Ein Grenzgänger musikalischer Sprachen

Sommer 2020. Während in Deutschland die Stilllegung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens schon länger vorbei ist, beginnen in Österreich bereits wieder die ersten Beschränkungen des öffentlichen Lebens durch die Corona-Lage. Da Reisen in dieser Zeit nur eingeschränkt möglich ist, treffe ich den Perkussionisten Christoph Sietzen per Videochat aus seinem Wohnzimmer. Ein Künstler, für den der Klang des Schrotts eine ganz normale musikalische Sprache ist.

Gebannt schaue ich in meinem Zimmer auf den schwarzen Bildschirm. Der Name „Christoph Sietzen“ erscheint schon mal. Hören kann ich ihn allerdings noch nicht. Und sehen kann ich nur eine einfach gezeichnete, graue Figur auf weißem Hintergrund. Länger als je ein Intervieweinstieg gedauert hat, warte ich auf meinen Gesprächspartner. Ich nutze die Zeit, um schnell noch einen Schluck Tee zu trinken. Gleich werde ich ihm eine Menge Fragen stellen. „Hallo?“, höre ich eine Stimme hoffnungsvoll fragen. „Ich hatte gerade ein paar technische Startschwierigkeiten.“ Endlich ist das erlösende Zeichen da, unser Treffen kann beginnen. Von seinem Zuhause kann ich relativ wenig sehen, genauso wenig wie von seinem Marimbaphon. Er scheint auf einer cremefarbenen Couch zu sitzen. Zumindest lässt das die cremefarbene Kante des Sofas, die ich erahnen kann, als er den Bildausschnitt etwas korrigiert, vermuten. Die Wand dahinter ist bis auf das Bild einer rosafarbenen Orchidee ebenso weiß. Wie in dieser Zeit so üblich, beginnen wir unser Gespräch mit Corona und reden darüber, wie es sich für Künstler und Künstlerinnen anfühlt, gerade nicht auf der Bühne stehen zu können.

Was ist eigentlich ein Marimba?

Das Marimbaphon (oder auch die/ das Marimba) ist ein Schlaginstrument und gehört zur Familie der Stabspiele. Vom Aussehen her ähnelt es dem Xylophon, allerdings ist es größer, hat eine tiefere Lage (Bass – Alt) und weist einen größeren Tonumfang auf. Die Klangstäbe sind dünner und aus einem weicherem Holz gefertigt, weshalb der Klang weicher und voller ist. Ein wesentliches Merkmal sind außerdem die Resonanzröhren, die jeweils unter den Klangstäben montiert sind. Sie sorgen für den charakteristischen tieferen Klang des Marimbas im Vergleich zum Xylophon. Gespielt wird das Instrument mit ein, zwei oder mehreren Schlägeln pro Hand, die die Klangstäbe jeweils anschlagen. Aufgrund des weichen Klangs wird das Marimba mittlerweile häufiger als Soloinstrument eingesetzt als das Xylophon.

 

 

 

„Klar will man auch wieder auftreten“, erzählt er mir enthusiastisch. „Aber es ist nicht so, dass man sonst nichts zu tun hat.“ In der Zeit der massiven Einschränkungen durch die Coronakrise im Frühjahr hat der Schlagwerker sich vor allem Videoprojekten des Konzerthauses Wien, des Brucknerhauses in Linz und einem Charity-Projekt der Dirigentin Alondra de la Parra gewidmet. Unter dem Titel „The impossible orchestra“ hat sie Stars aus aller Welt an verschiedenen Orten zusammengetrommelt, um gemeinsam das Stück „Danzon No. 2“ des mexikanischen Komponisten Arturo Márquez in einem Video aufzuführen. Dabei war es der Dirigentin wichtig, dem Video nicht den Charakter eines selbsterstellten Homevideos zu geben, sondern die Produktion professionell wie eine Aufnahme in einem Konzertsaal erscheinen zu lassen. Nach den Aufnahmen folgten mehrere Monate der Nachproduktion, dessen Leitung die Dirigentin persönlich übernahm. Ein Ziel ihres Projektes war es außerdem, auf die Situation von Frauen in ihrem Heimatland Mexiko aufmerksam zu machen, die dort besonders unter den Folgen der Pandemie wie z. B. häuslicher Gewalt und Armut zu leiden haben.

