Beethoven-Bums

Wer ist dieser Ludwig? Grimmiger Blick und wehende Haarmähne können ja nicht alles sein. Der Versuch einer Annäherung – mit Mauricio Kagel.

Es ist ganz normal. Ein Mann im Bademantel steht an einem Waschbecken und rasiert sich. „Beethoven-Bumbum, Beethoven-Bummelei, -Bumserei, Beethoven-Bumselei – alle 2000 Jahre wieder“. Die Anfangssequenz von Mauricio Kagels Hommagefilm an den GröKaZ (größter Komponist aller Zeiten) zeigt, um was es hier geht: Wer ist Beethoven und wenn ja wie viele? Kagel schuf den Schwarz-Weiß-Film 1969 für den WDR, anlässlich Beethovens 200. Geburtstags –  ein Grund zum Feiern!

Bitte hier entlang: Eine Führung

Die Hauptrolle spielt Beethoven selbst. Sein Sichtfeld ist das der Kamera. Wenn er seinen Blick nach unten auf die Füße richtet, sieht man Schnallenschuhe und Samthosenärmel. Ansonsten das, was Beethoven eben so sieht. Das sind zunächst der Bonner Bahnhof, an dem er ankommt, die Innenstadt, ein Plattenladen und das Beethoven-Haus. Nicht das Original, sondern ein nachgebautes von Kagels Künstlerkollegen. Die Türe öffnet ein Fremdenführer, der laut Kagel „eine frappierende Ähnlichkeit mit einem anderen deutschen Führer unseligen Andenkens“ besitzt. Sein Schnurrbart ist winzig, viereckig und fast weiß. Der Rundgang durch das Beethoven-Haus ist skurril. Obwohl der Führer viel erklärt, ist kein Wort zu hören, aus dem Off ertönt beständig Musik, Kompositionen von Beethoven. Die Augen des Betrachters folgen der zäh-langsamen Kamerafahrt, entlang an Vitrinen, Beethovenbüsten, Partiturstapeln. Nachdem Beethoven den Weinkeller und die Rumpelkammer besichtigt hat, folgt schließlich die Küche.

Diese dreieinhalbminütige Sequenz stammt von Joseph Beuys, der sein Atelier in Beethovens Küche verwandelt hat. Der Einstieg in die Szene macht die Performance „Brennender Gully“: Aus einem Gully lodern Flammen, dazu tönt der erste Satz aus Beethovens Neunter, gespielt vom Gesamtdeutschen Kammerorchester. Nach etwa eineinhalb Minuten erscheint schließlich der Filmtitel „Ludwig Van von Mauricio Kagel“ (der ganze Film geht mittlerweile schon dreizehneinhalb Minuten!). Schließlich landet ein gusseiserner Bräter auf dem Gully – die Überleitung zur Küche. Kochtopf mit Deckel, Kochtopf ohne Deckel, Sieb, Brille, Brotscheibe, Äxte. Beuys’ wilde Assoziationen fügen sich wie fehlende Puzzleteile in das Gesamtwerk von Kagel. Am Ende der Küchenszene zeigt sich Beuys selbst, er hält sich die Totenmaske von Napoelon vor das Gesicht und macht dazu krächzende Grunzlaute.

Der Fremdenführer

Danach ist wieder Beethoven dran, er macht sich an die Ausgrabung seiner selbst. Wieder und wieder holt er aus einer mit Wasser gefüllten Badewanne kleine Beethoven-Büsten (Höhe: 42,7 cm) hervor und hält sie in die Kamera. Die Büsten sind aus Schmalz oder aus Marzipan mit Schokoladenüberguss und werden zunehmend deformierter. Ist Beethoven seine eigene Endloswiederauferstehung etwa leid? Man weiß es nicht. Dieser verquere Film stellt sowieso viele Fragen und gibt wenig Antworten. Aber gut, Beethovens Musik werden wir auch nie ganz verstehen können.

Collagenkollaps

Mit der Musik im Film ist das so eine Sache. Natürlich stammt sie ausnahmslos von Beethoven. Kagel hat alte Rundfunkaufnahmen collagiert und teilweise elektronisch bearbeitet und spielt daraus Ausschnitte, mehr oder weniger verfremdet. Die Musik und mit ihr das Beethoven’sche Genie ertönt überall, sogar aus Schiffslautsprechern. In sein Drehbuch schreibt Kagel zur Musik Beethovens:

„Seine Musik wird so klingen, wie Er sie 1826 noch hören konnte. Durchwegs schlecht.“

Trotz quietschenden, kratzigen Tönen verleiht die Musik den Bildern eine Wichtigkeit, die ohne sie vielleicht etwas beliebig wirken würden. Kagel wagt wilde, assoziative Sprünge – ein Jubilus der Montagekunst. Die dazugehörige Verwirrung stiftet er mit Absicht: „Die immanente Lebendigkeit der Collagetechnik beruht vielleicht in der fließenden Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dem Hier und Woanders, zwischen privatem und öffentlichem Bewusstsein.“ Der Zuschauende muss also innehalten und aushalten können, aber es lohnt sich  spätestens bei den kackenden Elefanten ab Minute 85 zu „Seid umschlungen, Millionen“.

„Ludwig Van“ malt der Büste einen Schnurrbart ins Gesicht und hebt den Komponisten vom Sockel. Kagel übt kräftig Kritik, allerdings nicht an Beethoven, sondern seinen Interpreten, Verlegern, Marketingagenturen. Genau wie Beethovens Musik zu seiner Zeit war dieser Film vor 50 Jahren revolutionär. Und die Fragen, die er in den Raum stellt, sind immer noch aktuell: „Tatatataaa“ ist zwar unsterblich, aber wird mittlerweile nicht nur in Plattenläden und CD-Spielern, sondern auch auf Streamingplattformen und DJ-Remixen für die Ewigkeit bereitgestellt. Noch provokanter wäre Kagels andere Jubiläumsidee, die er in einem Spiegel-Interview preisgab: Einfach Beethoven eine Zeit lang nicht mehr aufführen denn durch die Abwesenheit der Musik könne man ihren Wert umso besser schätzen.