Fragmente des Grauens

Sie tanzen, sie singen, sie lachen. Um mehrere Säcke herum, die mal auf dem Boden liegen, die sie ein anderes Mal aber auch langsam über die Bühne schleppen. Ein Podium, weiße Tücher, drei Personen, besagte Säcke: mehr braucht es im Grunde nicht, um eine grausame Geschichte einfühlsam zu erzählen.

Photographies de répétitionsCongoDirection artistique : Faustin LinyekulaTextes : Eric VuillardAvec : Daddy Moanda Kamono, Faustin Linyekula, Pasco LosanganyaBande son : Franck Moka, Faustin LinyekulaCréation lumières : Koceila Aouabed

Die Demokratische Republik Kongo ist ein Staat in Zentralafrika und ehemalige belgische Kolonie. Der Franzose Éric Vuillard aber behauptet in seiner Erzählung “Congo”, es gäbe ihn nicht, die Kolonialisten hätten diesen Staat bloß erfunden. Faustin Linyekula, kongolesischer Tänzer und Choreograph, hat aus “Congo” eine humorvolle und gleichzeitig schockierende Auseinandersetzung mit seiner Landesgeschichte kreiert, die sich irgendwo zwischen Geräuschen, Gesang, Tanz, Lesung und Theaterspiel befindet.

Da steht Linyekula neben Pasco Losanganya auf der Bühne, genau genommen bemalt er sie. “Frankreich”, “Portugal”, “U.K.”, “Belgien” steht jetzt auf den Armen der kongolesischen Sängerin. Dazu liest Schauspieler Daddy Moanda Kamono aus Vuillards Text vor. Er erzählt von der grenzenlosen Freude der Kolonialstaaten, Afrika zu besitzen. Eine Discokugel senkt sich von der Decke, taucht Losanganya in glitzerndes Licht, sodass sie, die Afrika repräsentiert, in vollem Glanz bewundert werden kann. Aber das ist nicht ihre Absicht. Zunächst schreit Losanganya ins Publikum, klagt es an, dann ihre Kollegen auf der Bühne, die jetzt Kolonialisten darstellen. Sie schlägt nach ihnen, verzweifelt, resigniert schließlich, dann bedeckt sie ihren mit Ländernamen beschmierten Körper mit einem weißen Tuch.

“Experten, Experten!”

Photographies de répétitionsCongoDirection artistique : Faustin LinyekulaTextes : Eric VuillardAvec : Daddy Moanda Kamono, Faustin Linyekula, Pasco LosanganyaBande son : Franck Moka, Faustin LinyekulaCréation lumières : Koceila Aouabed

Die Erzählung “Congo” ist eine sehr ergiebige Quelle und Fundgrube für literarische Versuche, zu verstehen, aber auch für bitterböse Ironie. Mit dieser Ironie erzählen Linyekula, Kamono und Losanganya von den Plänen der Kolonialisten, die das Land, mit dem sie spekulierten, nicht einmal ermessen konnten. “Experten! Experten!”, lachen sie, rennen über die Bühne, krümmen sich, springen in Ekstase hin und her. Es wirkt diabolisch, wie sie so daher flitzen, mit lautem Wummern und Brummen sowie Waldgeräuschen im Hintergrund. Wut, die sich hinter viel Galgenhumor verbirgt. Was sich da auf der Bühne abspielt, geht in die Groteske, und damit finden Sängerin, Tänzer und Schauspieler genau die richtige Ausdrucksform für das Unaussprechliche.

Es sind nur Fragmente des Grauens, die Vuillard in seinem Text beschreibt, und in diesem Text hier nur Fragmente der Töne, Tänze, Gesänge, die sich in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord abgespielt haben. Faustin Linyekula, Pasco Losangaya und Daddy Moanda Kamono treffen mit ihrer Version von „Congo“, die rast, wütet, verzweifelt und lacht, einen empfindlichen Nerv. Am Ende halten sie uns den Spiegel vor und wir erkennen: Geschichte und Gegenwart sind nie wirklich voneinander getrennt gewesen.

Fotocredits:

Hintergrundbild: Jörg Brögemann / Ostkreuz / Ruhrtriennale

Aufführungsbilder: Agathe Poupeney

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