Wo kommen eigentlich die Kühe hin?

Fragen an das Festival #gohrisch2019

Wir starten eine Invasion! Zu den 10. Schostakowitsch Tagen reist eine terzwerk-Delegation nach Gohrisch und lässt sich den Flair dieses winzigen, bedeutenden Örtchens um die Ohren wehen. Denn Schostakowitsch hat hier nichts geringeres getan als sein berühmtes 8. Streichquartett zu komponieren. Aber was kann Gohrisch darüber hinaus – außer bei Google Maps für Verwirrung zu sorgen („Das ist ein anderes Gohrisch!“) und sich aus Großstadtkindersicht im tiefsten Nichts zu befinden? Wir formulieren unsere Fragen – und beantworten sie (wenn möglich) im Laufe unseres Festivalbesuchs.

Was reitet die Musiker*innen, in Gohrisch ohne Honorar Konzerte zu spielen?

fragt sich Franziska Schäfer

Junge Musiker*innen müssen lernen, ihr Können zu verkaufen, sonst können sie auf dem freien Markt wohl nicht bestehen. “Selbstausbeutung” ist ein beliebtes Wort, um über ambitionierte Projekte zu spotten, für die die Ausübenden kein Honorar bekommen. Gohrisch ist vielleicht mehr als das – wenn sogar das Borodin-Quartett und Isabel Karajan für ein läppisches Frackgeld rumkommen.


Die Antwort:

In einem Interview hat der Cellist Isang Enders gesagt, er würde lieber für gar nichts (oder praktisch gar nichts) spielen, als schlecht bezahlt zu werden. In Gohrisch aufzutreten, sei zudem eine Ehre.
Es sei eine Frage des Respekts, meint auch Marc Danel, der erste Violinist des Quatuor Danel: Selbstverständlich könnten sie es sich auch leisten, ohne Honorar zu spielen, weil einige andere Konzerte sehr gut bezahlt sind. Seinen Student*innen jedoch würde er immer abraten, wenn große, vermögende Veranstalter schlechte Honorare zahlen. In Gohrisch sei das etwas anderes: “Würden wir alle hier nicht spielen, gäbe es dieses Festival gar nicht.”

Wo kommen eigentlich die Kühe hin, während ihr Wohnzimmer zur Konzertscheune wird?

fragt sich Laurine Schubert

Die Konzertscheune ist der Ort, an dem in Gohrisch alle Konzerte stattfinden, der einzige Ort in dem kleinen Dörfchen, der den Platz und die akustischen Bedingungen für Kammerkonzerte erfüllt. Normalerweise stehen dort aber das ganze Jahr über Tiere.

Wieso kann man 2019 überhaupt noch Uraufführungen von Werken Schostakowitschs hören?

fragt sich Naomi Oelke

Bisher gab es in Gohrisch elf Uraufführungen und zehn deutsche Erstaufführungen, ein Teil davon auch von Dmitri Schostakowitsch, der schon seit 1975 tot ist.

Habe ich in Gohrisch Handynetz?

fragt sich Franziska Schäfer

Der Ort ist so abgelegen, dass man dort nicht mit Bus und Bahn, sondern nur mit einem eigenen Auto hinkommt. Malerisch und bergig, aber möglicherweise mobilfunktechnisch vollkommene Wüste.


Die Antwort:

Empfang: Ja. Mobiles Internet dagegen: Meistens nicht. Vor allem ein großer Netzbetreiber bietet seinen Kunden zwar 4G und LTE, alle anderen jedoch sehen arm aus. Manchmal funkt zwischendurch etwas Netz durch die Scheune, vor allem oben auf dem Rang. Dann muss man sich beeilen, die Dinge loszuwerden, die man loswerden will.

Werde ich andächtig auf die Knie fallen, wenn ich vor DER Bank stehe?

fragt sich Felix Kriewald

Dmitri Schostakowitsch komponierte sein 8. Streichquartett unter anderem auf einer Bank unter einem Baum, die noch immer am selben Ort steht.


Die Antwort:

Die originale Bank der Bänke wurde leider von der Buche der Buchen unter sich begraben, als dieselbige Anfang des Jahres umfiel. Zufall? Schicksal? Auf jeden Fall unheimlich schade. Nun steht neben dem Unfallort eine andere Bank, vor der ich mehr als einmal in stiller Huldigung zu Boden gesunken bin. Sitzen kann man darauf aber auch ganz gut.