Unter den mitwirkenden Stars der Klassikszene, wie z. B. der Hornistin Sarah Willis oder dem Geiger Maxim Vengerov, braucht sich Sietzen nicht zu verstecken. Mit seinen 28 Jahren gilt er in der Szene als eines der größten Ausnahmetalente und wurde bereits u.a. mit dem OPUS KLASSIK ausgezeichnet. Gefeiert wird er von der internationalen Presse vor allem für seine melodische Stärke und die „von enormer Feinheit und Sensibiltät“ (Corinna de Fonseca-Wollheim, The New York Times) geprägten Klänge, die er auf dem Marimba erzeugt. Manche sprechen sogar von „sinnlichem Klangschwelgen“ und „virtuoser Schlagtechnik-Hexerei“ (Spiegel online).

Wie viel Magie Sietzen wirklich zum Musizieren auf seinem Marimbaphon braucht, verrät er mir nicht, aber, dass sie einen entscheidenden Beitrag zu seiner Karriere geleistet hat. „Ich kann mich noch an diese Kindergartengruppe erinnern und wie wir da auf dem Xylophon gespielt haben“, berichtet er.  „Das hat mir großen Spaß gemacht, und es hat ja auch etwas Magisches, auf so ein Stück Holz drauf zu hauen, das mit einem Schlägel zu berühren und dann kommt da so ein toller Ton raus.“ Von da an steht für den jungen Schlagwerker fest, dass er Musiker werden möchte. Aus der Begeisterung für das Xylophon wird mit der Zeit eine tiefe Leidenschaft für das Marimba. Seine Eltern erkennen und fördern die Begeisterung ihres Sohnes. Mit sechs Jahren ermöglichen sie ihm Unterricht bei Martin Grubinger senior, dem Vater des bekannten Perkussionisten Martin Grubinger. „Er legt einfach eine unglaubliche Begeisterung an den Tag“, schwärmt der 28-jährige von seinem ersten Lehrer. „Das nimmt einen als Kind unglaublich mit und motiviert.“

Mit 14 Jahren stellt Sietzen die Weichen auf Professionalisierung und lernt von Leonhard Schmidinger (Perkussion) und Bogdan Bacanu (Marimba), die ihn durch sein gesamtes Studium und darüber hinaus begleiten sollten. Mit letzterem spielt er noch immer im Marimba-Ensemble „The Wave Quartet“.

Was sein Repertoire anbelangt, lässt sich Christoph Sietzen keine Grenzen setzen. Auch nicht durch sein Instrument, wie ein Blick in seine CD-Veröffentlichungen und Konzerte der vergangenen Jahre verrät. Seine stilistische Bandbreite reicht von Barockmusikinterpretationen auf dem Marimba über Bearbeitungen bekannter Popsongs mit dem Wave Quartet, bis hin zu Konzerten für Schlagzeug und Orchester wie Einojuhani Rautavaaras „Incantations“, das Klassik u.a. mit Elementen des Jazz und indisch-afrikanischer Musik verbindet.

Einen Schwerpunkt in seinem Schaffen stellt die Auseinandersetzung mit dem Melodischen dar, genauer gesagt die Suche nach dem Melodischen im Schlagwerk. Dabei haben ihn die häufigen Besuche von Konzerten im Salzburger Mozarteum als Kind mit seiner Familie stark beeinflusst. Dort kommt der Schlagwerker auch mit klassischem Repertoire in Kontakt. „Ich fühle mich schon in dieser Kernklassik sehr zu Hause. Und die gibt’s ja leider für‘s Marimba nicht“, beschreibt er die Motivation, sich in seiner Tätigkeit als Schlagwerker auch mit dem Arrangement z. B. von Bachstücken für Marimba zu beschäftigen. Neben den Cembalo-Konzerten von Bach, die er zuletzt 2017 gemeinsam mit dem Wave-Quartet auf dem Marimba eingespielt hat, interessiert er sich noch für weitere Werke für Streichinstrumente, die er als „unglaubliche Musik“ bezeichnet. Als Musiker gäbe es Stücke, bei denen sich gar nicht die Frage stelle, ob man sie spielen wolle oder nicht. Man wolle das einfach, beschreibt er ein inneres Gefühl, das seine Leidenschaft für die Umsetzung von fremden Repertoire auf dem Marimba leite. „Ich würde auch wahnsinnig gern das Beethoven-Violinkonzert spielen, weil das auch ein Stück für mich ist, bei dem ich das gleiche empfinde, allerdings ist mir da die Gefahr etwas zu groß, dass es dann lächerlich wirkt, weil das Marimba einfach so ein unterschiedliches Instrument ist“, sagt er und lacht.

