Geballte Frauenpower

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Fünf Künstlerinnen gestalten einen Musikabend anlässlich des 200. Geburtstags von Clara Schumann im Ledenhof in Osnabrück

Wer ist sie eigentlich gewesen, die Frau auf dem 100 DM Schein? Sie ist Clara Schumann, die gefeierte Pianistin, Virtuosin und Komponistin des 19. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten musiziert sie auf Augenhöhe mit ihrem Mann und Komponisten wie Mendelssohn Bartholdy und Brahms. Heute zieht sie leider nur geringe Aufmerksamkeit auf sich. Doch zu Unrecht! Das TriOSarte, Sigrid Heidemann und Dörte Steindorff-Schulte veranstalten deshalb ein gesamtes Konzert zu Ehren der Komponistin. Das Publikum honoriert dieses mit jubelndem Applaus und verlässt am Abend des 10. November begeistert den Ledenhof in Osnabrück.

Dörte Steindorff-Schulte verzaubert das Publikum

„Clara Wieck und Beethoven“. Mit diesen Worten beginnt das Konzert und ein Gedicht von Franz Grillparzer, das der Komponistin gewidmet ist. Es wird vorgetragen von Dörte Steindorff-Schulte. Sie ist Schauspielerin und Logopädin, das künstlerische Sprechen ist ihr Metier. Das stellt sie auch im weiteren Verlauf des Abends unter Beweis. Dörte Steindorff-Schulte trägt Clara Schumanns Biografie vor, aber nicht irgendwie. Sie intoniert die Geschichte der Komponistin auf einzigartige Weise: ob einfühlsam, bewundernd, erstaunt oder erbost, für jede Lebenslage Clara Schumanns begreift sie es, die Zuhörerschaft in ihren Bann zu ziehen und ihren musizierenden Kolleginnen den Roten Teppich auszurollen. Gelegentliche Zitate runden ihre Beiträge zwischen den Musikstücken ab und entlocken dem Publikum hin und wieder ein herzhaftes Lachen. Wundervoll!

Julia Habiger-Prause mit Liebe zum Detail am Klavier

Gleich nach dem Gedicht ertönt das Scherzo Nr. 2 in c-Moll. Wie eine Walze rollt es auf die Hörerinnen und Hörer zu. Es geht rauf und runter durch alle möglichen Harmonien und lässt  erahnen, mit welcher Virtuosität Clara Schumann gesegnet war. Dynamische Differenziertheit und besonderes agogisches Gespür bestimmen die Interpretation von Julia Habiger-Prause. Trotz der Erregung im Stück ist ihr Anschlag nie hart oder aufdringlich. Im Mittelteil entführt sie die Konzertgäste in eine friedliche Traumwelt. Doch gerade angekommen in der Oase holt Julia Habiger-Prause mit einem Unheil verheißenden Grollen in der linken Hand die Konzertgäste wieder in die Realität zurück. Das Stück mündet in die 2. Wiederholung des Scherzo-Teils. Julia Habiger-Prause steigert die Energie und Dynamik nochmal, bevor der Schlussakkord erklingt.

TriOSarte mit inniger Interpretation des Klaviertrios op. 17

Das wohl bekannteste Werk Clara Schumanns wird an diesem Abend zerstückelt dargeboten, was der Interpretation allerdings keinen Abbruch tut. Im 1. Teil des Konzerts erklingen die Mittelsätze direkt nach dem Klavierscherzo, die äußeren beiden Sätze umrahmen die Hälfte nach der Pause. Das Scherzo kommt verspielt daher, gleichzeitig haftet ihm eine bedrohliche Stimmung an. Es erinnert an den autoritären Vater, der seine Tochter zwar liebte, ihr aber auch wenig durchgehen ließ. Das TriOSarte setzt diese Stimmung wunderbar um. Besonders die Geigerin Dorothea Sack artikuliert das Thema frisch und keck. Die anfänglichen intonatorischen Schwierigkeiten der Cellistin Sandra Denby irritieren zunächst. Kurze Zeit später musiziert sie konzentrierter und fügt sich wunderbar in den Triosatz ein. Im folgenden Andante-piu animato schwelgt das Trio zunächst im lyrischen Thema des Satzes. Die beiden Streicher erreichen diesen Effekt durch das bewusste Anschwellen des Vibratos auf langen Tönen sowie das Weglassen desselben auf weiterführenden Achtelnoten. Im Mittelteil deutet das Trio sein Leistungsvermögen an: Mit scharfen Akzenten erzeugen sie eine erboste Stimmung. Toll!

