Generalpause in der Kultur

Gerade erfolgreich das Studium abgeschlossen, das Bachelorzeugnis in der Tasche, in der Lebensgeschichte beginnt ein neues Kapitel und los geht’s ins Berufsleben! … Wie? Ein Virus bedroht die Menschheit? Jeder Kontakt muss vermieden werden? Die Kulturorte schließen?

Dieses Szenario, zugegebenermaßen etwas theatralisch vorgestellt, ist für viele Absolvent*innen in der Kulturbranche real geworden, deren Karriere eigentlich Anfang 2020 hätte anfangen sollen. Florian Sigmund ist einer von ihnen. Bis vor einem Jahr hat er Musical an der Folkwang Universität der Künste in Essen studiert und hatte eigentlich vor, mittlerweile auf großen Bühnen zu stehen. Doch während Corona weiter grassiert, bleibt die Kultur still – eine Generalpause füllt die deutschen Konzertsäle. Für Florian bedeutet das, dass er seit seinem Hochschulabschluss kaum Möglichkeiten hat, seinen Beruf auszuüben, für den er drei Jahre lang studiert hat und sich mit vollem Engagement und großer Energie vorbereitet hat. Im aktuellen Lockdown arbeitet er anstatt auf der Bühne in einer Bäckerei. terzwerk-Autor Cyprien Lemoine hat sich mit Florian darüber unterhalten, wie er diese besondere Situation erlebt.

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Biographie

Florian Sigmund ist ein Musicaldarsteller aus Duisburg. Schon vor seiner Ausbildung an der Folkwang Universität der Künste in Essen sammelte er erste Musicalerfahrungen im TiC-Theater Wuppertal wie Hairspray, La Cage aux Folles und Anything Goes.
Seit Beginn seines Studiums ist er ein Freund des Theater Dortmund, wo er bereits die Rolle des Glad Hand in West Side Story und seit 2019 auch des Simon Stride in Jekyll & Hyde übernahm. In Essen spielte er außerdem u.a. Melchior Gabor in Spring Awakening. Zurzeit kann man Florian parallel zu seinem Mitwirken am Theater Dortmund auch als Mattes in Himmel und Kölle in Köln sehen.

terzwerk: Florian, du hast am 31. Januar 2020 deinen Bachelorabschluss im Fach Musical gemacht. Die Bundesregierung hat nicht mal zwei Monate später den ersten Lockdown beschlossen. Was kannst du uns über deinen Eintritt in das Berufsleben erzählen?

Florian Sigmund: Als Musical-Darsteller*in arbeitet man meistens freischaffend beziehungsweise ist man für die einzelnen Produktionen angestellt. Die Möglichkeit, in verschiedenen Projekten zu arbeiten, war und ist natürlich sehr beschränkt. Aber ich habe das große Glück gehabt, dass ein Musical-Dozent von mir an der Folkwang Uni, Gil Mehmert, mir schon Ende 2019 eine Stelle angeboten hat und zwar für das Projekt Himmel und Kölle in Köln. Deshalb durfte ich schon Anfang März an einem Reading für das Stück mitwirken.

Ab dem ersten Lockdown wurde aber alles abgesagt. Proben und Aufführungen. Später hätte ich auch noch in Hanau bei den Brüder Grimm Festspielen und bei deren Gastspielen in München mitgemacht.

Und so bin ich in der Bäckerei gelandet!

terzwerk: Wie ist es so, als Musical-Sänger in der Bäckerei zu arbeiten?

Florian Sigmund: Das finde ich wirklich schön! Ich mag meine Kolleg*innen da alle total gerne und es gibt eine gute Atmosphäre. Vor allem brauche ich aber eine Beschäftigung. Zuhause zu sein und nichts machen zu können ist fürchterlich.

terzwerk: Wie ging es dann nach dem ersten Lockdown für dich weiter?

Florian Sigmund: Im Juli ging es zum Glück wieder los mit einem einmaligen Open-Air-Konzert in Hanau. Dann, im September, haben wir unter Hygienemaßnahmen mit den Proben für Himmel und Kölle in Köln wieder angefangen. Diesmal hat es uns sogar bis zur Premiere am 29. Oktober gebracht, mit begrenzter Kapazität im Zuschauerraum. Aber nach einigen Aufführungen kam schon der zweite Lockdown. Keine Vorstellungen waren mehr möglich, aber immerhin Proben. Daher durfte ich an der Oper Dortmund nach Beginn des Lockdowns noch zwei Wochen eine Corona-Version der erfolgreichen Produktion von Jekyll & Hyde proben. Diese soll Ende Februar Wiederaufnahme-Premiere feiern.

terzwerk: Wie fühlt sich das für dich an, deinen Karriereaufschwung nicht richtig erleben zu können?

Florian Sigmund: Ich mache mir weniger Sorgen, dass ich keinen „Karriereaufschwung“ erlebe – ich vermisse einfach die Arbeit sehr! Im ersten Lockdown habe ich die Situation ziemlich gut akzeptiert und die Schließung der Theater für vollkommen richtig erachtet.

Ab dem Zweiten sank aber die Motivation zum Mitmachen. Er hat mich als Kunstschaffenden wütend gemacht. Weniger, weil die Maßnahmen nicht nachvollziehbar oder nicht wichtig erschienen, sondern viel mehr, weil kein logischer Leitfaden ersichtlich war. Geschlossen wurden die Orte, die statistisch gesehen das niedrigste Risiko bargen. Geöffnet blieb der gerade in der Vorweihnachtszeit total überfüllte Einzelhandel, und keinerlei Regeln oder Maßnahmen wurden im Nahverkehr eingeführt. Ich wohne in der Nähe einer Schule und wenn man dort die Schulbusse gesehen hat, wurde die Schließung umso schmerzlicher.

terzwerk: Wie kommst du in dieser Zeit überhaupt zurecht?

