Ein Meer von Geräuschen

“Sie erfahren jetzt einen Bericht von der Fregatte Medusa, die Schiffbruch litt auf einer Reise nach Afrika, und hören die wahre Beschreibung der Schicksale, die den Gescheiterten widerfahren sind”. Charon, Fährmann der griechischen Mythologie, Vermittler zwischen den Welten und an diesem Abend unparteiischer Sprecher, steht auf einer durchsichtigen Plattform. Er ist elegant gekleidet: schwarzer Anzug, Fliege, weißes Hemd. Seine Hose ist hochgekrempelt, denn er steht bis zu den Knöcheln im Wasser. Ihm allein gehört die Bühne, als er den Prolog zu Hans Werner Henzes Das Floß der Medusa rezitiert.

“Dies ist die Seite der Lebenden. Dies ist die Seite der Toten. Denn unser Bericht spricht mit zweierlei Stimme.” [Charon, Prolog]

Tilo Werner ist in der Rolle des Charon vom ersten Moment an präsent, präzise, ausdrucksstark. Er nimmt das Publikum mit an Bord der französischen Fregatte Méduse, die wie vor 200 Jahren in Richtung der afrikanischen Kolonien in See sticht und schließlich durch menschliches Versagen auf eine Sandbank läuft. Die Offiziere, reichen Kaufleute und Geistlichen retten sich auf die Beiboote, während für die restlichen 154 Passagiere ein Floß zusammengezimmert wird. Sie werden – zum Teil mit Waffengewalt – auf das Floß gezwungen. Ihnen werden zwei Fässer Wein, ein Fass Wasser und ein Fass Zwieback mitgegeben. Das Floß soll von den Booten abgeschleppt werden. Als dies misslingt, kappt man die Seile und lässt die dicht an dicht gedrängten Menschen, denen das Wasser bis zur Hüfte steht, auf dem Meer treibend zurück.

Die Bühne ist nach Henzes Anweisungen in eine Seite der Lebenden und eine Seite der Toten aufgeteilt. Zu Beginn des Oratoriums befinden sich auf der Seite der Toten nur ein Teil des Orchesters und La Mort (Marisol Montalvo). Im schwarzen Abendkleid durchschreitet sie ihre Domäne, ruft sirenengleich nach den Seelen der “Vielzuvielen”. Sie lockt mit ihrem Gesang, manchmal sanft und warm, manchmal laut und schrill oder kühl und fremd, stets geschmeidig zwischen Sprechen und Singen wechselnd. Sie wartet, hält sich im Hintergrund, ist immer nah. Sie weiß, dass die Menschen auf dem Floß verloren sind.

Noch weilen die Sänger jedoch im Reich der Lebenden. Angeführt von dem Matrosen Jean Charles (Holger Falk) versuchen sie, sich ihrem Schicksal zu widersetzen. Die Stimmen der Vielzuvielen, immer wieder ergänzt von den Berichten Charons, lassen das ganze Elend der Situation zu Tage treten. Die ersten Opfer sind die Kinder. Der Knabenchor der Chorakademie Dortmund beeindruckt mit seiner Klarheit und Tonsicherheit und die Sängerinnen und Sänger des ChorWerks Ruhr und der Zürcher Sing-Akademie stehen den Jüngsten in nichts nach. Sie alle meistern scheinbar mühelos die komplex in sich verwobenen Tonreihen, die auf einer einzigen Zwölftonskala basieren.

      Klangeindruck -Das Floß der Medusa

Falk singt mit unglaublicher Intensität und Flexibilität, man hofft, leidet, schreit und resigniert mit seinem Jean Charles. Er ist das Gesicht der Verlorenen, der Verratenen. Wenn Montalvo mit jenseitiger Stimme nach ihm ruft und sich beide im Duett begegnen, scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen. Unter der Leitung von Steven Sloane werden die Bochumer Symphoniker integraler Bestandteil dieses großen Tongemäldes.

„Wir haben kein Gesetz, und wir sterben, weil Königreiche kein Gewissen haben.“ [Libretto, Ernst Schnabel]

Wie die Menschen auf dem Floß schmerzlich erfahren, gibt es viele Wege, auf offener See zu sterben: Hitze, Hunger, Durst, Fieber und Schwäche fordern ihren Tribut. Einige begehen Selbstmord, andere werden zu Tode getrampelt. Manche werden über Bord geworfen. Einige werden umgebracht, um dem Rest als Nahrung zu dienen. Jenseits der Zivilisation dauert es nicht lange, bis Menschen übereinander herfallen, um zu überleben. Der Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó wurde damit beauftragt, für die “Spannung zwischen dem nicht mehr zu leugnenden Unrecht Europas, den sichtbaren Katastrophen an den europäischen Außengrenzen […], sowie der Zeitlosigkeit der Metapher”, die Henzes Werk laut Programmbeschreibung ausdrückt, einen szenischen und visuellen Rahmen zu kreieren. Und scheitert damit spektakulär.

Alles an Mundruczós Inszenierung ist klinisch sauber und reicht von plakativ bis kitschig. Ein weißer Strand mit grünem Gestrüpp, der als Sandbank und Meeresboden fungiert. Seifenblasen – der letzte Atem der Ertrinkenden? -, die aus dem Boden aufsteigen. Jede Menge strahlend blaues Wasser. Haie. Nichts davon wird der Komplexität der Musik oder der potenziellen Tragweite des Stückes gerecht. Darüber hinaus beginnt diese szenische Untermalung bereits früh, die sanften, intimen Momente der Musik empfindlich zu stören.

Das von einer kleinen Walze angetriebene Wasserbecken, das Charon zu Beginn als Plattform diente und das für den Rest der Vorstellung über der Bühne schwebt, erzeugt ein beständiges Sirren. Möglicherweise ist es einfach Pech, mit einem Platz in der vierten Reihe so nah an der Bühne zu sein. Als jedoch die Sandbank mit der Lautstärke von einem dutzend Regenstäben durch ein Gitter rieselt, um eine Ansammlung menschlicher Gebeine zu offenbaren, frage ich mich nicht nur, wie man das dieser wunderbaren Musik antun konnte, sondern auch, wie wenig dem Publikum hier zugetraut wird. Diese Art der Bildsprache ist auf dem Niveau eines Hollywood B-Movies und zieht die Intensität der musikalischen Sprache nahezu ins Lächerliche.

Ich habe mir noch nie so sehr gewünscht, dass alle einfach in barocker Manier auf der Bühne stehen und singen mögen. Die Nebengeräusche reissen mich immer wieder aus der Handlung, lassen mich darum kämpfen, nur auf die Musik zu achten, und stehlen mir am Ende doch die leisen Momente. Als zu den letzten Takten des Werkes hinter dem Orchester Gesichter – mit Immigranten? – auftauchen und das Wort “WIR” umrahmend einen Gegenwartsbezug herstellen, ist das zu wenig, zu spät. Es ist schade um so viel verschenktes Potenzial.

Credits:

alle Fotos und Beitragsbild: ©Ursula Kaufmann / Ruhrtriennale 2018

Klangbeispiel: Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung durch die Pressestelle der Ruhrtriennale 2018

Skizze des Floßes: gemeinfreies Bild

Hintergrundbild: Robert Couse-Baker / without a trace / (CC BY 2.0)