Nach der Pause folgt dann der Kopfsatz. Das traurige, aber wunderschöne Hauptthema wird durch die Stimmen gereicht. Beim TriOSarte geschieht dies mit wenigen Blickkontakten – eine Vertrautheit, die sich auch akustisch bemerkbar macht und dem Charakter des Stücks entspricht. Hat man die Augen geschlossen, verschmelzen die drei zu einer Einheit. Öffnet man sie wieder, löst sich die Einheit ein wenig auf. Schade! Zum Abschluss des Konzerts gibt es das Finale Allegretto zu hören. Der Satz sprüht über vor Energie und wird auch entsprechend inszeniert. In der Mitte schwelgt das TriOSarte in einem Fugato, dem ein großer Ausbruch folgt. Das Trio interpretiert diesen mit Feuer, spielt endlich im Forte und reizt sein klangliches Volumen aus. Die Interpretation passt zum intimen Charakter des Werkes. Doch es wäre wünschenswert gewesen, wenn sie ihr Potenzial schon vorher an der ein oder anderen Stelle voll ausgeschöpft hätten.

Sigrid Heidemann zeigt all ihre gesanglichen Facetten

Die Sopranistin Sigrid Heidemann intoniert Lieder aus op. 12 und 13 sowie die „Lorelei“. Egal ob verliebt, schüchtern oder frech – für alle Stimmungen findet Sigrid Heidemann eine Klangfarbe in ihrer Stimmpalette. Vom klaren Ton bis zum vollen Vibrato ist alles dabei. Besonders hervorzuheben ist ihre Interpretation von „Er ist gekommen in Sturm und Regen“, bei der sich am Ende vor Berührung die Haare aufstellen. Außerdem beeindruckt ihre Interpretation der „Lorelei“. Hier zeigt die Sängerin, welche Kraft in ihr steckt. Begleitet wird sie von Julia Habiger-Prause am Klavier, die sich nicht aufdrängt. Sie passt sich Sigrid Heidemann an und ergreift aber auch die Initiative, wenn es der Text erfordert. Bravo!

Dorothea Sack beeindruckt mit warmer Klangtiefe

Die Romanze op. 22 Nr. 1 für Violine und Klavier widmete Clara Schumann dem Geiger Joseph Joachim. Das Stück offenbart eine weitere musikalische Form, mit der sich Clara Schumann befasste. Die dargebotene Interpretation ist Balsam für die Seele, die Klanggebung warm und umarmend. Speziell die Klangtiefe der Violinistin imponiert. In der Höhe vermisst man leider ein wenig Brillanz und solistische Vordergründigkeit. Es ist ein Ruhepol zum Träumen.

Insgesamt ist das Konzert ein voller Erfolg dank der dramaturgischen Anlage aus Biografie und Musik, die perfekt umgesetzt wurde. Auch die Werkauswahl ist abwechslungsreich und zeigt Clara Schumann in all ihren Facetten. Mit dynamischer Differenziertheit, vielen Klangfarben und agogischem Feingespür hauchen die Musizierenden der Musik Leben ein. Gelegentliche intonatorische Schwächen haben nur geringen Einfluss auf  die Gesamtleistung. Ein wunderbarer Abend zum Geburtstag der Komponistin. Nun dürfte jeder Konzertgast wissen, wer denn die Frau auf dem 100 DM Schein war.

Bildcredits:

Alle Bilder ©Jonathan Reischel