Gefesselt im Nichts

Als ich mir das Rezensionsexemplar von „Light/Tied“ zum ersten Mal angehört habe, saß ich in einer feuchtvollen Dortmunder U-Bahn. Angestrengt durch Fahrgäste um mich herum und ausgelaugt von der Maske vor meinem Gesicht, hat mich irgendwann auch dieses Album gehörig genervt. Das war eine Fehleinschätzung – und was für eine!
„Light/Tied“ entfaltet seine ganze Kraft am effektivsten in einem Raum voller Stille. Nur dann nämlich kann man die vielen Einfälle und Ideen, die vielen Ecken und Kanten hören, vor denen dieses Album strotzt.

Die Kompositionen von Max Andrzejewski (Schlagzeug) und Elias Stemeseder (Klavier) liegen irgendwo zwischen Kammermusik und Jazz, die neun Stücke klingen zeitgenössisch und modern. Das Thema Zerbrechlichkeit spinnt sich als musikalischer Faden durch das Album – obwohl die kompositorischen Ideen oft nicht direkt greifbar sind, strahlen sie stets eine stoische Ruhe und Eleganz aus.
Die Kompositionen auf „Light/Tied“ sind so fein gewebt, dass sie trotz aller Komplexität kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen scheinen – der bleibt allerdings aus. Stattdessen schiebt sich immer wieder eine neue Melodie oder ein neuer Sound durch die Boxen, der die vor Funken sprühenden Stücke zusammenhält.

Andrzejewski und Stemeseder halten nicht allein die Fäden zusammen, sondern erwachsen mithilfe von Biliana Voutchkova (Violine), Lucy Railton (Cello), Christian Weidner (Altsaxophon) und Joris Rühl (Klarinette) zu einem Sextett. Und obwohl das Album oft geräuschhaft und leise ist, hört man es dennoch ununterbrochen klingen und schwingen. Violine und Cello bilden ein sphärisches Hintergrundgerüst, über das Saxophon und Klarinette sanfte Tontupfer setzen. Gleichauf das Schlagzeug von Andrzejewski, das, manchmal fast schon zaghaft, den Rhythmus vorantreibt und an passenden Stellen komplett wegbleibt, um dem Klavier Raum zu schaffen.

Den zusätzlichen Kniff des Albums präsentieren Andrzejewski und Stemeseder spätestens auf dem zweiten Titel „maß“, der plötzlich nicht mehr nur von sechs MusikerInnen getragen wird, sondern irgendwo zwischen Streicherstimmprobe und Windowsstörsound sanft pulsiert.

Obwohl Andrzejewski und Stemeseder – ausgehend vom gleichen tonalen Ausgangsmaterial – getrennt und unabhängig voneinander komponiert haben, haben sie sich danach zusammengetan und das aufgenommene Material wieder auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Der ohnehin freie Jazzsound wurde seziert und neu gewebt, kombiniert und elektronisch verfremdet.

Es dröhnt, summt und rattert. An vielen Stellen sorgt die elektronische Komponente für eine zusätzliche Spannung. Wären Igor Stravinsky oder Krzysztof Penderecki Namen für Computerprogramme, dann könnte man sicher sein, dass Andrzejewski und Stemeseder sie über die Ursprungsstücke gejagt hätten. Rhythmische Verschiebungen, Auslassungen und Wiederholungen dominieren auf den elektronisch veränderten Stücken.
Die MusikerInnen bleiben dabei alle charmant gleichberechtigt und obwohl man die Schwierigkeit der Werke erahnen kann, spielt sich niemand mit einem Solo in den Vordergrund. Wenn die Melodien mal laut und chaotisch werden, dann immer nur kurz und mit System und auch nur in wenigen Momenten schleicht sich eine Klavier- oder Saxophonmelodie in den Vordergrund.

Am ehesten geschieht das noch auf „tied light I“: Zu Beginn ein fast atonaler Wettstreit zwischen Klarinette und Klavier. In hoher Lage umspielen und bedrängen sich die Instrumente, bis sie dann schließlich in einem beängstigend ruhigen Wabern verharren, unter das sich langsam das Schlagzeug und die Streicher mischen. Dann scheint das Stück zu schweben, nur um dann immer wieder kurzzeitig von harschen Improvisationseinwürfen vorangetrieben zu werden. Ein Harren zwischen Vorsicht und Mut, zwischen Raum für Alles und Nichts. Im zweiten Drittel erhebt sich dann ein Altsaxophonsolo, das auch so, als Trio mit Klavier und Schlagzeug, auf den Bühnen verrauchter Jazzclubs erklingen könnte. Schließlich schaukeln sich die Instrumente hoch, das Klavier umspielt nicht mehr nur, sondern verfolgt und kopiert die Ideen. Am Ende sowas wie ein gemeinsam gefundener Schlusspunkt, es klappert synchron und endet in plötzlicher Stille.

Diese Stille, durch die sich die MusikerInnen ihre Räume bahnen, steht auf „Light/Tied“ stets im Mittelpunkt. Der Zuhörende wird davon erfasst und berührt und auf kuriose Art und Weise in einen emotionalen Sog hineingezogen, der nach beinahe 60 Minuten endet.
Ein Album, das es den Zuhörenden nicht immer leicht macht, das aber umso mehr belohnt, sobald man sich darauf eingelassen hat.

Fotocredits:

light:tied Foto1 by Dovile Sermokas