Florian Sigmund: Bei Himmel und Kölle in Köln haben wir traumhafte Produzenten. Sie haben für uns Kurzarbeit angemeldet und geben uns das Gefühl, dass wir als Team zusammen durchkommen. Das Stück hat Potenzial, gerade weil es für Köln geschrieben ist und den Kölnern Heimatgefühl vermittelt. Deshalb haben wir Vertrauen. Diese Mühen und Zeichen der Produzenten machen viel Mut. Das ist in der deutschen Theaterlandschaft sehr selten, gerade in diesen Privatproduktionen, wo es schon viel ums Kommerzielle geht.

Also: Ich komme finanziell trotzdem noch gut zurecht und denke, dass viele meiner kulturschaffenden Kolleg*innen im Moment viel mehr Schwierigkeiten haben.

 

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terzwerk: Zumal es auf dem Musical-Berufsmarkt schon ohne Corona nicht einfach war…

Florian Sigmund: Genau, der Markt ist schon umkämpft. Ich hatte das Glück, dass ich ohne Corona theoretisch ein Jahr lang beschäftigt gewesen wäre. Das ist nicht unbedingt normal, gerade für einen Karrierebeginn.

Jetzt macht Corona alles noch komplizierter. Im Moment gibt es ganz wenige Auditions, wo man für eine Produktion ausgewählt wird. Wenn jemand jetzt keinen Job hat, kommt vielleicht die nächste Möglichkeit zu arbeiten erst nächstes Jahr.

terzwerk: Wie sieht für dich die Zukunft aus?

Florian Sigmund: Ich habe Vertrauen, dass ich schon bei einigen Projekten weiter dabei sein werde. Im April können wir, schätze ich, wieder anfangen zu proben und im Mai vor wenig Publikum spielen. Dann sollen die Impfungen die Lage langsam aber sicher auf das normale Level bringen. Ich kann mir vorstellen, im Sommer wieder Open-Air spielen zu können, ab Herbst wieder Indoor, aber immer noch mit begrenzter Zuschauerzahl.

terzwerk: Normalerweise kommen ja oft die Darsteller*innen in Kontakt, sie umarmen sich, tanzen miteinander etc. Wie haben sich die Hygienemaßnahmen beim Proben und beim Aufführen angefühlt?

Florian Sigmund: Da fängt der Wahnsinn nochmal an! Denn auch da ergeben die Maßnahmen keine einheitliche Linie. Es ist so: jede Stadt hat ihre eigenen Regeln. In Köln musste man nur beim Singen Abstand halten, nicht beim Tanzen oder Schauspielen, weil wir vor und während der Produktion regelmäßig getestet wurden.

In Dortmund dagegen gab es keinen Schnelltest, dafür kamen sich die Darsteller nie näher als 1.50 Meter und beim Singen und Tanzen nie näher als drei Meter.

Manchmal machen für mich Maßnahmen kein Sinn, z.B. denke ich nicht, dass man sich beim Sprechen näherkommen dürfte als beim Singen. Aber es ist gut, dass es die Regelungen gibt und ich halte mich gerne daran.

terzwerk: Hast du das Aufzeichnen einer Aufführung erlebt, also komplett ohne Publikum?

Florian Sigmund: Ja. Nach Anfang des zweiten Lockdowns konnten wir in Köln das Stück nur drehen.

Und das ist für eine*n Darsteller*in „fürchterlich“. Wir mussten beim Spielen denken: „Jetzt stelle ich mir den Applaus vor”. Das ist eine ganz andere Dynamik, das Energielevel kann man gar nicht so hochbringen. Selbst ein stilles Publikum hat eine Energie, ein leerer Saal nicht.

terzwerk: Aber auch mit wenig Publikum ist bestimmt das Bühnengefühl ganz anders, oder?

Florian Sigmund: Nicht so sehr! In Köln durften höchstens 135 Zuschauer*innen in den Raum, auch mal nur 80, aber das Kölner Publikum war so laut, das war toll! Sie haben richtig Gas gegeben. Wenn sie gejubelt haben, klang es genauso wie in der Lanxess Arena. Man merkt, dass alle Zuschauer*innen Aufführungen vermissen.

terzwerk: Wie fühlt es sich für dich an, manche gelernten Spieltechniken wegen der Maßnahmen nicht anzuwenden?

Florian Sigmund: Es ist weniger so, dass ich das nicht anwenden kann, sondern dass ich mein Gelerntes sehr anpassen muss. Ich muss manche Techniken anwenden, die man sonst meistens gar nicht bräuchte. Ich habe das Gefühl, ich bin viel mehr gefordert als sonst, weil ich es sehr oft so aussehen lassen muss, als wäre es zu keinem Zeitpunkt dem Abstand geschuldet, dass ich irgendwo stehe. Man muss immer gucken, wie man das sinnvoll gestaltet. Das ist auf einmal super viel Arbeit, aber das macht Spaß! Ich kann es nicht anders sagen. Alle werden richtig kreativ und schaffen es, die Arbeit mit den Hygienemaßnahmen zum Funktionieren zu bringen, obwohl man es gar nicht gedacht hätte.

Aber das ist schon eine große Herausforderung. Wie oft kam der Satz in den Proben: „Ich hasse Corona!“

Bildcredits:

Beitragsbild: © Cyprien Lemoine
Bild Florian Sigmund: © Felix Rabas