARBIERE DI SIVIGLIA - De Gioacchino ROSSINI - Direction musicale : Jeremie RHORER - Chef de choeur : Gael DARCHEN - Mise en scene : Laurent PELLY - Scenographie : Cleo LAIGRET - Costumes : Jean Jacques DELMOTTE - Lumieres : Joel ADAM - Avec : Alix LE SAUX (Rosina) - Le 01 12 2017 - Au Theatre des Champs Elysees - Photo : Vincent PONTET

Selten glückt es, und die alte Dame Oper ist wieder jung: Unmittelbar, mitreißend und witzig. Im Pariser Théâtre des Champs-Elysées war einer dieser Momente. Regisseur Laurent Pelly brachte Rossinis berühmteste Opera buffa „Der Barbier von Sevilla“ auf die Bühne, ein über 200 Jahre altes Lustspiel mit entsprechend antiquierter Geschichte: Ein Vormund Dr. Bartolo hält sein ihm anvertrautes Mündel Rosina versteckt und will das Mädchen wegen ihrer reichen Mitgift heiraten, um Nebenbuhler Graf Almaviva alias Lindoro (der sie aufrichtig liebt) zuvorzukommen. Schnarch! Mitgift, Mündel und Vormund? Alles Begriffe aus einer fernen Zeit, die uns heute wohl nicht mehr viel sagen. Verkleidungen und Alias-Namen im Stück helfen auch nicht gerade, der Handlung zu folgen. Und doch erzählt Pelly eine zeitlose Version. Lebensnah, plastisch und mit einem jungen Sängerensemble auch authentisch.

Gioacchino Rossini ist selbst erst 23 Jahre jung, als er den „Barbiere“ 1816 komponiert. Nur gute drei Wochen braucht er und landet mit dem Stück seinen größten Wurf. Die weibliche Hauptrolle Rosina schreibt er einer Mezzo-Sopranistin auf den Leib, seiner späteren Ehefrau Isabella Colibran.

Auch das Publikum am 14. Dezember 2017 ist in Paris zum überwiegenden Teil unter 25 und bejubelt eine Vorstellung, die an diesem Abend nur mit „jungen Talenten“ besetzt ist. Die Praxis des altehrwürdigen Théâtre des Champs-Elysées, anstelle einer B-Besetzung eine eigene Vorstellung ausschließlich mit Nachwuchssängern und einem größtenteils Schüler- und Studierendenpublikum zu ermöglichen, würde man sich für viele andere Häuser wünschen. (Und nebenbei bermerkt auch, dass eben jene „jeunes talents“ und nicht unbedingt die Hauptbesetzung für die Fernseh-Produktion ausgewählt wird.)

Notenlinien wuchern überall

Das schwarz-weiße Bühnenbild wirkt anfangs etwas einfallslos: Ein paar Seiten unbeschriebenen Notenpapiers in überdimensioniertem Format, mehr nicht. Leere Notenlinien wuchern überall, begrenzen Balkone und fahren als Gitterstäbe herunter, hinter denen die arme Rosina ihren von Bartolo verordneten Hausarrest ertragen muss. Auch die Kostüme allesamt schwarz-weiß, Rosina in trauerschwarz, dann mit quergestreiftem Top, doch von Langeweile oder Trauer keine Spur!

Regisseur Pelly greift in die reich gefüllte Trickkiste und sorgt für Überraschungseffekte. Notenschlüssel zieren als Tattoo die nackten Oberarme eines rockigen, über die Bühne wirbelnden Figaro. Im Notenpapier öffnet sich hoch oben mal ein Balkon, über den Rosina den Kontakt zu der sie musikalisch bezirzenden Männerwelt hat. Das Notenpapier wandelt sich zur schiefen Ebene oder rollt sich zu einer Halfpipe, auf der die Figuren hinauf und hinunter und hintereinander her gleiten – und wie selbstverständlich dazu singen. Bewegung und Musik fallen in eins, denn der musikalische ist auch ein körperlicher Balanceakt.

Auch Bartolo versteht, wer hier wen liebt!

Das gesamte Sängerensemble zeichnet sich durch eine große stimmliche und körperliche Präsenz aus. Alix le Saux als Rosina und Elgan L. Thomas als Almaviva sind das stimmliche Herz der Produktion: Bei ihrem glutvollen italienischen Belcanto steht das Figurenkarussell plötzlich still und auch Bartolo versteht, wer hier wen wirklich liebt und gibt stimmlich klein bei. Der Spielbariton Pablo Ruiz’ gibt einen komischen, stimmlich geschmeidigen Bartolo ab, ihm fehlt es hingegen etwas an Stimmgewalt. Allen voran beeindruckt Figaro Guillaume Andrieux mit seiner Körper- und Stimmakrobatik, und das nicht nur bei seinen höllisch schweren Sprechgesang-Kaskaden.

IL BARBIERE DI SIVIGLIA - De Gioacchino ROSSINI - Direction musicale : Jeremie RHORER - Chef de choeur : Gael DARCHEN - Mise en scene : Laurent PELLY - Scenographie : Cleo LAIGRET - Costumes : Jean Jacques DELMOTTE - Lumieres : Joel ADAM - Avec : Guillaume ANDRIEUX (Figaro) - Pablo RUIZ (Bartolo) - Le 01 12 2017 - Au Theatre des Champs Elysees - Photo : Vincent PONTET

Dabei wirkt hier eben nichts schwer, alles fließt, schwebt und tanzt, wofür einerseits Jérémie Rhorer und die Musiker von Le Cercle de l’Harmonie sorgen. Andererseits aber eben eine geniale Personenregie, die der Rhythmik der Musik folgt und die Figuren als Körper gewordene Musik auf die Bühne und zwischen die Notenzeilen bringt. Laurent Pelly ist wie Rossini ein Meister des Leichten und inszeniert die Buffa als wunderbar komischen Slapstick, der sein Vorbild bei Louis de Funès und älteren – eben schwarz-weißen TV-Komödien – sucht: Herrlich drastisch und comic-haft überzeichnet sind Mienenspiel und musikalisch synchrone Bewegungen. Jeder übertrieben oft wiederholte Schlussakkord wird körperlich synchronisiert zum Lacher. Das Publikum reagiert, johlt und bejubelt am Ende einen verjüngten schlanken „Barbier“. Und auch der Rezensent stimmt zusammen mit Figaro darin überein: „Ha, bravo, Figaro, bravo, bravissimo!“

Fernsehübertragung bei ARTE

Die Produktion wird am 29.Dezember in ARTE concert und ARTE tv übertragen und steht danach in der Mediathek zur Verfügung.