Eine menschliche Orgel

Foto: Guy Kokken

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Fünf Typen, fünf Saxophone, 250 Jahre alte Musik. Die Kombination ist abgefahren, der Wille dahinter unbändig: Als 1988 ein paar Musiker die Saxophon-Combo “Bl!ndman” gründeten, hatten sie vor allem das Ziel, neue Spielweisen auf dem Saxophon zu erfinden und zu erproben. Dieser Anspruch besteht bis heute. Bei der Ruhrtriennale 2016 legen sich die Fünf mit einem Giganten an. In ihrem aktuellen Programm “32 foot – the Organ of Bach” stellt sich die Combo den Orgelwerken Johann Sebastian Bachs. Richtig: Orgelmusik auf dem Saxophon.

Diese barocke Musik auf Instrumenten zu spielen, die erst über 100 Jahre später erfunden wurden, ist mehr als eine Herausforderung – vor allem, weil die Musik ursprünglich für die sogenannte Königin der Instrumente geschrieben wurde, die so schnell keiner klanglichen Konkurrenz fähig ist. Das liegt unter anderem an ihrer besonderen Konstruktion: Die Orgel ist ein mechanisches Blasinstrument. Sie erzeugt grundsätzlich einen Ton ohne Vibrato. Der Klang ist zwar durch Luft erzeugt, aber er ist statisch. Damit ist die Orgel in der Lage, einen Ton im Prinzip bis in alle Ewigkeit halten zu können, ohne dass er in der klanglichen Qualität nachlässt oder sich verändert. Komponisten wie Johann Sebastian Bach bedienten sich gerne dieser Fähigkeit.

Obertöne und tiefste Register

Neben dem Dauerluftstrom gibt es Register, die Einheiten von Pfeifen mit gleicher Klangfarbe bündeln und künstlich die in einem Ton enthaltenen Obertöne verstärken. In der Romantik wurden neue Register entwickelt, die den Klang anderer Instrumente nachahmen, von Holz- und Blechblasinstrumenten bis hin zu Streichinstrumenten und Glocken. Manche Register haben eine Tiefe, wie sie kein Orchesterinstrument erzeugen kann. Schon die fast fünf Meter langen 16-Fuß-Pfeifen schaffen Töne, die selbst ein Kontrabass in der untersten Lage gerade noch erreichen kann. 32-Fuß-Pfeifen klingen noch einmal doppelt so tief. Die Bl!ndman-Combo benutzt deshalb ein Instrument, das in Kombination mit einem elektrischen Octaver diese manchmal nur noch als Vibration wahrnehmbaren Töne erzeugen kann: das Tubax, eine Mischung aus Tuba und Saxophon, eine Weiterentwicklung des von Adolphe Sax entwickelten Kontrabass-Saxophons.

Wie Grüner Eric Sleichim überhaupt darauf kam, Orgelmusik mit seinem Ensemble zu spielen, erklärt er im O-Ton:

„Das ist eine wirklich lange Geschichte. Als ich mit dem Quartett gestartet habe, hatte ich nicht die Intention, solche Arrangements zu schreiben. Die ersten zehn Jahre haben wir tatsächlich nur an zeitgenössischer Musik gearbeitet, und während dieser Zeit war es notwendig, trotzdem nah an der klassischen Musik zu bleiben, an der klassischen Harmonie, also wurde es irgendwann zur Tradition, jede Probe damit zu beginnen, vierstimmige Bach-Choräle zu spielen, um klanglich und harmonisch zusammenzukommen, gemeinsam zu atmen, gemeinsam anzufangen, und das wurde eine fast mystische Erfahrung – denn wir haben natürlich viele Konzerte mit zeitgenössischer Musik gegeben und auch in Kirchen gespielt. Und dann diese Choräle bei Proben in den Kirchen zu spielen, war eine erstaunliche Erfahrung.“

Irgendwann fingen auch Konzertbesucher an, mehr und mehr nach dieser Musik, interpretiert vom Saxophonquartett, zu fragen – und also machte Sleichim sich auf die Suche. Erst, erzählt er, fand er die Orgelpartiten, die der 15- bis 25-jährige Bach als Variationen über die Choräle für Orgel komponiert hatte. „Ich fand heraus, dass Bach in jeder dieser Partiten jeweils eine andere Kompositionstechnik verwendet hat, und das war unglaublich interessant für uns“, sagt Sleichim.

Zunehmend wagte sich das Ensemble an die barocke Orgelmusik heran, und Sleichim merkte: Die vier Saxophone kommen gemeinsam sehr nah an einen realen Orgelklang heran. Mit Zirkuläratem können die Musiker, die schon seit 20 Jahren miteinander arbeiten, extrem lange Passagen und Orgelpunkte spielen, ohne zwischenatmen zu müssen. Trotzdem gibt es bei der ganzen Sache aber ein paar Probleme, wie Sleichim erklärt – aber auch Lösungsansätze, mit denen Bl!ndman seit einigen Jahren auch die großen Bach’schen Orgelwerke spielen können:

„Immer wieder gab es Anfragen für die großen Orgelstücke von Bach, sodass ich irgendwann gesagt habe: Okay, ich höre es mir an und ich versuche einige Stücke davon zu arrangieren, aber ich habe ein erstes großes Problem: Die Musik geht viel zu tief für das Saxophon-Quartett, man hat all die Pedalläufe, die sogar nochmal eine ganze Oktave tiefer sind, und speziell das 32-Fuß-Register ist einfach viel zu tief für das Bariton-Saxophon. Und das Kontrabass-Saxophon, das Adolphe Sax entwickelt hat, ist unmöglich für diese Musik: Es ist zu langsam, hat keinen fokussierten Sound und so weiter. Und dann habe ich entdeckt, dass der deutsche Instrumentenbauer Benedikt Eppelsheim, der in München arbeitet, vor etwa zehn Jahren eine neue Version des Kontrabass-Saxophons entwickelt hat, die viel kompakter ist. 

