Einigkeit in der Vielfalt

Einigkeit in der Vielfalt 

Woran denkt ihr, wenn ihr den Namen Otello hört?
Ist es die Tragödie von William Shakespeare in seinem gleichnamigen Schauspiel Othello oder aber vielleicht die Oper Otello von einem der berühmtesten Komponisten überhaupt, nämlich Giuseppe Verdi?

Sehr nah dran, denn auch von Gioachino Rossini gibt es eine Oper mit diesem Werktitel. Diese ist sogar ganze 70 Jahre vor Verdis Otello entstanden. Das Musiktheater im Revier, konkret der Regisseur Manuel Schmitt und sein Team, haben sich an die Inszenierung dieses ganz besonderen Stückes gewagt. Eine Interpretation, die durchaus einen neuen Zugang zum Werk eröffnet. In den Kritiken wurde dabei vor allem über das einzigartige Finale der Oper diskutiert.

Grund genug für terzwerk-Autorin Eugenia Karnolska, sich für ein Interview über Zoom mit der Dramaturgin Hanna Kneißler zu verabreden.

Hard Facts

Komponist: Gioachino Rossini
Stück: Otello – Eine ernste Oper in drei Akten
(Dramma per musica)
Libretto: Francesco Maria Berio
Uraufführung: 4. Dezember 1816 im Teatro del Fondo in Neapel

terzwerk: Zu Beginn unseres Interviews sprechen wir doch vielleicht direkt einmal über den Inhalt des Werkes. Was passiert eigentlich alles zwischen den einzelnen Charakteren auf der Handlungsebene?

Hanna Kneißler: Otello (Feldherr) kommt zurück in den Senat von Venedig, von einem Krieg, den er auf Zypern gewonnen hat. Er wird für seinen Erfolg von der Gesellschaft bejubelt und erhofft sich dadurch einen sozialen Aufstieg. Sein größter Wunsch: Die Akzeptanz der Gesellschaft.
Seine Geliebte Desdemona hält dabei immer zu ihm. Sie ist die Tochter des einflussreichen Elmiro, weshalb sie oft im Zentrum des Geschehens steht. Alle Augen sind auf sie gerichtet. Ihr Vater ahnt nichts von ihrer heimlichen Liebe und möchte sie mit Rodrigo (Sohn des Dogen) verheiraten. Diese lehnt diese Verbindung aber entschlossen ab.
Aus Neid schmieden Otellos Rivale Rodrigo und sein Komplize Iago eine Intrige. Sie reden Otello ein, dass Desdemona ihm untreu ist, fälschen einen Liebesbrief und setzen alles daran, ihn an seinen Gefühlen zweifeln zu lassen. Die Intrige spitzt sich immer weiter zu und damit verbunden auch die Ausgrenzung Otellos durch das Kollektiv.

Kurzgefasst

Wir befinden uns in dieser Inszenierung in einem westeuropäischen Raum. Die heimliche Liebe zwischen Otello und Desdemona mündet in einer Hochzeitsszene, in der die Gesellschaft ihr wahres Gesicht offenbart. Das Paar bleibt nie unter vier Augen, um das entstandene Missverständnis aufzuklären. Stattdessen werden sie ununterbrochen fotografiert und beobachtet.
Diese bedrückende Neugier der Meute zieht sich durch die gesamte Inszenierung. Die Skrupellosigkeit, zu der uns unser alltäglicher Umgang mit den Smartphones führt, lässt keine Menschlichkeit oder Zivilcourage zu.

People of Color im Musiktheater

terzwerk: Es geht also einerseits um eine dramatische Liebesgeschichte, aber in der Inszenierung von Manuel Schmitt wird ebenfalls noch ein weiterer Aspekt besonders hervorgehoben, nämlich Rassismus im Zusammenhang mit Ausgrenzung. Inwieweit hat die aktuelle Bewegung aus den letzten zwei Jahren die Auseinandersetzung mit dem Stück politisch und sozialkritisch beeinflusst? Stichwort PoC und Black-Lives-Matter-Bewegungen im Musiktheater-Betrieb.

