Das Zukunftsorchester im Gespräch

Die Junge Deutsche Philharmonie ist seit über 40 Jahren das beste Jugendorchester Deutschlands. Vor zwei Wochen war sie auf Wintertournee mit Ingo Metzmacher sowie Xavier Larsson Paez am Saxophon und Alexandre Tharaud als Klaviersolist. Im Gepäck: ein Programm, das sich mit Stücken von Birtwistle bis Bernstein ausschließlich aus Werken des 20. Jahrhunderts zusammensetzt. Terzwerk hat nach der Premiere am 7. Januar in der Kölner Philharmonie mit zwei Mitgliedern des Orchestervorstandes gesprochen. Johanna Bruns (Geige) und Anna Kramer (Kontrabass) verraten, wieso moderne Musik bei der Jungen Deutschen Philharmonie keine Seltenheit ist und welche wunderbaren Chancen das komplett eigenverantwortliche Orchester bietet.

terzwerk: Wurden mit Ingo Metzmacher als Dirigent und Xavier Larsson Paez als Solisten bewusst Experten für dieses Genre eingeladen?

Johanna: Ja, auf jeden Fall. Ingo Metzmachers Steckenpferd ist ja das 20. und 21. Jahrhundert und daher war er der ideale Kandidat für unser Programm.

terzwerk: Wie war dementsprechend die Arbeit mit Dirigent und Solisten, gerade im Hinblick auf ihre Expertise im Bereich neue Musik?

Anna: Man merkt auf jeden Fall, dass es deren Metier ist. Wir haben auch extra für dieses Programm Dozenten ausgewählt, die uns Jazz-Inputs geben können und uns noch mehr mit neuer Musik vertraut machen als wir es eh schon sind, weil wir schon sehr oft moderne Werke im Programm hatten.

terzwerk: Damit habt ihr es gerade selbst schon erwähnt – ihr habt schon viele moderne Stücke gespielt und auch bei kommenden Konzerten werden Werke von Messiaen oder Dutilleux auf dem Programm stehen. Steht ihr als junges Orchester in der Verantwortung, neue Musik zu spielen?

Anna: Es gibt ja viele junge Orchester in Deutschland. Daher sehen wir uns schon in der Verantwortung, uns damit abzugrenzen. Es ist natürlich ein Alleinstellungsmerkmal, wenn wir unsere Programme bewusst darauf auslegen, auch Werke zu spielen, die nicht oft gespielt werden. Wir möchten auch vor allem uns als Orchestermitgliedern die Chance geben, Stücke zu spielen, denen man ansonsten nicht begegnen würde. Wir haben mit unseren Probenzeiten den großen Luxus, uns eine Woche ganz auf unser Programm zu konzentrieren. Und so wird es wahrscheinlich für keinen mehr aussehen, sobald man einmal ins Berufsleben gestartet ist.

terzwerk: Ihr nennt euch ja selbst „Das Zukunftsorchester“. Hängt das nur mit dem Alter der Mitglieder oder eben auch mit der Auswahl der gespielten Musik zusammen?

Johanna: Das ist auf das Ganze bezogen, vor allem auf unsere Arbeitsweise. Wir probieren ja von Probespiel- bis zu Konzertformaten ganz viel aus und entwickeln neue Konzepte und es kommt auch vor, dass von diesen Ideen etwas in andere Orchester weitergetragen wird. Es hat sich zum Beispiel vor vielen Jahren aus unserem Orchester die Bremer Kammerphilharmonie entwickelt, oder auch das Ensemble Moderne.

terzwerk: Wie ist das interne Interesse der Orchestermitglieder an neuer Musik?

Anna: Das kann man gar nicht verallgemeinern, wir sind ein sehr diverser Haufen und dementsprechend haben wir auch alle verschiedene Interessen. Ich glaube, da gibt es alles an Meinungen.

terzwerk: Wie würdet ihr denn beurteilen welchen Stellenwert heute die neue Musik gegenüber der herkömmlichen klassischen Musik hat?

Johanna: Das Musikrepertoire geht ja weiter und dementsprechend ist es auch wichtig sich damit auseinanderzusetzen. Es hat absolut seine Berechtigung.

Anna: Außerdem sieht man ja auch an den Konzertprogrammen der großen Häuser, dass neue Musik immer öfter aufgeführt wird.

terzwerk: Also beobachtet ihr da einen positiven Trend?

Johanna: Ja, definitiv. Die Junge Deutsche Philharmonie leistet da einen wichtigen Teil in unserer musikalischen Ausbildung, denn hier haben wir die Chance, uns, wie bei dieser Arbeitsphase, aber auch in kleineren Kammermusikprojekten, intensiv mit dem zeitgenössischen Repertoire auseinanderzusetzen. Im Hochschulalltag gibt es auch, natürlich abhängig von der Hochschule, viele Angebote im Bereich neue Musik, aber man hat selten die Möglichkeit, auch mal größere Werke auf die Bühne zu bringen. Hier in der Kölner Philharmonie hat die Junge Deutsche Philharmonie 2013 zum Beispiel Bernd Alois Zimmermanns „Requiem für einen jungen Dichter“ aufgeführt, das war ein unglaubliches und bereicherndes Konzerterlebnis!

Anna: Wir bekommen in den Hochschulen auch teilweise direkt die Prozesse mit, wenn wir Kompositionen von unseren Kommilitonen spielen. Und es wäre keine umfassende Ausbildung, wenn wir uns nur mit dem beschäftigen, was bereits war, sondern auch mit dem, was gerade ist.

terzwerk: Glaubt ihr, es wird irgendwann keine klassischen Komponisten mehr geben?

Anna: Auf keinen Fall. Es entwickelt sich ja alles aus der Vergangenheit heraus. Alle bisherigen Komponisten haben sich von vorherigen Stilen beeinflussen lassen. In Bernsteins West Side Story gab es zum Beispiel eine Fuge. Und auch die Komponisten von heute beschäftigen sich immer wieder mit den „alten“ Sachen. Und so wird es auch immer weitergehen.