Wer pilgert eigentlich an diesen verlassenen Ort?

fragt sich Sophie Emilie Beha

Juhu, die Schostakowitsch-Tage feiern dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Aber wer kommt und hört da eigentlich zu? Verbliebene Familienangehörige? Fanatische Musik-Zirkel? Eingeschworene Schostakowitsch-Jünger? Oder notgedrungene Einwohner?

 


Die Antwort:

Auf den Konzerten tummeln sich neben Gohrischerinnen und Gohrischern auch Besucher aus u.a. Russland, Holland, Schweiz, treue, begeisterte Schostakowitsch-Fans und neugierige Wanderer und Jazzer.

Gibt es ein Schostakowitsch-Fußballteam? 

fragt sich Sophie Emilie Beha

Schostakowitsch war glühender Fußballfan, er notierte Spielstände und Torschüsse minutengetreu in Notizbücher, war Schiedsrichter und lud nach den Spielen seines heißgeliebten Vereins “Zenit Leningrad” schon mal die gesamte Mannschaft zu sich nach Hause ein. Ist von dieser innigen Leidenschaft immer noch etwas spürbar in Gohrisch? Lieben die Gohrischer den Fußball besonders? Oder kicken etwa die Festivalfans zwischen den Konzerten?


Die Antwort:

In Gohrisch ist Schostakowitschs Geist durchaus noch spürbar, allerdings nicht wirklich auf Fußballplätzen oder Wiesen. Schade, eigentlich.

Wie ist es da, wo die Tiere hausen?

fragt sich Sophie Emilie Beha

Die sogenannte “Konzertscheune” ist der Hauptaufführungsort für das Festival, normalerweise aber ein Tierzuhause. Wie riecht es an diesem Ort? Nach Kuhfladen? Oder feucht-warmem Stallgeruch? Und viel wichtiger: Wie ist die Akustik?


Die Antwort:

Die Betonwände der “Konzertscheune” haben keinen erkennbar eigenen Geruch. Dafür ist die Akustik überraschend gut und eignet sich besonders für Kammermusik.

Was sagt Gohrisch zu Gohrisch? 

fragt sich Paul Littich

Wenn sich innerhalb von wenigen Stunden plötzlich die Einwohneranzahl meiner Heimatstadt verdoppeln oder verdreifachen würde, dann wäre ich vermutlich nicht allzu glücklich darüber. Menschen bedeuten Stress, bedeuten Lärm, bedeuten Hektik auf dem beschaulichen Dorf. Ist der typische Gohrischer also während des Festivals mit Heugabel und Fackel auf der Straße oder ist er regelmäßiger Festivalbesucher und lässt sich in der Scheune den Klang seiner Heimatstadt um die Ohren wehen?

Gibt es eingewanderte Schosta-Ultras?

fragt sich Mascha Müllejans

Gohrisch ist nur einmal im Jahr?
Es muss doch einen Schostakowitsch-Fan geben, der sich so sehr zu dem magischen Kurort hingezogen fühlt, dass er nach Gohrisch ausgewandert ist, um sich dem Schostakowitsch-Vibe sein ganzes Leben lang vollkommen hinzugeben. Oder gibt es sogar mehrere von ihnen, vielleicht eine ganze Familie?

Hat der Malerweg eine gute Akustik?

fragt sich Maren Theimann

In der Vorbereitung auf das Festival hat mir ein Freund erzählt, dass er immer in den Weinbergen an der Mosel Trompete spielt. Da habe ich mich natürlich gefragt, ob der Malerweg bei Gohrisch auch eine gute Akustik zu bieten hat.


Die Antwort:

Irgendwas ist ja immer… Unsere Wanderung auf dem Malerweg hatte ungewollte Wendungen, Irrungen und Wirrungen für uns parat. Getreu dem Motto “Viele Wege führen nach Gohrisch” mussten wir (aus nicht näherzunennenden Gründen) auf unterschiedlichen Wegen zurück in die Zivilisation finden. Auf dem Weg dorthin mussten wir dunkle Felsspalten passieren, über Gipfel klettern und die wunderschöne Aussicht genießen. Bei diesem Abenteuerspielplatz habe ich die Blockflöte kurzzeitig vergessen. Daher kann ich nur sagen, dass der Malerweg definitiv viel Freude bereitet. Den Akustiktest muss ich wohl im nächsten Jahr in Angriff nehmen…