Festivalguide

Accattone, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Der Festivalsommer in NRW ist schon im vollen Gange und doch gibt es noch ein paar Festivals, die einen Besuch lohnen. Eine bunte Vielfalt bietet sich den Zuhörern, so dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Über ganz Nordrhein-Westfalen verteilt sich die Musiklandschaft, die unterschiedlicher nicht sein könnte.

Festspiele zeichnen sich durch ihre Abgrenzung vom Alltäglichen ab, sei es durch den Ort oder die Gestaltung. Auch die gesellschaftliche Bedeutung spielt eine Rolle und der Blick der Gesellschaft für ein Thema kann geschärft werden. An diesen Grundgedanken orientieren sich auch die nachfolgenden Festivals.

Festivals bieten die Möglichkeit, eine Sparte zu bedienen, die im alltäglichen Leben nicht mehr im Fokus steht. So zieht die Alte Musik zum Beispiel in Knechtsteden und in Herne ein. In einem kurzen Zeitraum wird sich intensiv mit Alter Musik beschäftigt, jedoch neu und auch jung interpretiert. In einem zeitgenössischen Kontext gesetzt, geben die Künstler den alten Werken eine neue Interpretation.

Dass ein Festival sich nur um einen Künstler drehen kann, sieht man am Beethovenfest in Bonn. Hier stehen die Musik und das Leben von Ludwig van Beethoven im Mittelpunkt. Es ist wohl eines der ältesten Festspiele in Deutschland. Erstmals fand das Beethovenfest 1845 anlässlich des 75. Geburtstags des Komponisten statt. Beim Beethovenfest sind nicht nur namhafte Musiker zu hören, sondern auch begabte Nachwuchsmusiker. So dienen die Festspiele dem kulturellen wie künstlerischen Austausch.

Jedoch nicht nur musikalischen Sparten treffen in unserer Festivalauswahl aufeinander, sondern auch verschiedene Künste. Das ehemals als grauer Industriestandort bekannte Ruhrgebiet wurde mit Hilfe der 2002 gegründeten Ruhrtriennale zu einer Kulturstätte. Der Fokus liegt hierbei auf zeitgenössischer Kunst aus den Bereichen Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Performance und Bildende Kunst. Alte Industrieanlagen wie Brachen des Bergbaus und der Stahlindustrie oder Maschinenhäuser werden zu Spielstätten.

Festivals in Nordrhein-Westfalen

Festival Alte Musik Knechtsteden

VOX BONA – Copyright: Christian Palm

Bereits seit 1992 versammeln sich in Knechtsteden Fans der Alten Musik. Dank Hermann Max, dem Gründer des Festivals, wurde hier eine international renommierte Plattform für bedeutende Ensembles Alter Musik und neuentdeckter Werke geschaffen. Das Zentrum stellt die romanische Klosterbasilika in Knechtsteden dar, die sich während des Festivals in eine kulturelle Begegnungsstätte verwandelt. Beim Festival stehen Bezüge zwischen Gegenwart und Alter Musik im Vordergrund. Es wird mit verschiedenen Formaten experimentiert, um neue Impulse für den Umgang mit Musik zu senden. Junge Künstler können sich ausprobieren und die Alte Musik auf ihre Weise neu interpretieren.

Das Festival steht unter dem Motto „ÜberLeben“. Das Programm beschäftigt sich mit verschiedenen Interpretationen des Themas. So wird am 26. September die Klosterbasilika in Knechtsteden zum Schauplatz der Markuspassion von Georg Philipp Telemann. Während des Konzerts werden auf transparentem Projektionstüll Schicksale von verfolgten Menschenrechtlern, von Holocaust-Opfern bis hin zum Leid von Indianern und Farbigen sowie Martin Luther King gezeigt.

Zeitraum: 22. – 29. September 2018

Website: https://www.knechtsteden.com

Beethovenfest Bonn

vision string quartett – Copyright: vision string quartett

Alljährlich kommen Beethoven-Fans in der Geburtsstadt des Komponisten auf ihre Kosten. In diesem Jahr steht das Festival unter dem Motto „Schicksal“. Warum, ist einleuchtend. Ludwig van Beethoven hatte wahrlich kein einfaches Schicksal, da er bereits um die dreißig taub wurde. Die wohl bekannteste Symphonie Beethovens ist seine Fünfte, die „Schicksalssymphonie“, von der auch das diesjährige Festivalprogramm ausgeht. Die in der Musik verewigten Schicksalsschläge Beethovens stehen im Mittelpunkt und bilden sechs Programm-Schwerpunkte, etwa „Schicksalhaftes“ oder das „Klaviersonatenwochenende“, bei dem neben Beethoven auch Werke von Schubert, Schumann oder Liszt vorgestellt werden. Den letzten Schwerpunkt bildet das Thema „Tanz / Theater / Installation“, bei dem es um das Zusammenspiel anderer Künste geht.