Hanna Kneißler: Ja, ganz bestimmt. Im Probenprozess entstehen diverse Bilder im Kopf. Wir haben uns sehr lange davor gescheut, ganz direkte und vielleicht auch plakative Verweise zu machen. Khanyiso Gwenxane (Otello) ist der einzige auf der Bühne mit einer dunklen Hautfarbe, was an sich schon eine Abgrenzung ist. Umso wichtiger war es für uns immer eng im Dialog mit dem Ensemble zu sein, über Probleme und Unsicherheiten zu sprechen.
Die Debatten der vergangenen Jahre haben selbstverständlich Fragen der Künstler*innen an den eigenen Arbeitsplatz im Theater aufgeworfen. Und auch wir haben uns in diesem Zusammenhang sehr wichtige Fragen stellen müssen: Wie arbeiten wir? Wie äußern wir vielleicht unbewusst und auch ungewollt rassistische Ansichten? Wie ist es für die Betroffenen? Wer gibt uns das Recht, so einen Raum aufzumachen?
Besetzungsfragen haben häufig ein Ausgrenzungspotenzial, was momentan im Schauspiel sehr stark thematisiert wird. Dazu zählt u.a. der Vorwurf, dass People of Color nur Rollen spielen dürfen, die im Zusammenhang mit ihrer Hautfarbe stehen. Repertoirefragen spielen ebenfalls eine signifikante Rolle.
Im Musiktheater haben wir noch die Chance, etwas unabhängiger zu agieren, weil die Besetzung da viel mehr von den musikalischen Qualitäten abhängt.

Geister des Rassismus

terzwerk: Schon recht früh tauchen Kinder mit blassen, weißen Gesichtern auf der Bühne auf. Sie verspotten Otello mit ironischen Gesten, darunter die Nachahmung von Affen und das Streichen über das bleiche, weiße Gesicht. Welche Absicht steckt dahinter? Warum tragen die Kinder Waffen? Geht es um eine Erziehung zu Gewalt und Intoleranz von klein auf oder war Provokation die Hauptabsicht?

Hanna Kneißler: Das war von uns gar nicht so intendiert, aber eine solche Interpretation ist absolut legitim. Manuel Schmitt wollte mit den Kindern grundsätzlich Geister des Rassismus etablieren.
Die Fassade einer scheinbar perfekten Gesellschaft bröckelt und die Menschen zeigen ihr wahres Gesicht. Sie schrecken nicht vor Betrug oder Verrat zurück. Auch die Kinder, die bekanntlich für ihre radikale Ehrlichkeit bewundert werden, nehmen kein Blatt vor den Mund und versuchen gar nicht erst etwas aus Höflichkeit zu spielen. Es liegt sehr nahe zu sagen, irgendjemand hat es ihnen so beigebracht.
Die weißen Gesichter waren klar eine Anspielung auf das, was im Libretto stellenweise durchkommt. Otello wird immer wieder mit seinem Aussehen und den Geistern des Rassismus konfrontiert. Zum Finale, in dem sich eines der Kinder das Gesicht schwarz anmalt, kann man sagen: Die Geister stehen für die Mentalitäten und Gedanken von Menschen, die nicht so leicht fortzuwischen sind oder wodurch ein gesellschaftlicher Wandel überhaupt erst entsteht.

“In varietate concordia” – In Vielfalt geeint

terzwerk: Kommen wir nun zu der Frage, die in den Medien vielleicht am meisten thematisiert wurde. Dabei geht es um die Idee mit den Abstimmungskarten. Was war der Anstoß dafür, dem Publikum die Entscheidung über den Ausgang des Opernabends zu überlassen?

