Slapstick mit Musik oder: Film ab!

Foto: Roy Export Company S.A.S.

Im Konzerthaus ist heute etwas anders. Zwar stehen ganz normal die Stühle und Pulte auf der Bühne, doch die Pulte haben Leuchten und die Orgel an der Wand hinter der Bühne ist von einem schwarzen Tuch verdeckt. Davor eine Leinwand. Der Zuschauerraum wird komplett dunkel. Dann kommt das Orchester auf die Bühne, die Herren ohne Schwalbenschwanz, der Dirigent gar nur im schwarzen T-Shirt… Was hat Dirigent Gabriel Feltz heute mit seinen Philharmonikern vor?

Als Mensch des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ist man es gewohnt, Bild und Ton bei einem Film zu sehen, man kennt es gar nicht anders. Heute jedoch entführen die Dortmunder Philharmoniker mit ihrem Dirigenten Gabriel Feltz die Zuschauer-/innen in eine Welt vor dem Ton-Film: Live-Filmmusik von Arthur Johnston und Alfred Newman zum Stummfilm „City Lights“ (Lichter der Großstadt) von Charlie Chaplin.

Foto: Anneliese Schürer, Dortmunder Philharmoniker

Ein Film in schwarz-weiß und noch dazu fast ohne Sprache – wie langweilig ist das denn?

Nein, es ist es eben nicht langweilig. Unglaublich, wie „City Lights“ fesselt. Bald hat man vergessen, dass da unter der Leinwand noch ein Orchester sitzt und die Musik produziert, so gebannt ist man vom Film. Jedes Geräusch, sei es eine Autohupe oder ein Türklingeln (als Big-Ben-Klang, der gleichzeitig auch immer einen Szenenwechsel im Film ankündigt) kommt exakt dann, wenn man zur Filmhandlung genau diese Töne oder Geräusche erwartet. Außerdem ist Chaplin nun einmal ein Meister des Slapstick, der die Zuschauer-/innen regelmäßig zum Lachen bringt.

Die Handlung dreht sich um einen Landstreicher namens Tramp (englisch für wandern, umherziehen), gespielt von Chaplin selbst. Tramp läuft durch eine amerikanische Großstadt in den 1930er Jahren, ist zerlumpt, grüßt aber immer jeden höflich mit der erhobenen Melone. Trotz seiner Höflichkeit wird er oft schlecht behandelt, behält aber seinen Sinn für Freundlichkeit und Mitgefühl. Tramp lernt eine blinde junge Frau (Virginia Cherrill) kennen, die Blumen verkauft. Tramp verliebt sich in sie und möchte ihr aus ihrer Geldknappheit und wegen ihrer Blindheit helfen – doch wie? Zufällig entdeckt er an einem Flußufer in der Stadt einen Millionär (Harry Myers), der sich ertränken will. Tramp kann ihn davon abbringen – und der Millionär lädt ihn in sein Haus ein. Seine Gastfreundschaft währt aber nur solange, wie der namenlose Millionär betrunken ist. Wenn er aufwacht, kann er sich immer an nichts erinnern und lässt Tramp von seinem Butler rauswerfen. Durch Gelegenheitsarbeiten als Straßenkehrer oder Boxer kann Tramp auch etwas Geld verdienen – und gerät dabei in einige lustige Situationen. In der Zeitung steht eines Tages zu lesen, dass es in Wien einen Arzt gebe, der Blindheit heilen könne. Doch ob und wie er der jungen Frau, in die Tramp verliebt ist, helfen kann….

Foto: © Roy Export Company S.A.S.

Es ist das Zusammenspiel von Musik und Bild, das die Tragik und Komik des Films „City Lights“ so spannend und unterhaltsam macht. Wo die gesprochene Sprache im Film weitgehend fehlt, muss die Musik die Stimmung oder die Gefühle für die Zuschauer-/innen deutlich machen. Sowohl Chaplin als Regisseur und Hauptdarsteller wie auch die beiden Filmmusiker Arthur Johnston und Alfred Newman verstehen es, Handlung und Musik nie ins Süßliche oder Triviale abdriften zu lassen.

Nur wenige Male sind Textfelder als Einblendung zwischen den Bildern im Film zu sehen. Zum Beispiel als der Millionär zusammen mit Tramp nach einer im Tanzlokal durchzechten Nacht im Auto sitzt. Er ist so besoffen, dass er Schlangenlininen fährt und plötzlich fragt: „Am I driving?“

Lautes Lachen im Publikum des Konzerthauses. Der weniger betrunkene Tramp muss das Steuer übernehmen. Für die Szene im Tanzlokal gibt es einen lebhaften Charleston von den Dortmunder Philharmonikern, der die Drehbewegungen der tanzenden Paare spürbar macht, während die Heimfahrt in Schlangenlinien mit abgezogenen gedämpften Posaunentönen und Pfeiftönen erfolgt. Ein abruptes Ratschengeräusch beendet die wilde Fahrt. Der Rausschmiss Tramps aus dem Haus des Millionärs erfolgt durch polternde Geräusche aus der an diesem Abend vielseitig aufgestellten Perkussionsfraktion. Wenn Tramp und das blinde Blumenmädchen aufeinander treffen, sind sanfte, lange Geigentöne im Walzertempo zu hören. Wenn die Melodie sich ins Tragische färbt, wird Tramp die Aussichtslosigkeit dieser Liebe klar. Es bedarf fast keiner Worte, man weiß als Zuschauer-/in immer, was die Filmfiguren gerade sagen, denken, fühlen.

Herrlich ist auch der Slapstick bei „City Lights“, der nie langweilig wird. Die Figur Tramp schafft es so gut wie in jeder Situation, sich irgendwie trottelig zu benehmen, so dass die komischsten Situationen entstehen. Auf einer Party im Haus des Millionärs gibt ihm eine Frau aus Spaß eine Pfeife in den Mund. Tramp verschluckt die Pfeife und bekommt einen Schluckauf: jedes Mal, wenn er atmen will, pfeift es. Das stört die Band und den Sänger, die gerade im Film anfangen wollen zu spielen: grandios, wie die Dortmunder Philharmoniker diese „Orchester-Dopplung“ als „synchron“-spielendes Ensemble hinbekommen haben! Noch dazu der richtige Einsatz für den Perkussionisten genau dann zu pfeifen, wenn Tramp vom Schluckauf geschüttelt wird. Als Tramp hinausgeht und unregelmäßig pfeifend auf der Bank sitzt, meint ein Taxifahrer, gerufen worden zu sein; zwei Hunde stürmen auf Tramp zu, weil er „nach ihnen gepfiffen“ hat – wieder lautes Lachen im Publikum.

Foto: Anneliese Schürer, Dortmunder Philharmoniker

Schon wie im vergangenen Dezember, als Dirigent Gabriel Feltz mit dem BVB-Spieler Neven Subotic zu Filmmusik ins Konzerthaus eingeladen hat zeigte sich auch an diesem Abend, wie richtig es ist, neue, ungewöhnliche Konzertformen auszuprobieren. Auch heute gab es am Ende großen Applaus. Das Konzerthaus war ausverkauft. Es waren nicht nur grau- und weißhaarige Köpfe im Publikum zu sehen. Die Stimmung war gelöster, was anhand der zahlreichen Lacher und auch bedauernden „ooohs“ bei den tragischen Momenten des Films zu bemerken war. Ein guter Weg, um vielleicht auch mal mehr junge Leute für eine Mozart- oder Bruckner-Symphonie ins Konzerthaus zu bekommen?

10 Kommentare

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