Lipstick-Equality im Konzertsaal

Kaum ein Thema beschäftigte die Musikwelt Anfang des Jahres mehr als die Mobbingvorwürfe gegen den Stardirigenten Daniel Barenboim. Dabei könnte man dieses Problem doch so einfach lösen: Ein Orchester dirigiert von einer großartigen, hoch professionellen Roboter-Dirigentin. Das Ende von Mobbing, Diskriminierung und Ungleichbehandlung in der klassischen Musikwelt! Daniela Barenboim als Retterin aller Vernachlässigten! Oder…?

Daniela Barenboim

20.30 Uhr. Es ist stickig. Dunkelheit breitet sich über die Sitzreihen aus. Nur der rote Vorhang wird von einem großen Lichtkegel beleuchtet. Leises Hüsteln und eiliges Bonbonpapierrascheln erfüllen den Raum. Spannung liegt in der Luft. Der „Equal in Music“ – Konzertsaal in Berlin ist bis zum letzten Sitzplatz ausverkauft.

Daniela Barenboim. Sie rollt mit Speed eine kleine Rampe zum Dirigentenpult herauf. Das Publikum klatscht wie verrückt. Daniela trägt ein bodenlanges rotes Abendkleid mit einer schwarzen Federboa, die ihre metallisch glänzenden Schultern umspielt. Ihr Gesicht, ausdruckslos und kalt, ist gekrönt von einem Diadem aus Federn. Die dunkelrot gefärbten Lippen der Königin der Klassik hauchen ihrem sonst so regungslosen Mund Leben ein. Sie verbeugt sich vor dem Publikum.

Noch während der Applaus im Saal erklingt, betreten die Musiker*innen, allesamt mit Federboas geschmückt, die Bühne. Groß und klein, dick und dünn, schwarz und weiß. Männer und Frauen. Das Male-Female-Diva-Orchester zeichnet sich durch seine in der Klassikwelt einzigartige Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und Kulturen aus.

Daniela Barenboim dreht sich zu den Künstler*innen um und hebt die Arme. Die Zuschauer*innen, die sie heute zum ersten Mal erleben, sind erstaunt: es fehlt der Taktstock! Stattdessen fliegen wie aus der Pistole geschossen kleine silberne Käppchen von ihren Fingern. Die erste Reihe ist vollkommen aus dem Häuschen: es gibt kostenlose Devotionalien!

Aus Danielas Händen ragen je fünf Lippenstifte in unterschiedlichsten Farben heraus, die im Konzertsaal als ihr Markenzeichen bekannt sind. Mit einem dunkelrot gefärbten zieht sie sich noch einmal die Lippen nach. Die Musiker*innen nehmen ihre Positionen ein. Auf die erste ausladende, ruckartig und mechanisch ausgeführte Geste setzt das Orchester schwungvoll ein. Beethovens Fidelio Ouvertüre.

In der zweiten Hälfte des Stücks passiert dann das Unglück. Der Mann neben der Konzertmeisterin vergeigt die Generalpause. Eine nervöse Anspannung zuckt wie ein Blitz durch das Orchester. Als ob sie das Schlimmste erwarten würden, gehen die Musiker*innen in Deckung. Daniela dirigiert emotionslos weiter, doch bei der nächsten ruckartigen Bewegung ihrer Hände schießen alle Lippenstifte aus ihren Fingern. Wie Düsenjets jagen sie zielsicher auf das Gesicht des Übeltäters zu und vermischen sich in verschiedenen Farbtönen auf seiner Haut und seinem weißen Frack.

«Mist! Schon wieder eine teure Reinigung!», denkt der erste Geiger traurig, während die Streicher im piano vor sich hin tremolieren. «Wovon soll ich meine Miete bezahlen?! Das Frackgeld reicht niemals für noch eine Reinigung, und ich muss noch meinen Psychotherapeuten bezahlen, damit er mir meine Lippenstiftparanoia aus dem Kopf treibt. Nicht einmal mein Monatsgehalt wird dafür reichen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als alles zu beenden.» Gesagt, getan. In der nächsten Streicherpause nimmt er seine A-Saite ab und bindet sie unauffällig um den Bogen der Konzertmeisterin. Das andere Ende knotet er sich fest um den Hals. Der nächste Streichereinsatz. Die Konzertmeisterin hebt den Bogen zum Abstrich. Die Schlinge zieht sich zu.

Laut Statistik haben Musiker*innensuizide seit der Einführung digitaler Dirigenten um 17,37 % zugenommen.

Fotocredits:

Daniela Barenboim: terzwerk-Redaktion

Hintergrundbild: pexels.com CCO

Lippenstifte: Photo by angeli sinha from Pexels

Soundcloud-Hintergrundbild zum Track “Bunt auf weißem Hemd”: Photo by Amber Lamoreaux from Pexels

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