Mit seinen 57 Veranstaltungen an 25 Spielstätten zeigt das Festival vom 31. August bis 23. September 2018 in Bonn und der Region Werke von Beethoven. Neben dem Beethovenfest gibt es auch das Opern-Air-Fest vom 31. August bis 2. September. Es beginnt mit einer großen Live-Übertragung des Eröffnungskonzerts des Orchestre Philharmonique de Radio France mit dem französischen Pianisten Bertrand Chamayou. Hochkarätige Orchester gastieren innerhalb drei Wochen am Rhein, etwa das Russische Nationalorchester oder das ORF Radio-Symphonieorchester Wien.

Zeitraum: 31. August – 23.September 2018

Website: https://www.beethovenfest.de/de/

Ruhrtriennale

Monochrome Projekt – Copyright: Eva Maria Müller

Das wohl bekannteste Festival im Ruhrgebiet ist die Ruhrtiennale. Sie stellt für Kulturinteressierte einen der Höhepunkte des Sommers im Pott dar. Als genreübergreifendes Festival spricht sie ein großes Publikum an. Sie vereint Musiktheater mit Tanz und Performance sowie Schauspiel und Konzerte. Das besondere an der Ruhrtriennale sind die Spielstätten, die stets im Kontext der Arbeit gesehen werden sollten und die künstlerische Arbeit prägen.
In diesem Jahr richten sich die Inszenierungen nach dem Motto: Zwischenzeit? Intendantin Stefanie Carp trifft damit einen Nerv der Zeit: Wir werden von der Schnelllebigkeit unserer Welt überrollt. Politische Entscheidungen und Veränderungen auf der ganzen Welt betreffen uns immer stärker und wir wissen teils nicht recht damit umzugehen – wir befinden uns in einem stetigen Wandel.

Die Ruhrtriennale hat sich in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht, diese Zwischenzeit kreativ mitzugestalten. Dies spiegelt sich im Programm wieder, welches von ästhetischen Formen und Zwischenformen geprägt ist und Stoffe und Themen sucht, die Formate des Vorläufigen erfinden für ein Lebensgefühl der Zwischenzeit. Es geht um die Auflösung von Genregrenzen, um das Dazwischensein. Beispielsweise beim  Thema Vertreibung und Migration: Mit dem Stück „The Welcoming Party“ vom Theatre-Rites zeigen die Schauspieler die Geschichte eines Geflüchteten, sein Leben zwischen zwei Orten und Kulturen. Zu sehen ist die Inszenierung zwischen dem 7. und 16. September in der Zeche Lohberg in Dinslaken.

Auch wenn die Ruhrtriennale schon läuft, gibt es noch zahlreiche lohnenswerte Programmpunkte im September. Etwa im Maschinenhaus Essen: Am 7. September präsentiert dort Sophia Kennedy ihr Debütalbum „Sophia Kennedy“. Dabei spielt sie mit verschiedenen Genres wie dem Dubstep oder dem klassischen Crooning, aber auch R´n´B. Man hört in jedem Stück eine andere historische Prägung – die Verbindung von Moderne und Tradition.

(C) Pampa Records 2017

Noch internationaler wird es mit der Cuban-European Youth Academy (CuE) und ihrem Orchester, dem CuE Orchestra. Hierbei wird der Austausch europäischer und kubanischer MusikerInnen gefördert. Das transatlantische Musikprojekt präsentiert Werke zum Thema Aufbruch am Sonntag, den 23. September 2018 um 19:00 Uhr in der Grand Hall, Zollverein in Essen.

Zeitraum: 09. August – 23. September 2018

Website: https://www.ruhrtriennale.de/

Tage Alter Musik in Herne

Copyright: Kulturzentrum Herne

Zwar nicht mehr ganz im Sommer, aber trotzdem wichtig, sind die Tage Alter Musik in Herne. Für ein Novemberwochenende verwandelt sich Herne in eine Stadt voller Musik. In diesem Jahr steht das Festival unter dem Motto „Todsünden“. Bei diesem Begriff fallen einem zunächst die sieben Todsünden von Papst Gregor I. ein. Nicht nur in der Kunst sondern auch in der Musik setzten sich Künstler mit diesem Thema auseinander – jedoch nicht ganz so offensichtlich. Verschiedene Todsünden werden im Programm präsentiert. So zum Beispiel singt das Vocalconsort Berlin am 9. November geistliche Werke, die während der Reformationszeit unter der Herrschaft Heinrich VII. in England komponiert wurden. Die Werke stellen den von Heinrich VII. Tudor verkörperten Hochmut dar.

Aber auch die anderen Todsünden wie Wollust, Geiz, Neid und Zorn prägen das Programm des Festivals. So wird am 10. November der Streit, die Missgunst und Eitelkeit rund um die Dresdner Hofkapelle Anfang des 18. Jahrhunderts thematisiert mit Musik von Johann Sebastian Bach, Johann Georg Pisendel und Francesco Maria Veracini. Im musikalischen Duell treten Evgeny Sviridov und Stanislav Gres gegen Leila Schayegh und Johannes Keller an. Jeweils mit Violine und Cembalo.

Zeitraum: 09. – 12. November 2018

Website: https://www1.wdr.de/radio/wdr3/musik/tagealtermusikherne/tage-alter-musik-herne-174.html