Blockchain und Musik – ein Match mit Zukunft?

Ein virtuelles Streichquartett vom Handy auf den Wohnzimmertisch beamen? Mechanische Klänge durch Datenhandschuhe am Flügel? Läuft! Die Digitalisierung scheint längst in der Musikszene angekommen zu sein. Was kann da jetzt noch kommen?

In Zukunft nicht mehr so einfach möglich: NFTs sollen Schutz für geistiges Eigentum bieten. © Canva

Jede Menge! Das Ausmaß eines nächsten digitalen Umbruchs – in der Größenordnung der Erfindung des Internets in den 60er Jahren – ist kaum vorstellbar. Seit einiger Zeit ist nun schon von einer neuen digitalen Revolution die Rede. Eine mit Potenzial, die Musikszene zu reformieren. Es geht um Blockchains, genauer gesagt um NFTs – non-fungible-tokens, die in Zukunft Künstler*innen eine faire Zahlungsmöglichkeit ermöglichen und ihr geistiges Eigentum besser schützen sollen.

Doch zunächst: Was ist Blockchain überhaupt? Die Technologie der Blockchain – deutsch: Blockkette – bildet die Grundlage für Kryptowährungen wie z.B. Bitcoins. Es handelt sich um eine Datenbank aus miteinander verbundenen Blöcken, über die Transaktionen zuverlässig digital erfasst und registriert werden können. Über diese Datenblöcke kann Besitztum dezentral dokumentiert werden. Sobald eine Transaktion in einem gemeinsam genutzten Ledger, einem Konto, aufgezeichnet wird, ist der Transaktionsdatensatz nicht veränderbar und somit nicht von anderen manipulierbar. Das funktioniert mit dem sogenannten Hash-Wert, der auf allen Blöcken der Kette vorhanden ist. Jeder einzelne Block kennt außerdem den Hash-Wert des vorherigen Blocks. Somit würde die Kette kaputt gehen, sobald sich der Hash-Wert auf einem Block verändern sollte. Die Sicherheit wird letztendlich durch eine hundertfache Kopie der jeweiligen Blockchain gewährt. Um sie zu fälschen, müssten alle vorhandenen Kopien gleichzeitig verändert werden. Basierend auf der Blockchain wird beispielsweise das Netzwerk der Bitcoin verwaltet, die derzeit größte Kryptowährung auf dem Markt. NFTs sind Technologien, die ebenso auf der Blockchain-Technologie aufbauen und dessen Struktur nutzen. Die Währung, mit der NFTs gehandelt werden, ist Ethereum – die zweitgrößte Kryptowährung nach dem Bitcoin.

©Rūdolfs Klintsons aufPexels
© Rūdolfs Klintsons auf Pexels

Welche Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain ergeben sich dabei für die Musikszene?

In der Musikszene kann diese Technologie genutzt werden, um Urheberrechte klarer zu regeln – ein Problem, das immer wieder diskutiert wird und vielen Künstler*innen Probleme bereitet. So kommt es nicht selten vor, dass Musikaufnahmen minimal verändert und dann illegal zu verschiedenen Zwecken, wie Videoproduktionen, genutzt werden. Die Urheber*innen werden dabei weder genannt, geschweige denn für die Nutzung ihrer Arbeit entlohnt. Das liegt an einer großen Intransparenz, die einer fehlenden übergreifenden Datenbank geschuldet ist, in der alle Rechte klar hinterlegt sind.
Einen möglichen Lösungsansatz bieten NFTs, bei denen es sich anders als bei Bitcoins oder dem Euro, die in jeder Form gleich viel wert und somit austauschbar sind, um nicht austauschbare einzigartige Wertmarken oder -anlagen handelt. Durch sogenanntes „minting“ des NFTs – dem Prägen einer Datei – kann ein Werk zum unverkennbaren Original und fälschungssicher gemacht werden. Dabei wird ihm quasi ein digitales Wasserzeichen hinzugefügt, das für jedes Werk einzigartig ist. 

NFT – fair enough?

Wird ein Werk als NFT auf einer Krypto-Plattform hochgeladen und zum Verkauf angeboten, kann ein direkter Zahlungsfluss zwischen Künstler*in und Käufer*in ermöglicht werden. Der Kauf eines NFT Werkes verläuft via Blockchain – also dezentralisiert. Es werden keine Intermediäre wie Streamingdienste, Labels, Musikverlage oder Verwertungsgesellschaften benötigt. Auch Abgaben an die Plattformen fallen somit nicht an.

Kryptographie = digitale Verschlüsselung = Vertrauen & Sicherheit

Durch sogenannte Smart Contracts – automatisierte Verträge, die in Codes auf dem NFT gemintet werden – können die Urheber*innen selbst die prozentuale Verteilung der Vergütung festlegen. Somit kann beispielsweise jedes Mitglied eines Ensembles sowohl bei einem Erstverkauf als auch bei einem Weiterverkauf des Werkes automatisch anteilig vergütet werden, weil der Vertrag unverändert auf dem NFT gespeichert bleibt. Ein physischer Verkauf hingegen kann das nicht gewährleisten: Beim Kauf einer Schallplatte auf dem Trödelmarkt bleibt das Geschäft ausschließlich zwischen den anwesenden Personen, während beim Weiterverkauf eines NFTs der festgelegte Anteil zu den Urheber*innen gelangt.

