In der Ruhe liegt die Spannung

Menschen, die um sich schlagen. Lärm. Krawalle. Die Geschichte der Uraufführung von Igor Stravinskys Le sacre du printemps ist berüchtigt. Am 29. Mai 1913 war das Publikum so aufgebracht von der Ballettmusik, dass die Uraufführung im Pariser Théâtre des Champs-Élysées zum Desaster avancierte.

Natürlich kann 2018 eine Polyrhythmik, welche die einzelnen Instrumente zu einem regelrechten Brei zusammendrückt, nicht mehr schocken. Und auch Dissonanzen, bei denen sich die Nackenhaare aufstellen, sind uns zur Genüge bekannt. Auf der bei ALPHA CLASSICS erschienen CD wagt sich das NDR Elbphilharmonie Orchester (ehemals NDR Sinfonieorchester) unter der Leitung von Krzysztof Urbanski trotzdem an eine neue Interpretation. Diese bringt unerwartete Spannung und Frische in das mittlerweile 105 Jahre alte Stück.

Ganze zehn Sekunden dauert es, bis Krzysztof Urbanski den ersten Ton des Fagotts abwinkt und damit das melodische Thema einleitet, das den meisten Menschen sofort in den Sinn kommt, wenn sie an Das Frühlingsopfer denken. Allein dafür hat der Dirigent eigentlich schon eine Spannungsmedaille verdient.

Denn der Spannungsbogen baut sich direkt in der Introduktion auf und ebbt bis zum Ende des zweiteiligen Werkes kaum mehr ab.
Die einzelnen Töne des ersten Satzes sind eigentlich stoisch ruhig, aber wenn nach und nach erst die Klarinette, dann die Oboe und immer weitere Teile des Orchesters einsetzen, ahnt man, dass die ganze Sache nicht gut ausgehen kann. Ein ambivalentes Hörgefühl – als würde man etwas Verbotenem beiwohnen.

Es war damit zu rechnen und im zweiten Stück (Vorboten des Frühlings – Tanz der jungen Mädchen) ist es auch so weit: Die scheinbare Ruhe ist plötzlich vorbei. Umso heftiger trifft der sich immer wieder verschiebende Rhythmus auf den erwartungsvollen Zuhörer. Auch die Pauken und die tiefen Blechbläser – vielleicht liegt es an der Akustik der Elbphilharmonie – dröhnen teilweise derart rabiat, dass die Musik durch Mark und Bein geht.

Sicherlich, auch in anderen Aufnahmen und Interpretation von Le sacre du printemps schieben sich die Schlagwerker in den Vordergrund und auch andere Dirigenten haben die Polytonalität und die rhythmischen Besonderheiten der Ballettmusik hervorbringen können.
Die ersten beiden Sätze reichen allerdings schon aus, um zu begreifen, dass Krzysztof Urbanskis Version deutlich intensiver ist, als viele vorangegangene. Das hat vor allem etwas mit den Kontrasten des Stückes zu tun und damit, wie Orchester und Dirigent diese zu nutzen wissen. Wie schon bei den langgezogenen Fermaten zu Beginn des Stückes, werden die wenigen ruhigen Stellen behutsam ausgekostet. Das Sanfte wird noch vorsichtiger angegangen und das Ruhige wird noch leiser.
Im krassen Kontrast dazu werden die lauten Passagen bis zur Schmerzgrenze ausgereizt.

Wenn beispielsweise im Frühlingsreigen die trillernden Flöten und die melancholisch-düsteren Streicher im langsamen Takt schwelgen, versinkt der Hörer regelrecht in der Musik. Allerdings nur bis Urbanski, den man im inneren Auge seine Arme hochreißen sehen kann, die Schwere und Dunkelheit in den Konzertsaal hineindirigiert. Polternde Pauken. Kreischende Streicher. Schiefe Bläsereinwürfe. Urbanski führt den ruhigen Beginn des Frühlingsreigens ad absurdum.

Ähnlich verhält es sich im zweiten Teil Das Opfer des Musikstücks. Die erste Hälfte davon, die Introduktion und der Mystische Reigen der jungen Mädchen bleibt relativ unaufgeregt. Natürlich bleibt die Musik unruhig, aber die Dynamik ist ohne Ausschläge nach oben oder unten sehr konstant. Die elf Schläge der Schlagwerker, die sich direkt anschließen und in den nächsten Part überleiten, sind gerade deshalb umso brutaler.

Nichts fasst die auseinanderklaffende Dynamik und die damit einhergehende Emotionalität des Gesamtwerkes besser zusammen als der Schluss. In der Balletthandlung tanzt sich hier ein auserwähltes Mädchen in Ekstase und schließlich auch in den Tod. Das Stück endet mit ihrem Zusammenbruch.

Auch die Musik hört sich immer nervöser und aufgeregter an. Streicher-und Bläsereinwürfe durchbrechen die ohnehin zerfahrene Rhythmik. Die Dynamik gerät ins Schwanken. Kurz vor Schluss eine höher werdende Melodiebewegung einer einzelnen Flöte.
Die Generalpause die danach folgt erinnert an den Beginn des Stücks. Auch sie gerät, selbst wenn es nur Millisekunden sind, schmerzlich lang. Der darauffolgende Tutti-Schlag könnte beinahe nicht lauter sein, das weiß Krzysztof Urbanski.
Das Mädchen ist tot.
Applaus.