Wie die Dissonanzen ihre Zähne verloren

Weltuntergang in Herne! Dabei begann alles so vielversprechend bei den „Tagen Alter Musik“. Die Klänge: leicht zugänglich, schön gerahmt, warm, farbenreich und berührend euphorisch, kamen den Hörern sehr entgegen. Das Ensemble Polyharmonique und das Orkiestra Historyczna aus Polen brachten kleine Juwelen aus der Renaissance, geistliche Motetten und Sonaten, mit in die Kreuzkirche. Dem diesjährigen Motto der Musiktage „Sieben Todsünden“ folgend ging es in diesem Eröffnungskonzert um den Tag des Zorns: „Dies Irae“-Vertonungen wechselten mit „Dixit-Dominus“-Psalmen.

Wie in Herne üblich, wird historisch informiert musiziert. Die einen spielen auf Darmsaiten, erzeugen bauchige und warme Non-Vibrato-Streicherklänge. Die anderen singen solistisch besetzt, schlank und linear. Beide Ensembles vermitteln Leichtigkeit und Spielfreude, und so kann rasch ein musikalischer Sog entstehen, der das Publikum charmant einlullt: von Zorn keine Spur. Im Gegenteil, eine allgemeine Wohlfühlstimmung breitet sich aus. Kaum zu glauben, dass die lateinischen Texte der Kompositionen von Francesco Cavalli, Giovanni Legrenzi und Natale Monferrato vom Höllenfeuer handeln, vom Zorn Gottes, Tod und Verderben und dem jüngsten Gericht. Die Musik transportiert etwas ganz anderes als die Worte.

Süß und liebenswürdig klingen die Durchgangsdissonanzen

Das Sängerensemble verwöhnt mit fließenden Farbschattierungen und weichen Klangmischungen. Schwebende Klangwolken werden aufgebaut und in einander verschoben und sogar die häufigen Durchgangsdissonanzen und harten Rückungen, die eigentlich Angst und Schmerz der Sünder illustrieren sollen, wirken in diesem Kontext süß und liebenswürdig. Etwa in Alessandro Grandis „Exaudi Deus“ bringen gerade die harmoniefremden Töne Spannung und Schärfe in diese Musik, sie sind hier das fehlende Salz in der Suppe. Schade, dass dies nicht durch Dynamik und Agogik erreicht wird.

Auch die Instrumentalisten musizieren sehr berührend. Sie überzeugen mit leicht schwebenden Tönen und einem wachen Miteinander, vor allem zwischen der ersten und zweiten Geige. In Giovanni Battista Vitalis Sinfonia Nr.6 präsentiert sich die Konzertmeisterin als Solistin, ohne zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Durchsichtig wird musiziert, alles klingt schön aufgeräumt und ordentlich. Positiv ist die gemeinsame Stilsicherheit der Interpreten: Alle sprechen dieselbe Sprache, sie ergänzen sich. Phrasen werden mit viel Luft zwischen den Noten gespielt, die Bogenführung ist federnd leicht, was den Sängern sehr entgegenkommt. Und wenn Tuttiklänge sich doch weiter öffnen, dann nie zu breit und dick, sie blühen nur kurz auf. Eine schöne Homogenität, die nur hin und wieder von den übertrieben selbstergriffenen Gesten des Countertenors Alexander Schneider gestört wird, der die Leitung beider Ensembles inne hat. Die überakustische neugotische Basilika der Herner Kreuzkirche kommt seinem moderat empfindsamen Vokalstil jedenfalls zu Gute, denn etwas Hall hilft immer, die heile Welt der Alten Musik zusammenzuhalten.

Fotos: ©Christian Palm: Einzelportraits und Gruppenbilder (2016)