Hanna Kneißler: Das war unser größter inszenatorischer Clou, würde ich sagen. Wir hatten das große Glück, dass mein Vorgänger in der Produktion Olaf Roth, gemeinsam mit Marius und Julius herausgefunden haben, dass Rossini eben diese zwei Finali geschrieben hat. Die zweite Version wurde dabei ein Jahr später für den römischen Karneval komponiert und hierfür brauchte man eben ein Happy End. Diese Idee war so eine Steilvorlage, dass wir sie nutzen mussten.
Wir haben uns dabei an den Strategien orientiert, die zum Beispiel in Computerspielen oder aber im Film zum Einsatz kommen. Die Spieler*innen müssen entscheiden, ob sie durch den Fluss schwimmen wollen, um auf die andere Seite zu kommen, oder ob sie stattdessen eine Brücke bauen, um gemeinsam darüber zum anderen Ufer zu gelangen. In der Matrix wird zwischen einer blauen und einer roten Pille gewählt. Im Musiktheater hingegen passiert sowas eben sehr selten, denn man braucht komponiertes Material, mit dem man arbeiten kann.
Die große Challenge war zu entscheiden, wie wir das mit der Abstimmung machen. Wie kann eine solche Wahl bestenfalls aussehen? Soll das Publikum in der Pause etwas in eine Urne werfen oder kriegen die Zuschauer vielleicht einen Buzzer.
Dann kam eine zweite Überlegung auf: Wie könnten wir eine Abstimmung in der Szene aufziehen? Komponieren wir eventuell sogar noch was? Schließlich haben wir uns dazu entschieden, eine Figur aus dem Geschehen sprechen zu lassen. Aus diesem Grund haben wir den Dogen als Verbindungsfigur zum Publikum inszeniert. Er macht eine dritte Wand auf und verkündet am Ende auch das Ergebnis der Abstimmung.
Der vielleicht wichtigste Gedanke in dem ganzen Prozess war jedoch, welche Frage wir dem Publikum überhaupt stellen sollen. Wir wollten es unbedingt vermeiden radikal über Leben oder Tod entscheiden zu lassen. Stattdessen fiel die Wahl auf: Soll Desdemona handeln oder reden? Eine Frage, die das Publikum nicht zu sehr in die Enge treibt und die eben auch eine moralische Entscheidung zulässt.

terzwerk: Da ich persönlich aus einem interdisziplinären Studiengang komme, finde ich für meine letzte Frage noch Folgendes so unglaublich spannend: Wie wurde bei der Konzeptualisierung mit den unterschiedlichen Disziplinen versucht zu jonglieren? Mir geht es konkret um die Schnittstellen von Kunst, Musik und Mode. Wie eng arbeitet man zusammen?

Hanna Kneißler: Ich glaube das zeichnet schon auch diese Produktion aus. Das Produktionsteam hat immer sehr eng miteinander kommuniziert. Es besteht im engsten Kreis aus den folgenden Abteilungen: Regie, Dramaturgie, Bühnenbild, Kostümbild und Beleuchtung. Alle sind individuell in ihrem Bereich gefragt, arbeiten aber eben gemeinsam auf das große Ganze hin. Also ja, diese Schnittstellen gibt es ungemein. Sie sind wichtig für den Inspirationsfluss und für die Ideenentwicklung.

Hanna Kneißler studierte Musik- und Theaterwissenschaft an der Universität Mainz, sowie Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Zur Spielzeit 2021/22 wechselte sie ans Musiktheater im Revier und betreute bisher die Soloabende mit Anke Sieloff unter dem Titel: Say it with music!.

Otello von Gioachino Rossini ist ihre erste Produktion am Gelsenkirchener Musiktheater. In diesem Jahr folgen die Produktionen Madama Butterfly von Giacomo Puccini und Requiem/ The lost ones (Tanzabend mit Choreografien von Giuseppe Spota und Erion Kruja).

Bildcredits:

Beitragsbild: ZuschauerraumTima Miroshnichenkopexels.com

Hintergrundbild: Rote Vorhänge und Holzsteg/ Marek Piwnicki/ Pexels

Portrait von Hanna Kneißler / © Björn Hickmann