Das Instrument ist nur halb so groß, das ist ein völlig neues Konzept: Es hat einen sehr fokussierten, klaren Sound, und es spricht gut an. Also bin ich nach München gefahren, um es auszuprobieren, und das war eine echte Revolution, ich fand es unglaublich. Und dann entschied ich: Wir machen diese Musik. Es ist nach wie vor eine Herausforderung. Das liegt auch an der Kompositionsweise: Bach schrieb sehr große, lange Linien, die von ganz unten nach ganz oben und wieder zurück gehen, und das Saxophon hat diesen Ambitus nicht, es hat nur zwei Oktaven plus Sexte. Also muss man in dieser Musik, wenn man sie arrangiert, von einem Instrument zum nächsten wechseln, ohne dass man hört, dass man vom Bariton- zum Tenor- zum Alt- zum Sopransaxophon geht. Das ist die größte Herausforderung für uns bei dieser Musik. Aber auf der anderen Seite, glaube ich, dass es ein Vorteil dieser Interpretation ist, dass wie gegenüber dem Organisten, der alles mit seinen beiden Händen und Füßen alleine spielt, fünf Leute sind, die wir jeder seine Stimme individuell interpretieren und gestalten können. Und ich glaube, dass man diese Musik so hören kann wie neue Musik von Bach, auf eine gewisse Art und Weise.“

Johann Sebastian Bach hat in seiner Orgelmusik eigentlich nie Registrierangaben in seine Partituren geschrieben, und also auch erst recht kein 32-Fuß-Register vorgesehen – außer in einer einzigen Komposition: dem Konzert in d-Moll nach Antonio Vivaldi. Bl!ndman-Gründer Eric Sleichim hat diese einzige konkrete Registrierangabe in Bachs gesamtem Orgelwerk derart inspiriert, dass er das aktuelle Programm “32 foot” entwickelte und ihm diesen Titel gab.

Abgesehen davon existieren Pfeifen in dieser Größe wohl auch erst seit der Zeit nach Bachs Tod, Bach selbst bediente sich wahrscheinlich eher dem akustischen 32-Fuß – der Kopplung zweier Register, deren Schallwellen sich so beeinflussen, dass der Ton doppelt so tief klingt. Dennoch halten diese Erkenntnisse Organisten nicht davon ab, Bachs Musik mit moderneren Möglichkeiten an jüngeren Orgeln neu zu registrieren, wie in dieser Aufnahme der Toccata BWV 564 in C-Dur:

Bl!ndman gehen noch einen Schritt weiter und wagen sich an das scheinbar Unerreichbare. Die fünf flämischen Saxophonisten machen mit ihren menschlichen Lungen Musik, die für die Luftmaschine Orgel komponiert wurde, sie werden quasi zur menschlichen Orgel.

Alte Musik für Saxophon

Eric Sleichim selbst hat die Musik dafür neu arrangiert. Schon 1999 fing er an, Alte und barocke Musik für Saxophonquartett umzuarbeiten. Später traten die Musiker mit Ensembles wie dem Collegium Vocale Gent und dem Huelgas-Ensemble auf, die sich auf Alte Musik spezialisiert haben. 2013 feierte Bl!ndman seinen 25. Geburtstag mit der CD “32 foot”. Auch die Toccata BWV 564 in C-Dur ist Teil des Programms. Bei Bl!ndman klingt das Werk so:

Sleichim selbst spielt das Tubax und macht die Elektronik. Seine Mitspieler sind Koen Maas (Sopransaxophon), Roeland Vanhoorne (Altsaxophon), Piet Rebel (Tenorsaxophon) und Ralf Minten (Baritonsaxophon).

Ungewöhnliche und vertraute Klänge

So ergaben sich bei dem Konzert in der Maschinenhalle auf diese Weise tatsächlich für Bachs Musik ungewöhnliche und doch sehr vertraute Klänge. Einerseits klangen die vielschichten Stimmgewebe transparenter, andererseits war der Klang weniger homogen als der einer Orgel. Die Stimmführungen waren konzentrierter, die Kontrapunktik strenger und schöner herausgearbeitet, als es an einer Orgel möglich wäre, doch es war noch immer der Klang eines Saxophon-Quintetts und nicht vergleichbar mit den bombastischen und erschütternden, sich über das Publikum ergießenden und in ihren Feinheiten nuancierteren Klangwellen, die eine Orgel erzeugen kann.

„Ich würde es nicht wagen, unseren Klang mit dem einer Orgel zu vergleichen“, sagt Sleichim im Interview. „Die Orgel ist ein erstaunliches Instrument.“ Und dennoch: Es tut den so genial und liebevoll ausgearbeiteten Bach’schen Melodielinien gut, wenn sich Melodieinstrument-Solisten ihrer annehmen. Es ist ein bereichernder anderer Blick auf die Schönheit dieser Musik.

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