Die jeweiligen Künstler*innen bekommen auf direktem Weg ihr Geld ohne monatelange Umwege, wie etwa über die GEMA, und ohne Abgaben an ein Label oder einen Streamingdienst. Das Werk bleibt nach einem Kauf zwar digital verfügbar und kann gestreamt werden, der Besitz bleibt jedoch – bis zum nächsten Weiterverkauf – bei dem*der Käufer*in. Deswegen werden NFTs auch als digitale Sammlerstücke bezeichnet oder als physische Sammlerstücke im digitalen Raum. Anstatt eine signierte CD zu erhalten, erhält der*die Käufer*in eine digitale Datei mit ausschließlichen Eigentumsrechten. Mithilfe der Blockchain-Technologie werden die NFTs zu Originalen, was vor allem persönlichere Beziehungen zwischen Künstler*innen und Nutzer*innen stärken kann. Auf den Krypto-Plattformen kann zudem nachverfolgt werden, wer ein Werk kauft oder hört. Das gibt den Künstler*innen die Möglichkeit, in Kontakt mit ihren Fans zu treten. Durch eine digitale Disruption von Vertrautheit haben NFTs für Musiker*innen das Potenzial, ihre Kunst auf transparente und dezentrale Weise zu vertreiben. Die Künstler*innen entscheiden selbst, an wen sie ihr Werk verkaufen.

© David McBee auf Pexels

Wie erfolgsversprechend sind NFTs?

Ein Nachteil der Technologie liegt darin, dass NFT-Verkäufe meistens über das Ethereum-System laufen, was eine Menge Strom verbraucht. Vor allem bei der Erstellung der kopierbaren Dateien wird ein hoher Rechenaufwand benötigt, was den Stromverbrauch enorm in die Höhe treibt. Umweltfreundlich sind NFTs also nicht – es wird jedoch bereits an ökologischeren Modellen gearbeitet. Gleichzeitig müssen Barrieren abgebaut werden, die sowohl Fans als auch Künstler*innen davon abhalten, der neuen Technologie eine Chance zu geben. Derzeit wird noch ein Zugang zum Kryptomarkt und zu Kryptowährungen benötigt, um mit NFTs handeln zu können. Für viele Menschen sind das bisher noch abschreckende Fremdwörter. Außerdem ist der Kostenfaktor, ein NFT zu minten sehr hoch, sodass es für viele kleine Künstler*innen derzeit gar nicht in Betracht kommt.

Ein Künstler, der bereits in den Markt eingestiegen ist, ist der Pianist und Komponist Kaan Bulak. Sein Stück Falling In A Dream hat er im März 2021 als NFT gemintet und verkauft.

Do Your Own Research

Das Stichwort ist wie so oft „Do Your Own Research“! – Risiken gibt es überall, wo Geld im Spiel ist. Wenn man nicht aufmerksam ist, entstehen Sicherheitslücken – beispielsweise sollten die Server und Urheber*innen genau gecheckt werden und auch die jeweiligen Links sollten genau geprüft werden. Der NFT-Markt ist sehr jung und ohne große Erfahrungswerte. Es ist kein sicheres Investment.

Die ersten NFTs gab es übrigens schon 2017, ihren Weg in das Musikgeschäft fanden sie allerdings erst vor kurzem. Das Konzept hat Potenzial, in der praktischen Umsetzung nutzen es bisher jedoch nur Künstler*innen, die sich in der Musikbranche bereits einen Namen gemacht haben und über entsprechende finanzielle Mittel verfügen. Die Infrastruktur von Blockchains für die Musiklandschaft ist also noch ausbaufähig. Um eine solche neue Möglichkeit nachhaltig zu realisieren, braucht es Zeit. Langfristig wird die Technologie aber wohl an Wachstum zunehmen. Bis Juli 2020 lag der Umsatz, der mit NFTs gemacht wurde bei 100 Millionen Dollar, Anfang 2021 bereits bei ca. 2 Milliarden Dollar. Wie lange der Hype anhalten wird, oder ob NFTs sich schon bald fest auf dem Musikmarkt etablieren, bleibt abzuwarten.

Werden sich NFTs langfristig als Schutz des geistigen Eigentums in der Musikszene etablieren? © Canva

Stehen wir am Beginn einer kulturellen Revolution? In der Szene werden Blockchains jedenfalls schon als die nächste digitale Revolution gefeiert – die nächste nach der Eroberung des Internets. Wer jetzt genug von Kryptowährungen, -plattformen und Blockchains hat, setzt sich am besten Kopfhörer auf und hört sich den Song Satoshi Nakamoto von Gramatik an. Das Pseudonym gilt als Erfinder der Bitcoin – bis heute ist jedoch unklar, wer genau dahintersteckt. Genauso unklar, wie die Auswirkungen, die NFTs auf den breiten Musikmarkt wirklich haben werden.