Natürlich gehe es darum, die Musik mit den Marimbas neu entdecken zu können. Begründet liegt die Faszination für Streichinstrumente aber auch in seinem familiären Hintergrund. Seine Großeltern und sein Onkel musizierten vor allem auf Streichinstrumenten. Sietzen selbst lernte als Kind für eine kurze Zeit, Kontrabass zu spielen. Rückblickend sieht der Schlagwerker die Beschäftigung mit Streichinstrumenten als sehr „lehrreich“ an. „Man ist gezwungen, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Anderem Repertoire, aber auch damit, einen Ton auf einem Streichinstrument zu formen, dadurch, dass man den Bogen hat, ihn halten kann, auf einem Ton ein Crescendo spielen kann – das sind natürlich auch Sachen, die man zu den anderen Instrumenten mitnimmt.

Und das ist auch mein Motto, das Schlagwerk wirklich als Melodieinstrument zu sehen.“

Dieses Motto gilt für ihn auch, was das Musizieren mit Schrott betrifft. Im Laufe seiner Karriere hat er sich schon verschiedenen Projekten gewidmet, bei denen mit Alltagsgegenständen oder Schrott musiziert wird. Zuletzt schrieb der Komponist Georg Friedrich Haas für ihn das „Konzert für Klangwerk und Orchester“, ein Projekt, das im Auftrag der Philharmonie Luxembourg, des Wiener Konzerthauses, des Gürzenich Orchesters Köln und der Casa da Musica Porto entstanden ist. Im Mittelpunkt des Werkes steht eine sogenannte „Klangwand“, die von einem Orchester begleitet werden soll. Sietzen hat dieses Instrument, wie er es selbst nennt, im Auftrag des Komponisten aus diversen metallischen Gegenständen vom Schrottplatz zusammengebaut und es während des Konzerts bespielt. Um den unterschiedlichen Tonhöhen und -stufen der Komposition gerecht werden zu können, wurden aus 50 ursprünglich vom Komponisten vorgesehenen Bestandteilen des Klangkörpers schnell 150, so Sietzen. Neben einem enormen Einsatz für das Projekt lässt sich daran auch ein gewisser musikalischer Forschergeist erkennen. „Mich interessiert Musik im Allgemeinen und ich versuche, sie zu verstehen, zu verinnerlichen und mich Repertoire zu widmen, mit dem ich sonst nicht so in Berührung komme“, beschreibt er den Reiz an solchen Projekten. Ob die Beschäftigung mit der melodischen Barockmusik und gleichzeitig mit Schrott denn kein Gegensatz sei? „Auf manchen Ebenen gibt’s da Gegensätze, bestimmt“, muss er in seiner Antwort zugeben. „Ich glaube, es gibt trotzdem auch große Gemeinsamkeiten in der Sache, worum es geht. Für mich sind das unterschiedliche Sprachen, etwas auszudrücken.“

Professionalität und Perfektion sind für Sietzen in seinem Schaffen sehr wichtig. „Grundsätzlich versuche ich immer – spricht vielleicht nicht unbedingt für mich – den effizientesten Weg zu gehen. Ich schrecke immer davor zurück, Zeit zu investieren in etwas, bei dem ich von vorneherein weiß, da besteht jetzt gar nicht die Möglichkeit, dass das für mich ideal wird“, erzählt er mir. Den von manchen Künstler*innen selbst erstellten Homevideos während der massiven Einschränkungen durch die Pandemie im Frühjar steht er deswegen kritisch gegenüber. Auch wenn sie zwischendurch mal ganz lustig sein könnten und wenn sie einen aktuellen Bezug hätten, „am Schluss finde ich es schade, wenn die Tonqualität oft sehr schlecht ist.“

Bildcredits:

Beitragsbild: © Stefan Sietzen

Hintergrundbild: Wiener Konzerthaus © Lukas Beck

Porträt Christoph Sietzen: © Stefan Sietzen

Marimba: Kuba Bożanowski from Warsaw, Poland, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Foto von der österreichischen Erstaufführung von Georg Friedrich Haas “Konzert für Klangwerk und Orchester” mit dem Radio Symphonie Orchester Wien und Alondra de la Parra im Wiener Konzerthaus, Credit: Wiener Konzerthaus, © Lukas Beck