Blutspuren eines nationalen Alptraums

Buhrufe und Bravoschreie für Tatjana Gürbacas „Freischütz“ im Aalto Theater in Essen

„Der Freischütz“ gilt als die deutscheste aller Opern. Es gibt massenhaft schauerromantische Symbole darin, aus Natur, Nacht, Unterbewusstsein. Tatjana Gürbaca hat das Stück am Aalto Theater in Essen mit kräftigem Knacks inszeniert. Der deutsche Wald verkümmert auf der Bühne zu einem losen Gestrüpp. Als Max in den Abgrund der Wolfsschlucht blickt, blenden ihn Scheinwerfer. Wenig später liegt er regungslos auf dem Boden, während Kaspar in seinen Gedärmen wühlt, um die verteufelten Bleikugeln aus seinem Bauch zu pulen.

Abhängig vom Teufel

Wie eine Blutspur zieht sich dieses schauerlich Alptraumhafte durch die gesamte Oper von Carl Maria von Weber. Von Anfang an ist Max (Maximilian Schmitt) ein Ausgestoßener, er wird von der böhmischen Dorfgemeinschaft verhöhnt. Neben den schrillen Flötentrillern und hämischen „hehehe“-Rufen des Chores peinigt ihn vor allem seine eigene Angst. Der rituelle Probeschuss, den die Obrigkeit vor seiner Hochzeit mit Agathe, der Tochter des Erbförsters (Jessica Muirhead), verlangt, hängt wie ein Damoklesschwert über ihm. Da können ihn weder wackelnde Männerhintern in rotglänzenden Satinunterhosen noch Alkohol oder Joints aufheitern, es muss schon ein todsicherer Pakt mit dem Teufel sein.

Zu Hilfe kommt ihm dabei sein Nebenbuhler Kaspar (Heiko Trinsinger), auch er ein Außenseiter, dem der Krieg die Verlobte und das dazugehörige Landstück genommen hat. Er ist selbst bereits abhängig vom Teufel. Er ist es, der für Max die Freikugeln besorgt, um Mitternacht, bei Vollmond: „Sechse treffen, Sieben äffen“. Nachts offenbart sich, damit folgt Gürbaca ganz dem romantischen Leitgedanken, das wahre Gesicht der Gesellschaft. Das Böse steckt in jedem einzelnen. Spuren der religiösen Machtkämpfe, die der Krieg hinterlassen hat, sind allgegenwärtig. Gott wird viel besungen, der Teufel jedoch spukt leibhaftig durchs Geschehen, er lugt mal hier, mal dort hinter den zweidimensionalen, schwarzen Häusern hervor, die den Dorfplatz umranden.

Die Häuser müssen zuweilen als Schreibtafeln herhalten, auf die unter anderem auch Kaspar Kreidekreuze kritzelt (Bühnenbild: Klaus Grünberg). Die Ambivalenz zwischen Gut und Böse, Hell und Dunkel steckt auch in der Partitur, Tomáš Netopil arbeitet das mit den Essener Philharmonikern wunderbar aus. Einzeln, solistisch treten die Instrumente aus dem Gesamtklang hervor, der flüssig bleibt und alles andere ist als voluminös.
Die Sänger sind treffend besetzt. Maximilian Schmitt, mit eng geführtem Vibrato, oft begleitet vom Fagott, überzeugt durch Intensität. Jessica Muirhead, dieses Jahr mit dem Aalto-Preis für junge Künstler ausgezeichnet, ist eine starke Agathe, nur gelegentlich, oft im letzten Drittel ihrer Arien, schwankt die Intonation. Stimmlich und schauspielerisch herausragend: die neu in Essen engagierte Tamara Banješevic als Ännchen.

Horrorparty statt Happy End

Gürbacas „Freischütz“-Inszenierung macht bewusst, wie brüchig eine scheinbar heile Welt sein kann. Auch die nach außen integre Dorfgemeinschaft ist innerlich verroht, garstige Brautjungfern machen sich lustig über Agathes Vorahnungen, Kaspar und Max, der „Böse“ und der „Gute“, ähneln einander. Die geschundene Gesellschaft versteht sich als ein Kollektiv, das immer wieder in Standbildern gefriert. Am Ende wird verzweifelt versucht, die Ordnung wiederherzustellen. Der Probeschuss wird abgeschafft, das Ehejahr auf Bewährung eingeführt. Ein Ritus ersetzt den anderen. Das führt aber nicht ins Happy End, sondern zu einer Horrorparty, auf der Bauern mit Ausgeburten der Hölle tanzen und die Bibel zerfetzt wird. Starke Bilder für ein starkes Stück! Unter den frenetischen Applaus mischen sich Jubelpfeifen, aber auch Buhrufe.

Fotos: Martin Kaufhold